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Nächster Halt: Fruitvale Station

Nächster Halt: Fruitvale Station
doku-drama , usa 2013
original
fruitvale station
regie
ryan coogler
drehbuch
ryan coogler
cast
michael b. jordan,
octavia spencer,
melonie diaz,
kevin durand,
ahna o'reilly, u.a.
spielzeit
85 Minuten
kinostart
1. Mai 2014
homepage
http://www.fruitvalefilm.com
bewertung

8 von 10 Augen
fruitvale station

oscar & finaEs ist die Sylvesternacht 2008. Oscar Grant (Michael B. Jordan), seine Freundin Sophina (Melonie Diaz) und eine Gruppe von Freunden befinden sich auf der Heimreise, nachdem sie in San Francisco das Feuerwerk genossen (und begossen) haben. Die Fahrt zurück nach Hayward in der Vorstadtbahn BART entwickelt sich fatal. Die Bahn ist vollgestopft mit feucht-fröhlichen Feiernden, es wird laut, später bricht in dem Waggon, in dem sich Oscar und seine Freunde befinden, ein Gerangel aus. Der Zug hält in der Station Fruitvale an, so dass die Bahnhofspolizei eingreifen kann. Oscar beginnt zu diskutieren und gegen das raue Vorgehen der Bahnhofspolizei zu protestieren. Die Stimmung wird hitziger und unübersichtlicher, dann fällt ein Schuss...
 

Mit der eskalierenden Situation auf dem Bahnsteig der Station „Fruitvale“ beginnt dieser Film. Es sind grobkörnige, unscharfe, wacklige Bilder. Nicht etwa, weil der Film die berühmt-berüchtigte „Bourne“-Wackelkamera adoptiert hat, sondern weil die ersten Szenen des Films, die wir sehen, nicht von Regisseur Ryan Coogler gedreht wurden, sondern von Passanten, die das echte Drama in Fruitvale miterlebten. Auf diversen Mobiltelefonen wurde die Konfrontation festgehalten und umgehend via Youtube zu einem Phänomen, welches in Oakland zu gewalttätigen Protesten und Plünderungen führte und landesweit in den USA für eine Debatte über exzessive Gewaltanwendung, Amtsmissbrauch und Rassismus sorgte.

Aufgrund der Bekanntheit der Bilder und der Aufmerksamkeit, die sie erregten, hielt es Coogler für unangemessen, diese dem Zuschauer vorzuenthalten. Und da das Schicksal Oscar Grants als bekannt vorausgesetzt wird, beginnt er mit diesen Szenen, um dann 24 Stunden zurückzublenden und Grants letzten Tag in all seinen mehr oder minder normalen Details zu zeigen. Oscar, wie er seiner Freundin verspricht, im neuen Jahr verantwortungsvoller zu sein und seinen Handel mit Marihuana aufzugeben. Oscar, wie er heimlich seiner Tochter ein paar Süßigkeiten mehr zusteckt, bevor er sie in der Tagesstätte absetzt. Oscar, wie er einen Kumpel bei seinem alten Job im Supermarkt besucht und einer Passantin hilft, den richtigen Fisch für ein Rezept auszusuchen. Oscar, wie er den Manager um Wiedereinstellung anbettelt und bei einer negativen Antwort mehr oder weniger subtil bedrohlich wird. Oscar, wie er den ganzen Tag über Textnachrichten mit seiner Familie und seinen Freunden schreibt und die Geburtstagsparty seiner Mutter vorbereitet.

Ja, man hat es verstanden, dies ist fast ein Ein-Personen-Film, vater oscaralso ein Ein-Schauspieler-Film. Was nicht heißen soll, dass die anderen Figuren und ihre Darsteller nebensächlich sind, denn das sind sie nicht und das gesamte Ensemble macht einen guten Job, diese Leinwandversionen von reellen Personen so lebensnah wie möglich zu machen. Authentisch wollen wir in diesem Sinne vermeiden, denn die großen Diskussionen drehen sich bei diesem Film um genau diese Frage. Aber dazu etwas später. Ob es nun bekannte Darsteller sind wie Oscargewinnerin Octavia Spencer als Oscars Mutter Wanda oder unbekannte(re) Darsteller wie Melonie Diaz oder die Darsteller von Oscars Freunden, alle geben den Figuren eine Präsenz, ohne dass alle jetzt besonders tief ausgearbeitet sind. Aber diesen Figuren mit nur wenigen Gesten und Dialogen und in wenig Leinwandzeit Leben und Glaubwürdigkeit zu geben, das ist eine der erstaunlichen Leistungen von „Nächster Halt: Fruitvale Station“. Natürlich bilden sie dabei hauptsächlich den Hintergrund für die One-Man-Show von Michael B. Jordan.

Wem dieser Name – abseits der Übereinstimmung mit dem großen NBA-Star – nichts sagt, der hat in den letzten Jahren nicht genug TV-Serien geguckt, oder zumindest die Falschen. Denn Jordan brillierte als ganz junger Teenager in „The Wire“ und leistete dann als etwas ältererer Schauspieler hervorragende Arbeit in Jason Katims' wunderbar beobachteten und geschriebenen Serien „Friday Night Lights“ (wo er ab Staffel Vier eine der Hauptrollen spielt) und „Parenthood“. Einem größeren Kinopublikum wurde er dann 2012 in „Chronicle“ vorstellig, wo er abermals seine Leinwandpräsenz unter Beweis stellte. Aber all dies verblasst ein wenig vor seiner fabulösen Darstellung hier, denn er gibt der Leinwandfigur Oscar eine stimmige Darstellung, die diesen Film – in dem er in so gut wie allen Szenen zu sehen ist – zusammenhalten muss und grandios zusammenhält. Anstrengungslos springt Jordan zwischen verschiedenen Stimmungen, aber sein Charisma scheint in jeder Szene durch. Talentproben hat Jordan schon genug abgegeben, dies ist nun seine (leider nicht einmal Oscar-nominierte) „Durchbruch“-Leistung und man kann nur hoffen, dass ihm jetzt noch diverse interessante Rollen zukommen werden, denn für junge schwarze Schauspieler ist es ja nicht immer leicht, gewichtige Rollen abseits sattsam bekannter Klischees zu bekommen.

konfrontationWomit wir dann auch bei den schwierigeren Themen gelandet sind, die „Nächster Halt: Fruitvale Station“ notgedrungen streift oder gar frontal angeht. Denn so wie Jordan allein durch seine Hautfarbe in seiner zukünftigen Karriere und Rollenauswahl beschränkt sein wird, so stellt „Fruitvale Station“ natürlich die Frage, wieviel die Ereignisse in der fatalen Sylvesternacht 2008 mit Hautfarbe zu tun haben und mit racial profiling. Wäre die Situation ähnlich eskaliert, hätte es sich um eine Gruppe angetrunkener und vielleicht etwas überexpressiver weißer junger Männer gehandelt? Diese Frage beantwortet „Fruitvale Station“ deutlich für sich selbst, da Debütant Ryan Coogler eng mit der Familie von Oscar Grant zusammenarbeitete und seinen Film durchaus als politisches Statement geplant hat.

Ob man dieser Position bedingungslos folgen will, ist jedem Zuschauer selbst überlassen, auch wenn der Film zugegebenermaßen seine Position durch ein wenig (oder auch ein wenig mehr) Manipulation erreicht. Wenn der Film etwa den muskulösen und aus „Lost“ als mörderischer Söldner bekannten Kevin Durand (widerum nicht der NBA-Star - dies dürfte der erste Film sein, in dem zwei Hauptdarsteller sich die Namen mit Basketballsuperstars teilen) als Hauptagierenden der Bahnhofspolizisten besetzt, ist das natürlich ein type casting, der implizit diese Figur sofort negativ umschreibt, zumal Durand in seiner Rolle dann auch gleich unsensibel (und möglicherweise rassistisch motiviert) lospöbelt und -prügelt. Dass es dann sein nervöser, etwas weinerlicher Kollege ist, der den tödlichen Schuss abfeuert, passt dann ins Bild: Der stärkere erste Eindruck ist gemacht, der Rest folgt dann zwangsläufig. Auch wenn der Film durchaus klar macht, dass die Bahnhofspolizei mit der Situation sofort überfordert ist, ist ebenso klar: Mit einer Deeskalationstaktik würde Oscar Grant heute vielleicht noch leben.

Und dass das Thema racial profiling nicht nur in den USA, aber aufgrund der Waffengesetze dort besonders dramatisch auch weiterhin im Mittelpunkt einer öffentlichen Debatte steht, sorgte natürlich in den letzten Jahren der Fall des Trayvon Martin, ein unbewaffneter schwarzer Jugendlicher, der von einem selbsterklärten Nachbarschaftsschützer erschossen wurde. Auch dort – wie im Falle des Todesschusses in der Fruitvale-Station – gehen die Meinungen auseinander, wie genau sich der tödliche Schuss gelöst hat (und fairerweise muss man sagen, dass „Fruitvale Station“ die Erklärung des Schützen, er habe Grant nur tasern wollen und seine Schusswaffe mit dem Taser verwechselt, völlig unter den Tisch fallen lässt). Aber im Falle von Martin fand ein ganz klarer Fall von racial profiling statt: Ein junger Schwarzer mit Kapuzenpullover im 'falschen Viertel' wurde unprovoziert verfolgt, mit tödlichen Folgen. oscar

Ganz so weit will “Fruitvale Station“ in der Schilderung seiner Situation nicht gehen, aber die Wut der Beteiligten über solche sich alle paar Jahre wiederholenden Fälle schwingt doch eindeutig mit: Gestern Oscar Grant, heute Trayvon Martin, und morgen? Unter diesem Prisma muss man „Fruitvale Station“ betrachten, um die Charakterisierung Oscar Grants und die Entscheidungen des Films, was er wie zeigt, zu rechtfertigen. Denn natürlich kommt Oscar hier sehr gut weg, was wie gesagt nicht zuletzt dem enormen Charisma seines Darstellers zu verdanken ist. Hat er wirklich das Drogendealen aufgegeben und seinen Vorrat in den Ozean geworfen? Müssen wir dies glauben? Müssen wir dies wissen? Macht es einen Unterschied, wenn ein in Handschellen Gelegter am Boden liegender Mann in den Rücken geschossen wird? Auch deswegen war der Autor vorhin vorsichtig, das Wort authentisch zu bemühen, denn wie echt die Leinwandversion dem echten Oscar Grant kommt, werden wir nie wissen. Aber: authentisch oder nicht, diese Darstellung ist wahrhaftig, und das ist es, was am Ende zählen sollte für den Kinobesucher.

Aufgrund des oben beschriebenen politischen Anliegens des Films trägt „Nächster Halt: Fruitvale Station“ seine Botschaft am Ende vielleicht etwas dick auf, beharrt vielleicht etwas zu sehr auf der für die Filmemacher haarsträubenden Ungerechtigkeit des relativ milden Urteils gegen den Todesschützen. Aber auch diese Coda kann nicht vergessen machen, wie viele starke, oft zärtliche, gut beobachtete Momente der Film in den 90% Prozent vorher hatte. Wie gut er Familienleben, Zusammensein mit Freunden, die Familie im sozial schwachen Niveau aufzeigt, ohne sich auf Klischees und Zeigefinger herabzugeben. Von dem Moment, in dem Michael B. Jordan als Oscar Grant zuerst zu sehen ist, bis zu dem Moment, wo er ungläubig stammelt „Du hast auf mich geschossen. Ich habe eine Tochter.“ ist „Nächster Halt: Fruitvale Station“ ein elegischer wie elektrisierender Film. Und davon sollte keine politische Debatte ablenken.

Simon Staake

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