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Pina

Pina
tanz-dokumentation , deutschland 2010
original
regie
wim wenders
drehbuch
wim wenders
cast
pina bausch,
dominique mercy,
nazareth panadero,
ditta miranda jasjfi, u.a.
spielzeit
106 Minuten
kinostart
24. Februar 2011
homepage
http://www.pina-film.de
bewertung

8 von 10 Augen

 

Hätte vor einigen Jahren jemand gesagt, dass er sich schon auf die ersten 3D-Filme von Werner Herzog und Wim Wenders freut, hätte man wohl gelacht. 2011 ist das ein ganz normaler Tag auf der Berlinale. Den beiden Urgesteinen des deutschen Autorenfilms ist es gelungen, den 3D-Trend des Popcorn-Massenkinos in den Mikrokosmos der Arthouse-Enthusiasten und Dokumentationen zu übertragen. Herzog mit "Cave of forgotten dreams"; Wim Wenders ("Paris, Texas", "Buena Vista Social Club") mit "Pina", mit dem er einen der visuell schönsten Filme erschaffen hat, die man bisher in 3D sehen konnte.

Wenders und die Tanztheater-Ikone Pina Bausch verband eine lange Freundschaft, seit Wenders bei der ersten Begegnung mit der Kunst der Choreographin 1985 in Tränen ausbrach, als er Pina in ihrem Stück "Café Müller" tanzen sah. Bei ihrem ersten Gespräch sagte er sofort, er wolle einen Film über ihre Kunst machen. Pina lächelte erst mal nur. Dieser gemeinsame Film wurde ein Running Gag zwischen den beiden, gedreht wurde er nicht. Wenders sichtete alle Tanzfilme, derer er habhaft werden konnte, und fand doch kein befriedigendes Mittel, mit dem er Pinas extrem raumfüllendes, sinnliches und körperlich so ausdrucksstarkes Tanztheater angemessen filmisch umsetzen konnte.
2007 schließlich fand Wenders die Lösung, als er den technisch damals noch unausgereiften Konzertfilm "U2-3D" sah. Bausch war erleichtert, dass es nun endlich etwas werden würde mit dem Projekt, da sie glaubte, ihre Stücke würden verloren gehen, wenn man sie nicht endlich professionell aufzeichnete. Gerade das Tanztheater (ein eher experimenteller, genreübergreifender Tanzstil, in dem auch gesprochen oder gesungen wird) ist gebunden an die Tänzer und Choreographen, mit denen es über Jahre hinweg entwickelt wird. Pina suchte nun vier Stücke aus, die für die nächste Spielzeit an ihrem Wuppertaler Theater wieder einstudiert werden sollten, und Wim arbeitete mit Technischen Unis zusammen an der Umsetzung der 3D-Technik. Was konnte schon noch passieren?

Zwei Tage vor Drehbeginn starb Pina Bausch überraschend an Krebs, der erst fünf Tage zuvor bei ihr diagnostiziert worden war. Wenders brach das Filmprojekt ab. "Pina" sollte Bauschs Arbeit dokumentieren und ihren präzisen und so besonderen Blick für die Ewigkeit festhalten, doch diesen Blick gab es nun nicht mehr. Oder, um es mit den Worten Wenders' von der Trauerfeier für Pina zu sagen: "Pina hat gesehen, wo wir anderen im Dunkeln tappen."
Doch eine Weile später kamen die Tänzer aus Bauschs Compagnie auf Wenders zu und sagten, dass die Proben der noch von Pina ausgesuchten Stücke jetzt beginnen würden. Wenn er diese noch so aufzeichnen wollte, wie Pina sie gesehen hatte, so müsse er jetzt seine Chance ergreifen und einen Film machen. Und so schrieb Wenders "Pina" neu. Wollte er ursprünglich Bauschs Tänzern mit ihr um den Globus folgen, nach Asien und Südamerika, so filmte er nun die vier Stücke in Wuppertal, wo Pina 36 Jahre das Tanztheater geleitet hatte und mit manchen der Tänzer fast ebenso lang zusammengearbeitet hat. Er schnitt kurze Schwarz-Weiß-Sequenzen von Archivaufnahmen von Pina und Pinas Tanz hinein und fügte eine weitere Ebene hinzu, für die er die Tänzer aufforderte, etwas für Pina zu tanzen. Diese Auftritte wurden in und um Wuppertal gedreht - in der Schwebebahn, in Kohlegruben und auch mal auf einer Abraumhalde.
Herausgekommen ist wunderschönes Kino, das zu Tränen rührt, auch wenn es viele Fragen offen lässt - passend zu Pina, die immer darauf bestand, nichts über ihre Werke erklären zu wollen.

Pinas Theater ist von großer Kraft und Eindringlichkeit, doch wird es durch den Einsatz von 3D so erfahrbar, wie es nicht einmal im Zuschauerraum in Wuppertal sein kann. Bausch liebte die Elemente und baute im Laufe der Jahrzehnte immer mehr davon in ihre Stücke ein. Da besteht der Boden in Stravinskys "Le Sacre de Printemps" aus Torf, der beim Tanzen durch die Gegend fliegt, da steht in "Vollmond" später ein riesiger Monolith auf der Bühne und die Tänzer schwimmen im Wasser über die Bühne. Der Zuschauer sieht bei Wenders nun die Erdkrümel auf die Arme der Schauspieler fallen und jeder Wassertropfen scheint erkennbar. Aber am schönsten sind die Bewegungen der Körper, an denen man so nah dran scheint.
Die Stücke wurden während ausverkaufter Aufführungen live gefilmt, es gab also nur einen Take, so dass die Choreographie nicht nur den Tänzern vertraut war, sondern auch von der gesamten Filmcrew verinnerlicht, damit sie die Tänzer nicht behinderten. Dieses Wissen sieht man auch den Bildern an.

Ein wenig schade ist an dieser Stelle, dass sich ein Laie mitunter in dieser überwältigenden Bilderflut verliert. Durch einzelne Sätze der Tänzer über die Arbeit mit Pina Bausch klärt sich immerhin vieles im Laufe des Films. Doch das Handicap, hier alle Stücke nur in Ausschnitten zu sehen, so dass sich ihr Zusammenhang also oft nicht erschließt, kann der Film nicht überwinden. Da erscheint auch der Untertitel passend: "Ein Film für Pina Bausch", den eigentlich auch nur Pina komplett verstehen würde. Wie bei Wisemans "La Danse" (http://www.filmszene.de/kino/l/ladanse.html ) wird nichts erklärt, aber auch Pina erklärte ja nichts - nicht einmal ihren Schauspielern, was diese anfänglich oft verwirrte.

Es ist beeindruckend, Pinas Inszenierungen "Le Sacre de Printemps" "Café Müller", "Kontakthof" und "Vollmond" hier zu sehen, doch zu Tränen rühren tatsächlich die Sequenzen, in denen die Tänzer selbst sprechen und durch ihren Tanz zeigen, was Pina ihnen bedeutete. Verwelken anderswo Ballerinas schneller als gepflückte Wicken, so pflegte Pina ihre Tänzer jahrzehntelang immer weiter zu entwickeln. Wie eine der Tänzerinnen sagt: "Als ich 40 wurde, da dachte ich, da ist so viel Raum, so viel Raum, den man [mit dem Tanz] füllen kann." Dabei galt Pinas Interesse immer der Sehnsucht des Menschen - oder wie sie sagte: "Mich interessiert nicht, wie die Menschen sich bewegen, mich interessiert, was sie bewegt." Bausch mochte den direkten Blick von vorn auf die Bühne und so zeigt auch Wenders ihn, beschönt und verschleiert nichts.
Geschlechter und Alter werden untypisch genau und ungeschönt gezeigt. Wenders' Bilder und Porträtaufnahmen sind dabei so präzise und doch liebevoll wie Pinas Blick auf Falten, Männer im Tutu und auf die verschiedenen Generationen. "Kontakthof" zum Beispiel inszenierte Bausch zuerst mit ihren eigenen Tänzern 1978, dann im Jahr 2000 mit Amateuren über 65, schließlich 2008 mit Teenagern zwischen 14 und 18 Jahren. Wenders legt nun drei verschiedene Inszenierungen übereinander und zeigt den menschlichen Körper im Raum, während er sich wandelt zu alt und jung. Manchmal gibt es 3D-Spielereien, die nicht unbedingt nötig sind, wenn zum Beispiel ein Miniaturtheater zum Leben erwacht, aber Wenders zeigt hier auch, wie künstlerisch man mit 3D arbeiten kann.

Ist der Bühnenraum schon elegant umgesetzt, so wirken die Szenen in und um Wuppertal noch surrealer und bleiben umso mehr im Gedächtnis. Das Duett zweier Liebender an einer Kreuzung, während die Schwebebahn vorbeifährt. Ein klassischer Spitzentanz der Tänzerin Christiana vor der Kokerei Zollverein mit Kalbfleisch in den Schuhen. In den Industrielandschaften scheint wie zufällig immer die Sonne und Wuppertal sah wohl noch nie so schön aus. Wenders suchte diese Außendrehorte selbst aus. Pina Bausch und er wuchsen beide in der Nähe auf und schon seinen Film "Alice in den Städten" drehte er in Wuppertal.

Die Eroberung des Raumes mit der Kamera gelingt Wenders und seinen Kameraleuten Jörg Widmer und Hélène Louvart wunderbar. Neue Medien liegen diesem Autorenfilmer, der auch als erster eine digital gefilmte Dokumentation ins Kino brachte: Den seinerzeit irrwitzig erfolgreichen "Buena Vista Social Club". In der Welt des Dokumentarfilms ist das digital gefilmte Medium mittlerweile wichtiger Bestandteil. Für Wenders ist jedoch 3D im Dokumentarischen noch um einiges aufregender: 3D entfaltet sich nicht nur in imaginären Galaxien, sondern kann gerade für die Darstellung unserer realen Welt wirkungsvoll eingesetzt werden. Die technischen Innovationen gehen so schnell voran, dass sich schon während des Drehs von "Pina" die Technik komplett veränderte: Wurden die Stücke im Herbst auf der Wuppertaler Bühne noch mit riesigen Kameramonstern an Kränen gedreht, so ging dies im Frühjahr schon mit Steadycams im Wald.
Doch nicht alles an 3D war rosig: Wenders erhoffte sich von der 3D-Technik sehr, dass man auch schnelle Bewegungen von realen, nicht computeranimierten Menschen zeigen konnte, ohne dass diese wie die Göttin Shiva auf einmal diverse Arme haben. Leider geht dies zwar technisch, kann aber dem Zuschauer im Kino nicht gezeigt werden: Für einen absolut flüssigen Bewegungsablauf muss man 3D-Filme mit 50 Bildern die Sekunde abspielen. Drehen kann man dies, es sieht laut Wenders auch fantastisch aus, doch leider besagt die Norm, dass alle Filme weltweit im Kino nur mit 24 Bildern die Sekunde vorgeführt werden dürfen. Sowohl James Cameron ("Avatar") als auch Wenders bissen hier auf Granit. Normen ändern sich halt nicht so leicht wie die Technik. Und so ruckelt es halt auch bei "Pina" noch ein wenig.

Wenders hat mit "Pina" Grenzen überschritten. Er hat einen Raum kreiert, den es für den Zuschauer im dokumentarischen Tanzfilm noch nicht gab. Nun darf er bald einen weiteren Bühnenraum erschaffen, der für ihn auch wieder Neuland darstellt: 2013 soll Wim Wenders zum 200. Geburtstag Richard Wagners den "Ring des Nibelungen" in Bayreuth inszenieren. Nach "Pina" traut man ihm immerhin den gekonnten Umgang mit diesem Bühnenraum zu.

Margarete Prowe

10

Besser kann man eine Kritik zu diesem Film gar nicht schreiben. Absolute großartige Kinokunst! Selten war 3D so schön. Bin immer noch überrascht, dass alles in Wuppertal gedreht wurde. Man hat das Gefühl Bilder aus der ganzen Welt zu sehen.
Winziger Schönheitsfehler in der Kritik: Keine Erwähnung des tollen Vorfilmes "Threesome".

Liebe Grüße,
Achim Stommel

8

Lieber Achim,
herzlichen Dank für deinen Kommentar. In der Pressevorführung lief "Pina" ohne Vorfilm, somit konnte ich diesen nicht bewerten. Ich freue mich aber, dass du sagst, er sei toll gewesen.

Obwohl es seit 2009 in Deutschland Förderung für Kinos gibt, die regelmäßig Vorfilme zeigen (mehr Information dazu findet man zum Beispiel bei der Kampagne "Kurz vor Film - Mehr Vorfilme ins Kino"), gibt es immer noch viel zu wenige davon, die diese Förderung in Anspruch nehmen und tatsächlich Kurzfilme zeigen.

Und so ist auch "Threesome 3D" nur in wenigen Kinos als Vorfilm zu "Pina" zu sehen. Freu dich, dass dein Kino dazugehört!

10

Ich habe den Film letzte Woche in Hamburg sehen dürfen und war überaus begeistert von all den Bildern und Effekten, die natürlich in 3D noch besser überzeugen konnten. Ich war von dem Film so begeistert und bewegt, dass ich bis 3h morgens nicht einschlafen konnte, weil ich immer noch die berauschenden Filmszenen vor meinem geistigen Auge sehen konnte. Einfach großartig der Film.

7

Der 3D-Effekt ist ziemlich grottig, d.h. sehr schlecht umgesetzt.

Der Aufbau des Films ist ziemlich sprunghaft und störend.

Wenn die Tänzer aber einfach beim Tanzen gezeigt werden, sieht man schon ziemlich aufregende Choreographie.

Und auch die philosophische Fragestellung "Wonach sehnen wir und warum?" wird geschickt eingeführt und behandelt.

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