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Schattenväter

Schattenväter
dokumentation , deutschland 2005
original
schattenväter
regie
doris metz
drehbuch
doris metz
cast
matthias brandt,
pierre boom, u.a.
spielzeit
93 Minuten
kinostart
10. November 2005
homepage
bewertung

6 von 10 Augen

 

1974 trat der Bundeskanzler Willy Brandt, dessen symbolträchtiger Kniefall von Warschau die Entspannungspolitik im Kalten Krieg eingeleitet hatte, überraschend zurück, unter anderem, weil sein persönlicher Referent Günter Guillaume als ostdeutscher Spion enttarnt worden war. Guillaume war kurz zuvor mit seiner Frau verhaftet worden. Doch mit diesem Ereignis änderte sich nicht nur die deutsche Politik, sondern auch das Leben zweier unschuldiger Söhne: Matthias Brandt (13 Jahre) und Pierre Guillaume (17 Jahre, trägt heute den Namen Boom). Beide Söhne wurden Scheidungskinder (der eine früher, der andere später), denen die Aufmerksamkeit, die die Väter bekamen, eher unangenehm war. Auch als erwachsene Männer blieben sie den Vätern fremd, die sie eigentlich als Kinder schon kaum gekannt hatten. Die Geschichte dieser beiden Männer porträtiert die Regisseurin Doris Metz in diesem parallel montierten Dokumentarfilm, in dem die Söhne Matthias und Pierre einzeln interviewt wurden und an die Orte ihrer Kindheit zurückkehrten.

Die Beschäftigung mit den Vätern hatte für die beiden Protagonisten jedoch schon früher im Licht der Öffentlichkeit begonnen: Im TV-Film "Im Schatten der Macht" (2003) über die Guillaume-Affäre trat der Sohn von Willy Brandt in der Rolle des DDR-Spions auf, während 2004 Pierre Booms Buch über seinen Vater ("Der fremde Vater") veröffentlicht wurde.
Doris Metz montierte die Interviews der beiden so, dass sie sich parallel mit den gleichen Fragen auseinandersetzen, dabei aber aufgrund ihrer unterschiedlichen Biografien andere Antworten geben. Boom ging in die DDR, als seine Eltern im Gefängnis waren, und wurde dort von der Staatssicherheit betreut und überwacht. Er fand jedoch kein Zuhause, nicht einmal, als seine Eltern Jahre später frei gelassen wurden. Sie hatten ihm nie erzählt, dass sie Spione waren, und nun musste er auch noch aus einem Propagandafilm erfahren, dass er die "Mission" seiner Mutter durch seine Geburt und Existenz behindert hatte, wie sie selbst sagte. 1988 reiste er aus der DDR aus, musste dafür aber wegen des Bekanntheitsgrades der Eltern den Mädchennamen seiner Mutter, Boom, annehmen.

Obwohl die Geschichte dieser Söhne interessant ist, inszeniert Metz sie leider allzu langweilig. Man glaubt manchmal, in einem Film über Architektur zu sitzen und nicht in einem Film über zwei Männer und ihre Väter, so statisch sind die Bilder. Hinzu kommt, dass die Interviews zwar manchmal emotional anrühren, sich an anderen Stellen jedoch viel Leerlauf einschleicht. So sind Sätze wie "Früher war die Hecke kleiner" nur von geringer Aussagekraft für die Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Thema. Ein Gespräch der beiden Männer untereinander vermisst man leider, da Metz dies bewusst umging.
Letztendlich stellt sich die Frage, warum diese Dokumentation nicht direkt als Kulturprogramm im Fernsehen läuft, sondern vorher ins Kino gebracht wurde, denn was diesen Film im qualitativen Sinne von anderen Dokumentationen, die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gesendet werden, unterscheidet, ist nicht wirklich erkennbar.

Als Doris Metz sich an beide Männer wandte, um sie für ihren Film zu gewinnen, sagte Boom, der sich gerade lange mit dem Thema seines Vaters auseinandergesetzt hatte, sofort zu. Doch Matthias Brandt sperrte sich zuerst, weil er befürchtete, man würde ihn wieder nur im großen Schatten seines Vaters betrachten. Zu einem gewissen Teil hatte er tatsächlich Recht, denn viele Zuschauer werden sich diesen Film mit Sicherheit deshalb anschauen, weil sie sich für die Geschichten hinter den politischen Kulissen der Väter interessieren und nicht, weil sie mehr über die Söhne als Individuen erfahren möchten. Dass sich dieser "Psycho-Voyeurismus" durchaus gut verkaufen lässt, beweisen die hohen Umsatzzahlen der Bücher von Kindern berühmter Eltern, die mit ihren bekannten Erzeugern abrechnen. Es ist Metz zu verdanken, dass "Schattenväter" nicht anklagt, sondern stattdessen die Auswirkungen auf die Söhne dokumentiert, die es wahrlich nicht leicht hatten, sich aus dem Schatten ihrer Väter zu lösen.

Margarete Semenowicz

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