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Mein Stück vom Kuchen

Mein Stück vom Kuchen
dramödie , frankreich 2011
original
ma part du gateau
regie
cédric klapisch
drehbuch
cédric klapisch
cast
gilles lellouche,
karin viard,
audrey lamy,
marine vacth, u.a.
spielzeit
109 Minuten
kinostart
15. September 2011
homepage
http://www.meinstueckvomkuchen.de/
bewertung

5 von 10 Augen
stück vom kuchen plakat

Cédric Klapisch ist in Deutschland ja vor allem durch seine „Auberge Espagnole“-Reihe bekannt, beides in Zusammenarbeit mit seinem Lieblingsschauspieler Romain Duris. In der Rezension zur Fortsetzung „L'Auberge Espagnole 2 – Wiedersehen in Sankt Petersburg“ begutachtete man kleine, schmerzvolle Schritte hin zum Erwachsenwerden, Mein Stück vom Kuchensowohl bei Klapisch als auch seinem filmischen Alter Ego Xavier (Duris). Aber Erwachsenwerden ist nun mal ziemlich schwierig, auch und gerade für einen Regisseur, dessen größte Erfolge (wie „Le Péril Jeune“, der Film, der Klapisch 1994 in seiner Heimat schlagartig berühmt machte) sich genau mit diesem Thema beschäftigen. Wie schwierig, das zeigt „Mein Stück vom Kuchen“, der nicht nur erwachsene Protagonisten sein Eigen nennt, sondern auch ein vornehmlich ziemlich ernstes, erwachsenes Thema.
 

Klapischs neuester Film beginnt mit dem Finanzgenie Steve Delarue (Gilles Lelouch), der als Trader in Paris dabei ist, ganz große Karriere zu machen. Moralische Skrupel kann er sich dabei kaum leisten, das Wichtigste ist für ihn – wie er gegen Anfang des Films sagt - „Mein Stück vom Kuchen“. France (Karin Viard), alleinerziehende Mutter von drei Töchtern, hat dagegen riesige Probleme. In ihrer Heimat Dünkirchen wird die Fabrik geschlossen, die ihr und vielen anderen seit Jahrzehnten ihr Einkommen gebracht hat, die Mitarbeiter werden geschlossen herausgeworfen. Da in der ehemaligen Schiffs- und Industriestadt Dünkirchen die Jobs rar gesät sind, sieht France nur einen Ausweg: Ab ins ferne und große Paris, wo sie sich in der Woche als Putzfrau verdingen will. Und wie es so kommt, einer ihrer ersten Kunden ist Steve...

 

Cédric Klapisch ist ein Populist und ein Mann für leichte Komödien. Seine Filme leben von Charme und Rhythmus, wobei Tiefgründigkeit und Glaubwürdigkeit schon mal auf Tauchstation gehen. Das war auch in den „Auberge Espagnole“-Filmen schon zu sehen, wurde aber dank seinem Händchen für sympathische Darsteller und einer gewissen Leichtigkeit ausgeglichen Aber jetzt will er offenbar ernst machen. In Zeiten von globalen Finanzkrisen und Mein Stück vom KuchenMassenarbeitslosigkeit hat offenbar auch Klapisch sein soziales Gewissen entdeckt, und um nicht weniger als Kapitalismuskritik und Klassenkampf geht es hier zwischen den auch symbolisch benannten Figuren: Steve steht mit seinem englischen Vornamen für den globalen Großkapitalismus (und die Übernahme durch internationale Konzerne), France eben für die französischen Werte des kleinen Mannes.
Das ist nicht unbedingt subtil, so wie man Subtilität von Klapisch nicht gewohnt ist und nicht erwarten kann.
Apropos Erwartungen: Eines muss man Cédric Klapisch und „Mein Stück vom Kuchen“ immerhin lassen: Ein Standardfilm über einen Mitmenschenverächter, dessen harte Sichtweisen durch eine Person außerhalb seiner sozialen Kreise geändert werden, ist es nicht geworden. Auch eine klassische romantische Komödie im „Pretty Woman“-Stil nicht. Sondern irgendetwas dazwischen. Allerdings weiß Klapisch hier offenbar selbst nicht so recht, wo er abseits der angestammten Nische eigentlich hin will und so geht „Mein Stück vom Kuchen“ mal in diese, mal in jene Richtung, ohne sich je richtig einzupendeln und einen kohärenten und stimmigen Ton zu finden. Beizeiten hat man das Gefühl, man sähe hier eine „My Fair Lady“-Variante, dann wechselt er in die Sozialsatire und schiebt gegen Ende immer mehr in Richtung Drama. Und das alles abgemischt mit ein paar grellen Karikaturen und Stereotypen, wie sie in seinen Filmen fast immer auszumachen sind.

Das sind ein paar Zutaten zuviel und sie sind schlecht miteinander gemischt, und so lässt einen Klapischs Kuchen etwas ratlos zurück. Die gemischten Signale, die „Mein Stück vom Kuchen“ sendet, wollen einfach nicht recht zusammen passen. Klapisch hat wohl bei der Konzeption des Films in jene Richtung gedacht, aber er ist ist nun mal kein Ken Loach, ihm geht sowohl dessen Beobachtungsgabe für Milieus und Sozialrealismus als auch dessen großes Menschenverständnis ab. Und so wechseln sich zarte oder witzige Momente ab mit unbeholfenen, klischierten oder zu gewollt symbolischen.
Mein Stück vom KuchenDennoch gelingen ihm zwischenzeitlich durchaus starke Momente: Als France etwa zum ersten Mal einen Bonus bekommt, geht sie zu Hause in Dünkirchen erstmal einkaufen – so weit so gut – aber statt einer Pretty Woman in der Edelboutique geht es hier zum örtlichen Lidl, wo die Töchter sich etwas aussuchen dürfen und France einmal nicht genau darauf achtet, was in den Einkaufswagen kommt. Ein passendes, stimmiges Bild, welches die Finanzsituation der Familie ohne große Worte perfekt einfängt. Leider sind solche Momente zu selten. Auch ist Klapisch durchaus positiv anzurechnen, dass er die Wandlung von Steve vom Saulus zum Paulus immer wieder andeutet, jedoch nie unglaubwürdig von einer Minute auf die andere vollzieht und den Zuschauer zudem ganz lange im Unklaren lässt, ob und wie Steves Wandlung anhält.

 

Und trotzdem nützt es im Endeffekt wenig. Als wüsste er selber nicht recht, wo er eigentlich hin will, belässt es Klapisch bei einem abrupten offenen Ende, so nach dem Motto: Lieber Zuschauer, jetzt darfst du dir den Rest der Geschichte ausmalen. Während man als Kritiker so etwas normalerweise dem Ende, in dem alles auserzählt und auch jeder Plotstrang noch schön verknüpft ist, vorzieht, gilt dies hier nicht. Es wirkt einfach ein wenig hilflos. Natürlich gibt es im wirklichen Leben, das Klapisch hier ja so gerne abbilden möchte, ganz selten saubere Enden und Auflösungen. Aber ein wenig eleganter hätte es schon sein dürfen und müssen, gerade weil der Film vorher so einen Zick-Zack-Kurs gefahren ist.
Überhaupt: Hat man sich den Gro
ßteil des Films trotz so manchem falschen Ton recht gut unterhalten – was vor allem den beiden Hauptdarstellern zu verdanken ist – so verrennt sich „Mein Stück vom Kuchen“ in den letzten zwanzig Minuten in eine unnötig dramatische und dabei undankbare Richtung bis hin zum unzureichenden Ende. „Mein Stück vom Kuchen“ ist ein Schritt nach vorne und zwei zurück für Klapisch. Sein Ziel der ernsthafteren, erwachseneren Unterhaltung mit sozialem Gewissen in allen Ehren, aber da muss er bei der nächsten Kuchenbäckerei ein stimmigeres Rezept finden.

Simon Staake

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