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Projekt Gold - Eine deutsche Handball-WM

Projekt Gold - Eine deutsche Handball-WM
sport-dokumentation , deutschland 2007
original
regie
winfried oelsner
drehbuch
winfried oelsner
cast
die deutsche handball-nationalmannschaft, u.a.
spielzeit
106 Minuten
kinostart
31. Juli 2007
homepage
bewertung

8 von 10 Augen

 

Wie, auch zur Handball-Weltmeisterschaft gibt es den begleitenden Kinofilm? Ja, so ist es, aber während die halbe Nation bereits lange vor der Fußball-WM 2006 mitbekommen hatte, dass da ein gewisser Sönke Wortmann das deutsche Team mit der Kamera begleitete, kommt die recht ähnlich gestrickte Dokumentation von Winfried Oelsner ein wenig aus dem Nichts daher. Und man darf wohl stark annehmen, dass der nun anstehende Kinoeinsatz ohne den deutschen Titelgewinn niemals verwirklicht und ohne das beeindruckende Millionenpublikum für den Fußball-Film wohl nicht mal angedacht worden wäre.

Aber Handball ist nicht Fußball und ein auch nur annähernd so großes Zuschauerinteresse daher natürlich nicht zu erwarten. Was bedauerlich ist, denn Oelsners Film ist sogar der etwas Bessere. Nicht zuletzt, weil der Regisseur zwei große Vorteile auf seiner Seite hat und diese auch zu nutzen weiß: Erstens schenkt ihm der Turnierverlauf eine perfekte Dramaturgie samt totalem Happy-End, und zweitens sind die Bilder aus dem Innenleben des Nationalteams noch um Einiges interessanter, weil nicht von vornherein bekannt.
Während Presse und Fernsehen beim "Jahrhundertereignis" Fußball-WM täglich auf mehreren Seiten oder zig Sendeminuten jede noch so banale Anekdote um Klinsis Truppe gierig aufsaugten, und jeder auf den Pressekonferenzen von Michael Ballack geäußerte Satz Raum für weitläufige Interpretationen lieferte, wurde das Team von Heiner Brandt vor Turnierbeginn praktisch komplett in Ruhe gelassen. Und nicht nur das, auch nach den ersten, eher mäßigen Vorrundenspielen waren weder die Medien noch der Rest des Landes auch nur annähernd in irgendeiner Art von WM-Rausch.
So versprüht das Training der Mannschaft auch eher rustikalen Turnhallen-Charme, Druck und Motivation werden von Innen her langsam aufgebaut und nicht von Außen aufgedrückt. In keiner Szene werden die unterschiedlichen Welten, in denen Fuß- und Handballer leben, dabei so schön deutlich wie in dem mühsamen Versuch der Mannschaft, die in einem Zug reservierten Plätze gegenüber den sonstigen Mitreisenden durchzusetzen. Man stelle sich nur mal Klinsis Kicker vor, wie sie im Intercity mit Familien über den Sitzplatz diskutieren. Da sie nicht jedermann geläufig sind, blendet der Regisseur freundlicherweise auch die Namen und Funktionen der jeweils sprechenden Personen ein, während Wortmann so intensiv mit seinen "Darstellern" verwachsen war, dass er das nicht mal beim Masseur für nötig hielt.

Auch für ein anderes Hilfs- und Stilmittel, auf welches das "Sommermärchen" fast gänzlich verzichtete, ist sich Oelsner nicht zu schade. Er unterlegt die Spielszenen mit dem packenden Originalkommentar der Fernsehkommentatoren (statt mit Musik) und blendet dazu auch den jeweiligen Spielstand ein. Das ist zwar kein origineller, sondern eher ein klassischer Bestandteil der Sportdokumentation, funktioniert aber beim Ziel Spannung und Gänsehaut zu erzeugen ganz ausgezeichnet. Interessant zu beobachten auch, wie der vor der Kamera stets so eloquente und um Wortwitze bemühte Gerhard Delling während der Spiele ernsthaft fasziniert und hochkonzentriert durch seine Glasscheibe aufs Spielfeld starrt und sich durch Niemanden ablenken lässt.
Ansonsten ähneln sich die beiden "WM in Deutschland"-Filme aber schon sehr stark, die Spielszenen wechseln sich hier wie dort mit Besprechungs- und Freizeit-Aufnahmen des Teams ab. Um zwei Spieler herum wird beim "Projekt Gold" zusätzlich eine kleine dramatische Geschichte inszeniert, nämlich um das Comeback des zu Beginn stark umstrittenen und verunsicherten Torhüters Henning Fritz und um den unerwarteten Aufstieg des Ersatzspielers Michael Kraus zur tragenden Säule der Mannschaft.
Am häufigsten im Bild ist aber selbstredend der große Sympathieträger Heiner Brand, dessen bedächtige aber sehr autoritäre Persönlichkeit auch gut rüber kommt, besonders stark in dem Moment als er erkennen muss, das sich seine Spieler am Abend vor dem wichtigen Spiel doch tatsächlich Pizza aufs Hotelzimmer bringen ließen und auch noch dreist behaupten, dass sei ja mit dem Trainer abgesprochen - auch davon erfährt die breite Öffentlichkeit also erst hier. Allerdings können auch solche Momente nicht ganz verhindern, dass Brandt bei der einen oder anderen etwas drögen Ausführung auch mal von seinem gewaltigen Schnauzer an die Wand gespielt wird.

Es ist hier sehr schön zu verfolgen, wie die - nach dem Zwischenrundensiegen gegen Serbien und Frankreich - langsam um sich greifende Euphorie im Lande das Team sowohl überrascht als auch weiter motiviert, sie zunächst etwas ungläubig auf die Fahnen schwenkenden Passanten schauen und sich Stück für Stück ihre überschaubare Handball-Welt in etwas Größeres verwandelt. Da die Spieler zudem auch in den "privaten" Momenten allesamt grundsympathisch wirken, fällt es umso leichter sich beim finalen Triumph mit ihnen zu freuen und den etwas infantilen Jubel samt "Burger King"-Pappkronen und aufgemalten Schnurrbärten mit zu genießen. Es ist daher mit dem Film zum Event am Schluss genau so wie mit dem Ausgang des Ereignisses: Das "Wintermärchen" geht auch hier mit leichtem Vorsprung durchs Ziel.

Volker Robrahn

Weitere Vorschläge für deutsche Selbstbeweihräucherung in Filmform:

Der Himmelsstürmer: Ein Deutscher wird Papst

Projekt CDU: Eine Bundeskanzlerin erobert Europa

Schuhmacher - Der Film

Und wo bleibt eigentlich der ultimative Film über unsere Fußballfrauen???

Selten so gelacht, danke fuer die Beurteilung & den Kommentar ueber mir. Deswegen mag ich diese Seite.

Wulf, gib mir fünf! :-))

@ alle vor mir.

Mann, mann, mann,

sofort wieder Berufsmahner am Werke:
Du sollst nicht Deutschland toll finden !

Hast Du den Film gesehen?
Magst Du Handball und hast Du die WM verfolgt ?

Nein ?
....

@ luzzzelmann:

Ne is schon klar. Die Arbeitslosen und sozial Schwachen finden Deutschland bestimmt auch wieder toll nachdem sie den Film gesehen haben ... sofern sie bereit waren von ihren Reichtümern eine Kinokarte zu lösen.

2

na ja. wieder mal ein Film für die Kategorie sinnlos...
schön und gut die WM im eigenen Land, Emotionen...
aber hat nicht das Sommermärchen gelangt?
Ich finde das man nicht jedes event hochspielen sollte, sonst kommen
Filme dabei herraus, wie sie uns der gute WULF beschieben.

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