Augen
auf! In allzu vielen Lichtspielhäusern wird dieses kleine
Juwel
wohl nicht zu sehen sein und es steht zu befürchten, dass
es
nach nur kurzer Zeit auch schon wieder aus den Kinos
verschwindet.
Was ganz furchtbar ungerecht wäre, denn mit "Pieces of
April" erreicht uns tatsächlich einmal ein amerikanischer
Film, der sich einem dort arg strapazierten Thema von
einer ganz
ungewohnten und sympathischen Seite nähert: Der Bedeutung
der
Familie und dem steten Streben nach deren Zusammenhalt. In
zahlreichen
Hollywood-Filmen wurde und wird dies als alleinig
sinnstiftendes
Ziel ausgegeben und die entsprechende Erkenntnis sowohl
den Filmfiguren
als auch dem Zuschauer dabei meist mit dem moralischen
Holzhammer
eingetrichtert. Hier aber nicht, obwohl unser Tag mit
April Burns
gleich mit einer nun wirklich uramerikanischen Tradition
beginnt,
nämlich den Vorbereitungen zum großen gemeinsamen
Thanksgiving-Mahl.
Dieses
gehört in den USA zwar grundsätzlich zu den essentiellen
Familienfeierlichkeiten, ist bei Familie Burns aber etwas
ganz Außergewöhnliches.
Denn geladen hat dieses Jahr Tochter April, das schwarze
Schaf der
Familie. Diese liegt mit ihren Angehörigen ständig im
Clinch und lebt in einem winzigen Apartment in der
heruntergekommenen
Lower East Side von New York. Ihre Drogenvergangenheit hat
sie hinter
sich gebracht und dazu einen neuen Freund, der sie gut
behandelt
und es anscheinend ehrlich mit ihr meint. Der Rest der
Familie hat
da aber so seine Zweifel und das Thema "April" eigentlich
schon lange abgehakt. Nur auf Treiben des sanftmütigen
Vaters
setzt sich der Tross samt Geschwistern und seniler Oma in
Bewegung
und macht sich auf die recht weite Fahrt in die Metropole.
Dass
Aprils Mutter schwer an Krebs erkrankt ist und auf die
übergroße
Fürsorge ihrer Lieben sehr gereizt reagiert, macht das
Unterfangen
dabei nicht eben leichter. Während man also im Auto
schnell
darüber diskutiert, ob denn diese ganze Reise überhaupt
Sinn macht, kämpft April daheim mit "Murphys Gesetz":
Alles was schief gehen kann, geht auch schief, und bei
ihren verzweifelten
Versuchen das Truthahnessen irgendwie zu retten, wird sie
gezwungen
sich zum ersten Male mit ihrer skurrilen Nachbarschaft zu
beschäftigen.
Die
Momente, in denen April mehr oder weniger hilflos dem
ersten toten
Truthahn ihres Lebens gegenübersteht, und die Suche nach
Hilfe
bei den ihr bis dahin völlig unbekannten Nachbarn gehören
dann zu den wirklich witzigen Szenen des Films, der
ansonsten sicherlich
mehr Drama als Komödie ist. Wer selbst schon einmal
versucht
hat mit Werkzeugen zu hantieren, deren Funktion ihm völlig
fremd ist, weiß die Bemühungen der jungen Miss Burns
zu schätzen und kann ihre Panik gut nachvollziehen. Eine
Aussage,
die auf nicht wenige Szenen zutrifft, denn eines wird
schnell deutlich:
Hier geht es um wirkliche, echte Menschen und um deren
glaubhaftes,
nachvollziehbares Verhalten.
So verleiht Regisseur und Autor Peter Hedges den Bewohnern
des schäbigen
und unwirtlichen New Yorker Wohnhauses zwar genügend
Macken
um für den einen oder anderen Gag gut zu sein, aber er
übertreibt
es nicht. Der in seinem Sozialverhalten leicht gestörte
junge
Mann aus dem obersten Stock erweist sich dabei dann als
auf den
eigenen Vorteil bedachter Widerling, ist aber nicht
wirklich gefährlich.
Das gutmütige schwarze Ehepaaar hilft April so gut es
kann,
behält den rauen Umgangston aber bei. Auch die einzelnen
Familienmitglieder
wirken nicht unbedingt von Grund auf sympathisch, haben
aber eine
nachvollziehbare Motivation für ihr Verhalten. Und vor
allen
Dingen besitzen sie die Bereitschaft ihre Ansichten zu
ändern,
auch wenn das Zeit braucht und sie den Mut dazu erst
finden müssen.
Warum genau es zum Bruch kam und was nun April überhaupt
dazu
bewegt die Familie einzuladen wird zwar nicht genauer
erklärt,
lässt sich aber anhand der jeweiligen Charakterisierungen
schon
recht gut erahnen.
Wie
dann die Masken und die destruktive Sturheit seiner
Charaktere sich
langsam lösen, dies schildert Hedges unglaublich
überzeugend
und beweist damit, dass er nicht nur Drehbücher schreiben
kann
("Gilbert Grape - Irgendwo in Iowa") sondern wohl auch
selbst der beste Mann ist um diese umzusetzen. Unterstützt
wird er dabei von einem feinen Ensemble an Schauspielern,
in dem
Teenie-Queen Katie Holmes aus der TV-Serie "Dawson's
Creek"
ihre darstellerische Reifeprüfung ablegt und aus dem
Patricia
Clarksons kranke und dennoch autoritäre Mutter herausragt.
Ihre Oscar- und Golden Globe-Nominierung für diese Rolle
ist
sehr erfreulich, allein schon deshalb weil ihrem Film
dadurch eine
größere Aufmerksamkeit zuteil wird.
Schön, dass die Academy auch einem wirklichen Low-Low
Budget-Film
eine Chance gibt. Denn dass hier nicht viele Mittel zur
Verfügung
standen, kann "Pieces of April" zu keiner Zeit verbergen.
Der etwas grobkörnige Video-Stil vermittelt meist den
Eindruck
eines unfreiwilligen "Dogma"-Films und den Mann mit der
wackeligen Handkamera hätte man ja auch ab und zu mal
stützen
können. Das ist dann aber auch der einzige kleine
Kritikpunkt
und stört den Genuss des Films nicht wirklich. Auch die
mancherorts
geäußerte Vermutung, das stilistisch etwas eigenwillige
Ende sei nur zustande gekommen, weil den Machern das Geld
ausging,
sollte man nicht besonders ernst nehmen. Denn diese
"Schlussbilder"
kann man sehr wohl auch als bewusst gewähltes und
stimmiges
Finale empfinden (zumal sie noch mit einer sehr schönen
Musik
unterlegt werden). Und sie machen auch noch einmal
deutlich, warum
die Familienzusammenführung von "Pieces of April"
einen wirklich bewegt, warum sie Herzenswärme vermittelt
und
um so vieles glaubwürdiger wirkt, als beispielsweise in
der
gerade anlaufenden Hochglanz-Variante "Im
Dutzend billiger". Hier dagegen haben wir einen
kleinen,
wundervollen Film mit ganz wunderbaren Darstellern. Einen
Film,
der auch das Versprechen abgibt, dass wir von Peter Hedges
wohl
noch Einiges erwarten dürfen. Und die Erkenntnis
vermittelt:
Wenn schon leicht anrührende Familiengeschichten, dann
doch
bitte so und nicht anders.


mein gott, was habe ich denn da zusammengeschrieben?! muss wohl betrunken gewesen sein. anyway, 10 von 10 Digital Eyes bleibt gerechtfertigt.
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