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Manila

Manila
episodenfilm , deutschland 2000
original
regie
romuald kamarkar
drehbuch
romuald kamarkar, bodo kirchhoff
cast
jürgen vogel,
martin semmelrogge,
sky dumont,
elizabeth mcgovern,
michael degen, u.a.
spielzeit
115 Minuten
kinostart
29. Juni 2000
homepage
bewertung

5 von 10 Augen

Auf den Philippinen ist es schön warm. Da fliegt man gerne mal hin, wenn’s hier unschön kalt ist. Und wenn man wieder zurück will, sitzt man in einer ungemütlichen Wartehalle auf dem internationalen Flughafen von Manila, bis der Flieger startet. Was sich aus dieser recht langweiligen Situation alles ergeben kann, daß dokumentiert Romuald Kamarkar, 1994 nach seinem grandiosen Kammerspiel „Der Totmacher“ als neue Hoffnung des deutschen Films gefeiert (und seitdem weniger produktiv), in seinem neuen Film „Manila“.
Rund 200 Deutsche sitzen in der Flughafenhalle, und sie sitzen fest, denn in ihrer Maschine sorgt eine Ratte für Ärger, wodurch sich der Abflug verzögert. Erheblich. Und so schließt man Zufallsbekanntschaften: Regine und Knut Görler (Peter Rühring, Margit Carstensen), frühpensioniertes Lehrerpaar aus dem Osten auf Bildungsreise, unterhält sich mit dem Aussteiger Walter (Michael Degen), der mit einem „Vergnügungsetablissement“ zu einigem Geld gekommen ist, und nun mit seiner Frau Maribel (Chin-Chin Gutierrez) einen an AIDS verstorbenen Freund zurück in die Heimat überführt. Die Beziehungen der beiden Paare könnten kaum unterschiedlicher sein: Knut wird von seiner Frau überfürsorglich bemuttert, Walter lebt seine Machoattitüde dankbar von seiner Partnerin belächelt aus.
Woanders versuchen sich die Cousins Rudi (Jürgen Vogel) und Herbert (Manfred Zapatka) vor der Journalistin Elisabeth (Elizabeth McGovern) zu profilieren. Die unterkühlte Brünette braucht nur uninteressiert in die Gegend zu starren, schon werden ihr ganze Lebensgeschichten und Neurosen aufgetischt. Und da kommt eine ganze LKW-Ladung Verzweiflung ans Tageslicht.
Halbzeit-Philippino Franz (Martin Semmelrogge), der zweimal im Jahr Urlaub bei zwei verschiedenen „Frauen“ macht, hat sich derweil bei der Klofrau Mercy (Ces Quesada) einquartiert, textet die den ganzen Abend voll und schielt immer nach potentiellen Abenteuern oder neuen Bekanntschaften, denen er seine (leicht vulgäre) Fotosammlung zeigen kann.
Unterdessen müssen sich der arrogante Pilot Jochen (Sky DuMont) und die sexy Stewardess Kerstin (Nina Heimlich) einige Unmutsäußerungen der entnervten Passagiere anhören, die so gut wie möglich mit Freigetränken, gutem Essen und prominenten Gästen ruhig gehalten werden. Aber die Wartezeit wird immer länger, und so entlädt sich bei vielen aufgestaute Energie/Frust in verschiedenen Formen.

Wem jetzt ein großes „Ja, und?“ im Kopf herumspukt, hat den Nagel bereits auf den Kopf getroffen. „Manila“ hat ein ganz großes Problem: Man fragt sich die ganze Zeit, warum man sich diesen Film überhaupt anguckt. Das hört sich negativer an, als es gemeint ist: „Manila“ ist nicht wirklich schlecht, er ist nur ziemlich leer.
Das hätte von der Ausgangslage her nicht sein müssen: Eine prominente und sehr gute Besetzungsliste und ein Haufen Figuren, die durchaus Substanz haben, in Szene gesetzt von einem Regisseur, von dem man weiß, daß er es kann. Was ist passiert? „Manila“ kommt nicht so recht in Gang. Das mag zwar daran liegen, daß die ewige Wartezeit, die hier dokumentiert wird, natürlich auch mit ganz viel Langeweile beginnt, aber das ist einfach ein bißchen mehr Realitätsnähe, als einem Kinofilm gut tut. Und als es dann endlich los geht, bleiben die meisten Dinge ungesagt. Mit zunehmender Spielzeit beginnen die Geschichten hinter den Figuren feste Konturen anzunehmen, man ahnt, was da alles schlummert. Doch das meiste wird nicht aufgedeckt. Und genau hier liegt der Knackpunkt: Kamarkar versucht sich in exzessiver Weise an einem Erzählstil, der im Kino eigentlich nicht funktionieren kann.
Erzählerischer Minimalismus ist eine Sache, die in literarischer Form schon sehr anstrengend ist (in einigen Fällen aber auch sehr lohnend). Sehr spärliche Streuung von Informationen, eine knappe und sachliche Narration, dies führt dazu, daß man im Normalfall erst beim zweiten Lesen so richtig begreift, was eigentlich vor sich geht. Erzählerischer Minimalismus im Kino kann genau deshalb nicht funktionieren: Nur sehr wenige Menschen gucken einen Film noch einmal, weil sie beim ersten Mal nicht voll durchgestiegen sind. Und auch niemand ist darauf vorbereitet. Kamarkar deutet die Hinter- und Abgründe seiner Figuren in so dezenter Weise an, daß man beizeiten vor lauter Grübeln, was die eine Szene eigentlich bedeuten sollte, die Wichtigkeit der nächsten total verpasst. So entstehen beim Anschauen eine ganze Menge mentaler Fragezeichen, deren Abarbeitung nicht wirklich als lohnenswerte Anstrengung erscheint.
„Manila“ ist ein sehr Schauspieler-freundlicher Film, und das sieht man. Aufgrund der Minimalinformationen über die Charaktere sind die Darsteller ganz besonders gefordert, und es ist überdeutlich, daß die Beteiligten diese Herausforderung mit viel Engagement angenommen haben. Martin Semmelrogge als schwäbelnder Klofrauverführer oder Peter Rühring als überbefürsorgter Spießer, der ganz unerwartet den tollsten Abend seines Lebens verbringt, sind wahre Highlights, und auch Michael Degen und Elizabeth McGovern machen die merkwürdige Anziehungskraft, die von ihren Figuren ausgeht, spürbar. Symptomatisch für den ganzen Film ist allerdings Herbert Feuerstein: Ewig wartet man auf seinen ersten Satz, der dann auch gleich sein letzter bleibt, was bei jemandem wie Feuerstein schon extrem schade ist. Aber so geht es dem ganzen Film: Man wartet die ganze Zeit auf etwas, das niemals kommt. Unterdessen erlebt man tolle Schauspieler, die tolle Monologe vortragen, deren Sinn sich aber nicht so recht erschließen will.

In „Manila“ dreht sich eine ganze Menge um Sex, Prostitution und Triebstau, und dementsprechend dreckig ist auch zeitweise das Vokabular. Trotzdem bleibt letztendlich nur das Gefühl hängen, daß der Film mir sagen möchte: „Hinter jedem Menschen verbirgt sich eine Geschichte.“ Um das zu wissen, hätte ich mir aber nicht diesen Streifen ansehen müssen. Wenn am Ende eine Party gefeiert wird, die in dieser Form nur ein Haufen deutscher Touris zustande bringt, fühlt sich mancher vielleicht an lustige Wartezeiten im Flughafen von Palma de Mallorca erinnert. Das ist definitiv nicht das, was der Regisseur wollte. Das ist aber leider das, was am vordergründigsten rumkommt.
„Manila“ bewegt sich irgendwo zwischen auf interessante Weise unbedeutend und vollkommen nichtssagend. Ein Film, aus dem man besser ein Buch gemacht hätte. Denn wirklich funktionieren kann Minimalismus nur in literarischer Form.

Frank-Michael Helmke

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