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Rocky Balboa

Rocky Balboa
boxer-drama , usa 2006
original
rocky balboa
regie
sylvester stallone
drehbuch
sylvester stallone, gabriele muccino
cast
sylvester stallone,
burt young,
antonio tarver,
milo ventimiglia,
geraldine hughes, u.a.
spielzeit
119 Minuten
kinostart
8. Februar 2007
homepage
bewertung

9 von 10 Augen

Rocky ist zurück! Die 80er Jahre lassen grüßen, und was sich erstmal wie eine Schreckensbotschaft anhört, entpuppt sich tatsächlich als sehr schönes, amüsantes Nostalgie-Kino. Während man zuerst an reine Geldmacherei glaubte, als der schon seit langem auf einen neuen Hit wartende Sylvester Stallone 16 Jahre nach "Rocky V" eine weitere Fortsetzung ankündigte, zeigt sich nun, dass der alte Haudegen Sly in der Tat zu seinen Wurzeln zurückkehrt, die er in den letzten drei Teilen der Rocky-Saga hinter sich gelassen hatte.

Wer auf die unverwechselbaren "Adriaaaan!"-Rufe hofft, der wird allerdings enttäuscht, denn die große Liebe des Boxers ist verstorben und Rocky ist allein zurück geblieben als Restaurantbesitzer mit einer zerrütteten Beziehung zu seinem Sohn (Milo Ventimiglia) und seinem alten Leben, aus dem er Abend für Abend seinen Gästen erzählen muss.
Die Lethargie, die sein Leben als lokale Legende bestimmt, scheint unantastbar, bis ein Sport-Fernsehsender auf die Idee kommt, einen computeranimierten Boxkampf zwischen dem amtierenden Schwergewichts-Weltmeister Mason "the Line" Dixon (Antonio Tarver) und Rocky zu simulieren. Wie sollte es auch anders sein, der Computer-Rocky gewinnt den Kampf aufgrund seiner überlegenen Stärke und entfacht eine Diskussion über die Verkommenheit und Verweichlichung des Boxsports. Dixon wird vorgeworfen, lediglich gegen Fallobst zu boxen und noch nie einem echten Champion gegenüber gestanden zu haben (da es offenbar sonst keinen mehr gibt). Rocky dagegen will just zur selben Zeit seine Identitätskrise überwinden, indem er sich wieder für eine Boxlizenz bewirbt. Die Manager des unbeliebten Jungstars Dixon kommen auf die clevere Idee, einen Showkampf in Las Vegas zu inszenieren, und Rocky steigt ein letztes Mal in den Ring.

So unglaubwürdig die Story eines Mittfünfzigers auch erscheinen mag, der es mit einem jungen Profiboxer aufnehmen will, dem Film mangelt es neben dem symbolischen Boxkampf gegen die eigenen Monster nicht an ebenso interessantem Randgeschehen. Sylvester Stallone, selbst im letzten Jahr 60 geworden, präsentiert sich einerseits in erstaunlicher körperlicher Verfassung und hat andererseits die alte, liebevoll dargestellte Ungelenkigkeit seines früheren Rocky wieder gefunden. Eine zart angedeutete Beziehung zu einer Frau aus der Nachbarschaft (Geraldine Hughes) und die Gespräche mit seinem Sohn, der sich von der übermächtigen Legende seines Vaters eingeengt fühlt, weisen ebenfalls auf die Stärken der ersten beiden Rocky-Filme zurück, als der Boxer noch nicht als unverwüstlicher Über-Amerikaner die bösen Buben dieser Welt niederstreckte, sondern ein authentischer, strauchelnder Held war (immerhin war "Rocky I" seinerzeit für zehn Oscars nominiert und wurde unter anderem als bester Film ausgezeichnet). 
Der Boxer und der Film haben eins gemeinsam: sie sind Vorbilder des kleinen Mannes. Der Italoamerikaner Rocky ist ein "working class goodfellow" wie er im Buche steht, ehrlich, hart arbeitend, mit wenig Talent ausgestattet aber immer vorwärts strebend. So ist der Kernsatz des Films bezeichnend, den Rocky seinem Sohn mit auf den Weg gibt: "Es geht nicht darum, wie hart du zuschlagen kannst, sondern darum, wie viele Schläge du einstecken kannst und trotzdem wieder aufstehst." Das ist die Essenz der Rocky-Figur und der Grund, warum sie so erfolgreich ist. 
Dass Rocky mit archaischen Mitteln auf den Kampf vorbereitet wird (Ketten, Fässer, Vorschlaghammer) unterstreicht nur den Konflikt zwischen der guten alten Zeit und dem sterilen modernen Profisport, der in Amerika so oft beklagt wird. Und auch Mason Dixon muss erst zu seinen Wurzeln zurückkehren, um seine wahre Stärke zu finden. Und so geht es wie im legendären Original für Rockys Gegner ebenso wie für ihn selbst letztlich nicht ums gewinnen, sondern um die Besinnung auf alte Tugenden und ein neues Selbstbewusstsein.

Natürlich wartet der Film mit einer gehörigen Portion Pathos auf, aber erstens erwartet man nichts anderes von einem Rocky-Film und zweitens ist genug Selbstironie vorhanden, um dies auszugleichen. Die Reise durch die Boxervergangenheit ist stets mit einem Augenzwinkern versehen: Der berühmte Treppenlauf hinauf zum Kunstmuseum von Philadelphia wird wiederholt, oben fehlt dem gealterten Rocky allerdings erstmal die Puste zum jubeln. Adrians Bruder Paulie (Burt Young) grantelt wie jeher und Anspielungen auf die Realität fehlen auch nicht: "Du bist doch nur sauer, weil sie deine Statue abgebaut haben," sagt Paulie zu Rocky, die echte Statue in Philadelphia wurde tatsächlich vor ein paar Jahren entfernt. Ob das die Motivation für Stallones Comeback war, ist fraglich, aber nach einer jahrelangen Serie blamabler Flops (Stallones letzte zwei Hauptrollen liefen in den USA nicht mal mehr im Kino) ist er bei seinen Wurzeln gut aufgehoben. Ob die Welt deshalb auch noch einen Rambo-Film braucht (Stallones nächstes Projekt), darf trotzdem weiter bezweifelt werden.
Es ist Stallone zu wünschen, dass er bei der Rückkehr seines ikonenhaften Vietnam-Veteranen ähnlich klug vorgeht wie hier, denn "Rocky Balboa" ist ganz hervorragendes, sympathisches und bescheidenes Kino, das beim Zuschauen wirklich Nostalgie an die gute alte Zeit auslöst. Und wenn dann Bill Contis legendäres Hauptthema ertönt, ist man trotz aller Ironie doch wieder so mitgerissen, dass man versteht, warum bis heute zahllose Touristen ganz genau wie Rocky die Treppe zum Museum hinaufstürmen.

Moritz Piehler

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