Wer möchte nicht einmal
jede Lust bis zum Exzess ausleben? Diese Frage steht im Zentrum von
Philip Kaufmans "Quills", dem zweiten Film dieses Jahres, der sich
mit dem Leben des Marquis de Sade befasst. Der Marquis de
Sade,
Schriftsteller von unglaublichen Perversionen, dekadenter Lebemann,
sexuell abgründiger Mythos. All dies hat Doug Wright in seinem Drehbuch,
basierend auf seinem eigenen Theaterstück, zusammengeführt.
Um De Sades Aufenthalt in der vom jungen Abbe de Coulmier (Joaquin
Phoenix) geführten geschlossenen Anstalt Charenton geht es, in der
das Enfant Terrible nach 27 Jahren in verschiedenen Gefängnissen seinen
Lebensabend verbringen soll. De Sade (Geoffrey Rush) ist zwar eingesperrt,
der Verbreitung seiner Gedankenwelt sind aber keine Grenzen gesetzt.
Madeline LeCrec (Kate Winslet) schmuggelt in den von ihr gewechselten
Bettlaken seine Manuskripte heraus, die dann illegal gedruckt werden
und riesigen Absatz finden.
Was
Napoleon höchstpersönlich auf den Plan ruft, De Sade seinen "Spezialarzt"
Dr. Royer-Collard (Michael Caine) auf den Hals zu hetzen. Dieser nennt
sich Psychiater, ist aber nichts weiter als ein bigotter Folterknecht,
ein den Fantasien De Sades heimlich zugetaner Heuchler, der seine
noch fast im Kindsalter befindliche Braut (Amelia Warner) brutal zum
ehelichen Sex zwingt. Die Implikationen zu Clinton's Hexenjäger Kenneth
Starr sind offensichtlich und geplant.
Die Fronten des Films sind klar verteilt. Auf der einen Seite der
De Sade freundlich gesinnte, idealistische Abbe, der an dessen nicht
zu bändigender Leidenschaft für Regelverstöße zu verzweifeln droht.
Auf der anderen der brutale Doktor, der nur auf seine Chance lauert,
De Sade zu Leibe rücken zu können. Und mittendrin der Marquis selbst,
großartig manisch dargestellt von Geoffrey Rush. Für Charaktere, die
auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn wandeln, gibt es
keinen besseren Darsteller. Sein De Sade ist Provokateur und Poseur,
Lustmolch und Getriebener mit Grandezza. Auf die historisch wahrscheinlich
korrektere, blutrünstige Variante muss man allerdings hier doch verzichten
zugunsten eines dem Zuschauer zumutbaren, abgemilderten Charakter,
"De Sade light" quasi.
Allerdings geht es hier auch weniger um das Ausloten sexueller Abgründe,
denn um die Freiheit künstlerischen Ausdrucks. Die titelgebenden Schreibfedern
sind die eindeutigste Metapher dafür. Als man sie De Sade wegnimmt,
nimmt
er Bettlaken und Kleider statt Papier, Blut und Scheisse statt Tinte.
"Meine Figuren sind meine einzige Gesellschaft" schreit er, er muss
seine inneren Dämonen zu Papier bringen, um nicht daran zu Grunde
zu gehen.
Dafür stachelt er die inneren Dämonen der anderen an, letztendlich
auch sein Schicksal und Verderben. Die dralle Madeline lebt auf in
seinen Geschichten, verzehrt sich nach dem zögerlichen Abbe, dessen
Sexualität der Repression durch seinen Glauben ausgesetzt und davon
unterdrückt ist. Auf diese Weise leiden sie alle in einem Geflecht
aus Leidenschaft, Wahnsinn, Begehren, das sich in einem wahrlich furchterregenden
Crescendo des Terrors aufschwingt.
"Sag ihnen, dass ich komme, und die Hölle kommt mit mir" schreit Kurt
Russells Wyatt Earp in Anlehnung an die Bibel in "Tombstone", aber
auf niemanden trifft dieser Satz besser zu als auf den hier gezeigten
De Sade. Er öffnet
persönliche
Höllentore, erschafft ein Sodom, das ihn selbst ins Vernichten zieht.
Der Spannungsaufbau in "Quills" ist hervorragend. Lasziv und spielerisch
beginnen die Eskapaden des Marquis, mit der steigenden Verzweiflung
der Figur steigert sich der Wahnsinn der Taten. Dazu die großartigen
Darstellerleistungen. Rushs Performance ist hervorragend, wenn "Quills"
irgendwo einen Oscar bekommen sollte, dann für seine Leistung. Winslet
und Phoenix geben ihren Charakteren erstaunliche Tiefe, Caine genügt
dagegen minimalistisches Spiel, um die Szenerie zu beherrschen.
Obwohl der Film fürs prüde Amerika relativ gewagt ist, geht es jedoch
nur mit angezogener Handbremse in die Hölle, trotz unbestreitbar faszinierend
abstrusen Szenen. Leider ist "Quills" bisweilen wie die Musik von
"The Doors": Das Abgründige ist durchaus vorhanden, einzig es wird
verwässert durch zuviel Pathos, zuviel Pomp. Was die grandiose Leistung
des Ensembles nicht schmälert, zum Meisterwerk fehlt es den "Quills"
allerdings doch ein wenig an Schärfe.
kleine Werbepause
Quills - Macht der Besessenheit
Bilder: Copyright


Kommentar hinzufügen