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Mein Praktikum in Kanada

Mein Praktikum in Kanada
polit-satire , kanada 2015
original
guibord s'en va-t-en guerre
regie
philippe falardeau
drehbuch
philippe falardeau
cast
patrick huard,
irdens exantus,
suzanne clément,
clémence dufresne-deslières, u.a.
spielzeit
108 Minuten
kinostart
26. Mai 2016
homepage
http://www.arsenalfilm.de/my-internship/index.htm
bewertung

5 von 10 Augen
Mein Praktikum in Kanada

Der Abgeordnete und sein PraktikantEs ist schon bezeichnend für das große Dilemma von “Mein Praktikum in Kanada“, dass der deutsche Titel eine komplett andere Geschichte suggeriert als sein kanadisches Pendant. Der deutsche Name bezieht sich auf die Figur eines jungen Mannes aus Haiti und verspricht eine klassische “Fisch aus dem Wasser“-Geschichte. Ganz anders sieht es dagegen im Original aus. Mit “Guibord s'en va-t-en guerre“, frei übersetzt “Guibord zieht in den Krieg“, erklärt man hier einen kanadischen Politiker zur Hauptfigur und nimmt Bezug auf dessen Kampf mit dem politischen System. Genau diese beiden Geschichten stecken dann auch in dem Film, aber leider ist nur eine von beiden halbwegs gelungen. Mit fortlaufender Spieldauer möchte “Mein Praktikum in Kanada“ nämlich mehr sein als nur eine nette Komödie mit zwei überzeugenden Hauptdarstellern. Doch der Versuch einer politischen Satire scheitert leider an einem zu platten Drehbuch, dem insbesondere in der zweiten Hälfte der Biss und ein paar Überraschungsmomente fehlen.
 

Unserer Hauptfigur droht ÄrgerÜberrascht wird höchstens der kanadische Abgeordnete Guibord (Patrick Huard), denn eines Tages steht in seinem Wahlkampfbüro doch tatsächlich der junge Haitianer Souverain (Irdens Exantus) und bittet um einen Praktikumsplatz. Der aufgeweckte junge Mann stellt sich schon bald als sehr eloquent heraus – was in einem gewissen Gegensatz zum nicht wirklich wortgewandten Guibord steht. Die Fähigkeiten des ungleichen Teams werden schon sehr bald auf die Probe gestellt, denn in Guibords Wahlkreis droht ein Konflikt zwischen der Holzindustrie und den Indianern zu eskalieren. Als ob das nicht genug wäre, wird auch ausgerechnet die Stimme von Guibord im kanadischen Parlament über einen möglichen Kriegseinsatz entscheiden. Der Abgeordnete ist mit soviel Verantwortung allerdings mehr als überfordert – auch angesichts der unterschiedlichen Meinungen seiner impulsiven Frau Suzanne (Suzanne Clément) und störrischen Tochter Lune (Clémence Dufresne-Deslières). Aber vielleicht kann ja ausgerechnet ein Praktikant aus Haiti die Familie wieder vereinen und Guibord neuen Mut zusprechen.

 

Ein bisschen mehr Mut hätte man auch von Drehbuchautor und Regisseur Philippe Falardeau erwarten können. Der hat mit dem Oscar-nominierten “Monsieur Lazhar“ vor ein paar Jahren immerhin ein feines Stück Drama hingelegt, doch von dessen Komplexität ist man hier ein ganzes Stück entfernt. Stattdessen ist eher einfach gestricktes Feel-Good-Kino angesagt, dessen Figurenkonstellation, wohl nicht ganz unbeabsichtigt, Erinnerungen an den Überraschungshit “Ziemlich beste Freunde“ weckt. Wer aber nun auf ein humorvolles Duell zweier grundverschiedener Protagonisten gehofft hat, wird mit zunehmender Spieldauer immer mehr enttäuscht werden.

Im EishockeystadionIm ersten Drittel läuft noch alles halbwegs nach Plan – hier präsentiert man uns die erwartete “Fisch-aus-dem-Wasser-Geschichte“. Nach einem cleveren Einstiegsgag rund um den Wahrheitsgehalt der nun folgenden Ereignisse treffen wir auf den jungen Souverain und damit einen der wichtigsten Gründe, warum der Zuschauer in den nächsten 108 Minuten am Ball bleibt. Dank des charismatisch aufspielenden Irdens Exantus ist man sehr schnell angetan von diesem auf so sympathische Weise übermotivierten Praktikanten, der mit seiner manchmal etwas unbedarften Eloquenz genauso oft den Punkt trifft wie auf humorvolle Art und Weise aneckt. Das Opfer von Souverains Unbedarftheit ist der überforderte Guibord, dessen Naivität und stetige Unsicherheit vom erfahrenen Patrick Huard genau die Liebenswürdigkeit verliehen bekommt, die den Zuschauer ihn ebenfalls ins Herz schließen lässt. Die gleiche Aufmerksamkeit hätte man aber auch dem Rest des Drehbuchs und den vielen Nebenfiguren zukommen lassen sollen, denn hier kommt der Film schon ziemlich bald das erste Mal ins Stocken.
 

Ein Wahlkampfbüro, das man nur durch einen Dessous-Laden betreten kann, ein stotternder Truckfahrer, der ausgerechnet als Verhandlungsführer beim Streik herhalten muss – was uns der Film hier als Humor verkaufen will ist oft zu simpel und altbacken um wirklich ein Lächeln auf unsere Lippen zu zaubern. Manche Nebenrollen, allen voran die einer sehr tölpelhaften Reporterin, sind mit dem Attribut “klischeehaft“ noch gut bedient. Es liegt einzig und alleine an den beiden sympathischen Hauptfiguren, dass man diesen Mangel an humoristischem Einfallsreichtum einigermaßen duldet. Doch je länger der Film dauert, umso mehr verschiebt sich der Fokus der Handlung. Souverain und seine unterhaltsamen Anpassungsschwierigkeiten treten immer mehr in den Hintergrund, stattdessen dominieren die eher ernsteren politischen Herausforderungen Guibords. Diese mit dem leichten Ton der ersten Hälfte unter einen Hut zu bekommen ist nun aber schon eine deutlich anspruchsvollere Aufgabe für einen Autoren und leider übernimmt sich der gute Falardeau hier deutlich. Seinem Versuch der Satire fehlt sowohl die nötige Tiefe als auch der leidenschaftliche Biss um hier wirklich eine überzeugende Figur abzugeben. Stattdessen vereinfacht der Film viele politische Konflikte, zieht diese unnötig in die Länge und generiert nur sehr wenige überzeugende Gags.

Protest der IndianerMan nehme nur die Meinungsverschiedenheiten zwischen der Holzindustrie und den Ureinwohnern. Das Thema wird zwar immer wieder aufgegriffen, entwickelt aber nie eine wirkliche Dynamik und bleibt stets oberflächlich. Ähnlich verhält es sich mit der moralischen Verantwortung, die durch die anstehende Parlamentsdebatte auf Guibord lastet. Um Guibord die unterschiedlichen Konsequenzen seines Handelns aufzuzeigen, lässt der Film Kriegsveteranen und Aktivisten mit Friedenstauben auftreten und unseren Abgeordneten derart banale Schlüsse daraus ziehen, dass beim Zuschauer schon leichte Schmerzen in der Hirnregion auftreten. Zwar wird immer wieder versucht das Geschehen zumindest kurzzeitig aufzulockern, doch das Niveau der Gags steigt nur selten über den Durchschnitt. Wo simple Witze allerdings vorher noch verzeihlich waren, sind sie im Angesicht des ernsteren Kontexts nun oft auch eher ärgerlich. Glücklicherweise schaut ab und zu noch Souverain um die Ecke und erinnert uns an die Leichtigkeit der Anfangsminuten. Am Ende wird seine Rolle aber leider auf die eines simplen Plot-Werkzeugs degradiert, nur damit Guibord schlussendlich seine erfolgreiche Katharsis erleben darf.

 

So hat “Mein Praktikum in Kanada“ am Ende einfach auf das falsche Pferd gesetzt. Mit dem Versuch mehr als nur eine simple Komödie zu sein, hat man sich hier leider selbst ein Bein gestellt. Polit-Satire ohne Tiefgang und Biss war noch nie ein Vergnügen, und so ist es dann wirklich nur dem Charme der beiden Hauptfiguren zu verdanken, dass man dem Film am Ende zumindest nicht so richtig böse sein kann.

Matthias Kastl

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