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Quills - Macht der Besessenheit

Quills - Macht der Besessenheit
historien-drama , usa 2000
original
quills
regie
philip kaufman
drehbuch
doug wright
cast
geoffrey rush,
joaquin phoenix,
kate winslet,
michael caine, u.a.
spielzeit
123 Minuten
kinostart
8. März 2001
homepage
bewertung

8 von 10 Augen

Wer möchte nicht einmal jede Lust bis zum Exzess ausleben? Diese Frage steht im Zentrum von Philip Kaufmans "Quills", dem zweiten Film dieses Jahres, der sich mit dem Leben des Marquis de Sade befasst. Der Marquis de Sade, Schriftsteller von unglaublichen Perversionen, dekadenter Lebemann, sexuell abgründiger Mythos. All dies hat Doug Wright in seinem Drehbuch, basierend auf seinem eigenen Theaterstück, zusammengeführt.
Um De Sades Aufenthalt in der vom jungen Abbe de Coulmier (Joaquin Phoenix) geführten geschlossenen Anstalt Charenton geht es, in der das Enfant Terrible nach 27 Jahren in verschiedenen Gefängnissen seinen Lebensabend verbringen soll. De Sade (Geoffrey Rush) ist zwar eingesperrt, der Verbreitung seiner Gedankenwelt sind aber keine Grenzen gesetzt. Madeline LeCrec (Kate Winslet) schmuggelt in den von ihr gewechselten Bettlaken seine Manuskripte heraus, die dann illegal gedruckt werden und riesigen Absatz finden. Was Napoleon höchstpersönlich auf den Plan ruft, De Sade seinen "Spezialarzt" Dr. Royer-Collard (Michael Caine) auf den Hals zu hetzen. Dieser nennt sich Psychiater, ist aber nichts weiter als ein bigotter Folterknecht, ein den Fantasien De Sades heimlich zugetaner Heuchler, der seine noch fast im Kindsalter befindliche Braut (Amelia Warner) brutal zum ehelichen Sex zwingt. Die Implikationen zu Clinton's Hexenjäger Kenneth Starr sind offensichtlich und geplant.
Die Fronten des Films sind klar verteilt. Auf der einen Seite der De Sade freundlich gesinnte, idealistische Abbe, der an dessen nicht zu bändigender Leidenschaft für Regelverstöße zu verzweifeln droht. Auf der anderen der brutale Doktor, der nur auf seine Chance lauert, De Sade zu Leibe rücken zu können. Und mittendrin der Marquis selbst, großartig manisch dargestellt von Geoffrey Rush. Für Charaktere, die auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn wandeln, gibt es keinen besseren Darsteller. Sein De Sade ist Provokateur und Poseur, Lustmolch und Getriebener mit Grandezza. Auf die historisch wahrscheinlich korrektere, blutrünstige Variante muss man allerdings hier doch verzichten zugunsten eines dem Zuschauer zumutbaren, abgemilderten Charakter, "De Sade light" quasi.
Allerdings geht es hier auch weniger um das Ausloten sexueller Abgründe, denn um die Freiheit künstlerischen Ausdrucks. Die titelgebenden Schreibfedern sind die eindeutigste Metapher dafür. Als man sie De Sade wegnimmt, nimmt er Bettlaken und Kleider statt Papier, Blut und Scheisse statt Tinte. "Meine Figuren sind meine einzige Gesellschaft" schreit er, er muss seine inneren Dämonen zu Papier bringen, um nicht daran zu Grunde zu gehen.
Dafür stachelt er die inneren Dämonen der anderen an, letztendlich auch sein Schicksal und Verderben. Die dralle Madeline lebt auf in seinen Geschichten, verzehrt sich nach dem zögerlichen Abbe, dessen Sexualität der Repression durch seinen Glauben ausgesetzt und davon unterdrückt ist. Auf diese Weise leiden sie alle in einem Geflecht aus Leidenschaft, Wahnsinn, Begehren, das sich in einem wahrlich furchterregenden Crescendo des Terrors aufschwingt.
"Sag ihnen, dass ich komme, und die Hölle kommt mit mir" schreit Kurt Russells Wyatt Earp in Anlehnung an die Bibel in "Tombstone", aber auf niemanden trifft dieser Satz besser zu als auf den hier gezeigten De Sade. Er öffnet persönliche Höllentore, erschafft ein Sodom, das ihn selbst ins Vernichten zieht. Der Spannungsaufbau in "Quills" ist hervorragend. Lasziv und spielerisch beginnen die Eskapaden des Marquis, mit der steigenden Verzweiflung der Figur steigert sich der Wahnsinn der Taten. Dazu die großartigen Darstellerleistungen. Rushs Performance ist hervorragend, wenn "Quills" irgendwo einen Oscar bekommen sollte, dann für seine Leistung. Winslet und Phoenix geben ihren Charakteren erstaunliche Tiefe, Caine genügt dagegen minimalistisches Spiel, um die Szenerie zu beherrschen.
Obwohl der Film fürs prüde Amerika relativ gewagt ist, geht es jedoch nur mit angezogener Handbremse in die Hölle, trotz unbestreitbar faszinierend abstrusen Szenen. Leider ist "Quills" bisweilen wie die Musik von "The Doors": Das Abgründige ist durchaus vorhanden, einzig es wird verwässert durch zuviel Pathos, zuviel Pomp. Was die grandiose Leistung des Ensembles nicht schmälert, zum Meisterwerk fehlt es den "Quills" allerdings doch ein wenig an Schärfe.

Simon Staake

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