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Public Enemy No. 1 - Todestrieb

Public Enemy No. 1 - Todestrieb
gangster-epos , frankreich 2008
original
mesrine: l'ennemi public no. 1
regie
jean-françois richet
drehbuch
abdel raouf dafri, jean-françois richet
cast
vincent cassel,
mathieu amalric,
samuel le bihan,
ludivine sagnier,
gerard lanvin, u.a.
spielzeit
130 Minuten
kinostart
21. Mai 2009
homepage
http://www.senator.de
bewertung

7 von 10 Augen

Jacques Mesrine, Teil Zwei. Nun tatsächlich der Staatsfeind Nummer Eins. Das war ja trotz Gesamtbetitelung beim ersten Teil noch nicht der Fall, diesen Titel hat sich Mesrine in den im ersten Teil gezeigten Jahren erst mühsam erarbeitet. Nachdem er aber am Ende des ersten Kapitels an der Ermordung zweier kanadischer Wildhüter beteiligt war, den ersten Morden, die Mesrine nachweislich begangen hat, ist der Weg zum meistgesuchten Verbrecher Frankreichs nicht mehr weit. Vor allem, nachdem Mesrine nach seiner erneuten Verhaftung noch eins drauf setzt: Ihm gelingt die Flucht aus seiner Gerichtsverhandlung, bei der er auch noch den Richter als Geisel nimmt. Und das, nachdem er vorher eben jenen Richter mit locker-flockigen Sprüchen bloß gestellt hat.
Womit wir beim eigentlichen Thema und Anliegen vom zweiten Teil des "Mesrine"-Projekts angekommen wären. Denn während der erste Teil Mesrines Geltungssucht zwar ansprach, besonders als er sich mit Jeanne Schneider als elegantes Gangsterpärchen der Marke "Bonnie und Clyde" präsentierte, wird dies hier zum Hauptthema und auch zur These des Films. Vincent Cassel hat wohl recht wenn er zu Mesrines gewalttätigem Ende anmerkt, die französische Regierung und ihre Staatsdiener hätten Mesrine tot gewollt, nicht in erster Linie weil er ein gefährlicher Verbrecher, sondern weil er ein angeberisches Großmaul war.

"Todestrieb" setzt Anfang der 1970er Jahre ein, nachdem Mesrine aus Kanada zurückgekehrt war, und schildert seine Überfälle, Gefängnisaufenthalte und spektakulären Ausbrüche bis zu seinem Tod im Jahr 1979. Trotz ähnlicher Grundelemente wie "Mordinstinkt" hat "Todestrieb" aber eindeutigere Schwächen in Sachen Tempo und Rhythmus. Mit über zwei Stunden ist dieser zweite Teil eindeutig zu lang und zieht sich gerade gegen Ende bedenklich. Die Entführung und Folter eines Mesrine-kritischen Journalisten wird unnötig in die Länge gezogen und auch die letzten Minuten des Jacques Mesrine, die wir ja schon aus der Eröffnungssequenz des ersten Teils kennen, sind fast schon quälend langsam.
Klar, das hat Methode - die Zerdehnung soll das Wissen des Zuschauers um Mesrines baldigen Tod mit der Unwissenheit seines Protagonisten konterkarieren. Und Richet macht das ja auch geschickt, lässt die bekannten Szenen abspielen, aber diesmal aus der Perspektive der Häscher, sich in Autos und Häusereingängen versteckenden Polizisten. Und schockierend ist Mesrines öffentliche Hinrichtung dann allemal, aber das hätte man auch kürzer inszenieren können, auch um dem Ganzen den Märtyrerbeigeschmack zu nehmen, mit dem die Macher ja besonders bei dem nationalen Filmposter (Mesrine als blutige Jesus Christus-Figur in einem Quasi-Kopie von "Die Passion Christi") liebäugelten.
Richet lässt hier die Gesetzeshüter (?) auf Nummer Sicher gehen, indem sie Mesrine erst mal (historisch verbürgt) ohne vorherige Warnung per Maschinengewehrsalven durchlöchern und dann ein Polizist (historisch nicht verbürgt) ihm einen Kopfschuss aus etwa fünf Zentimetern Abstand verpasst. Dass überhaupt Polizisten auf offener Straße jemanden so zusammenschießen konnten (und dabei auch seine unschuldige Begleiterin trafen, die auf einem Auge erblindete), und das vor noch nicht einmal zwanzig Jahren, lässt heutige Betrachter doch mit Staunen zurück. Richet spielt dabei allerdings wohltuend nicht Peckinpah, verzichtet auf filmische Ästhetisierung und lässt das Massaker genauso realistisch ablaufen wie den gesamten Film vorher.

Aber auch vor dem etwas zähen Ende mit seinem blutigen Schlusspunkt läuft "Todestrieb" nicht immer rund, was allerdings auch mit dem Gezeigten und der zu erzählenden Geschichte zu tun hat. Denn so wie Mesrines Anliegen und Aktionen im Laufe der 1970er Jahre immer diffuser werden, so scheint auch der Film langsam aber sicher den roten Faden zu verlieren. Aber genau das ist vielleicht ja der Punkt: Dass es im wirklichen Leben nun mal keinen roten Faden gibt, wie uns Hollywood im Großteil seiner Geschichten weiß machen will, sondern dass es eine Sammlung aus mehr oder weniger zusammenhängenden Momenten ist. Auch Mesrine selbst ist bester Beweis für diese These. Aus dem kernigen jungen Großmaul wird sowohl körperlich (in bester De Niro-Manier nahm Cassel mehrere Kilos zu, um den dickeren, älteren Mesrine darzustellen) als auch geistig jemand, dem immer klarer wird, dass er nicht vollends Meister seines Schicksals ist. Gerade für Mesrine, den Egomanen und Showman, war dies wohl eine nicht zu verarbeitende Tatsache, die ihn in seinen späteren Jahren in eine pseudo-politische Haltung trieb, anhand der er wieder relevant werden wollte, aber nicht mehr dazu kam, wie die RAF oder die roten Brigaden als Terrorist gegen den eigenen Staat zu agieren.

Trotz des immer diffuser werdenden Selbstbilds Mesrines ist "Todestrieb" über große Strecken ein eigentlich leichtherzigerer Film als "Mordinstinkt", was den Gegensatz zu den brutalen Ereignissen am Ende besonders verstärkt. Beizeiten fühlt man sich fast in eine charmante Gaunerkomödie versetzt, wenn Mesrine für seine Kameraden kocht, er und sein neuer Kumpan François Besse (Mathieu Amalric) einen Banküberfall dreist als falsche Kollegen im Polizeirevier vorbereiten oder aber im Wagen einer Bauernfamilie die klassische Flucht im Kofferraum wagen.
Dass Mesrine auch hier ständig einen Sidekick hat, wie die beiden Pauls und Jeanne im ersten Teil, verweist nochmals auf Mesrines Geltungssucht. Ohne jemanden, der seine Taten dokumentiert und an ihnen teilnimmt, arbeitete Mesrine offenbar nicht gerne. Ob nun Besse (bei dem Amalric wandlungsfähiger sein darf als noch als Bond-Gegenspieler und vor allem mit seinen nervösen Augen schauspielert), der bullige Samuel Le Bihan als Michel "Der Flugzeugträger" Ardouin (so genannt, weil er immer ein riesiges Arsenal verschiedenster Waffen mit sich rumschleppte) oder Gérard Lanvin als sein letzter Begleiter Charly - für Mesrine waren seine Helfer immer auch Publikum. Und so war sein blutiger Tod auf den Straßen von Paris vielleicht ein nur allzu treffendes Ende: ein letztes Spektakel.

"Mesrine" der Film wankt in seinem zweiten Teil ein wenig, aber er fällt nicht. "Todestrieb" ist zwar schwächer als der erste Teil und angesichts der hier unübersehbaren Längen darf man sich schon fragen, ob es denn wirklich vier Stunden sein mussten, um Mesrines Leben und Sterben gebührend darzustellen. Aber das Ganze bleibt trotzdem fast durchgehend interessant und dank Cassels weiterhin fesselnder Leistung als Titelheld würde man Mesrine wohl auch noch in eine fünfte Stunde folgen. Er hat übrigens mittlerweile völlig gerechtfertigt den César als bester Hauptdarsteller für seine Leistung hier in Empfang genommen.
Jean-François Richet, als bester Regisseur ebenfalls mit dem César ausgezeichnet, ist mit diesem zweiten Teil ein zwar wenig spektakulärer, insgesamt aber gelungener Nachfolger zum explosiven "Mordinstinkt" gelungen. Und nach vier Stunden launiger Missetaten Mesrines ist klar: Mehr Gangster geht momentan im Kino nirgendwo.

Simon Staake

7

Gelungene Darstellung des Lebens und der Untaten eines skrupellosen Bankräubers, Entführers, Erpressers, Ausbrecherkönigs und Killers. Der erste Teil war in der Tat spektakulärer, dafür hat dieser weniger Längen.

4

Als Autobiographie vermutlich ganz ordentlich.
Die beiden Filmteile haben mich jedoch nicht überzeugt. Stellenweise langweilig, stellenweise unnötig brutal.
Ich habe schon sehr viele bessere Filme gesehen.

Nachtrag:
OK, letztlich weiß man ja schon wie das ganze endet. Aber muss man die Original-Schluss Szene deswegen schon am Beginn des Filmes zeigen? Ich meine: Nein.
Dafür kein Auge von mir.

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