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Malen oder Lieben

Malen oder Lieben
drama , frankreich 2005
original
peindre ou faire l'amour
regie
arnaud larrieu, jean-marie larrieu
drehbuch
arnaud larrieu, jean-marie larrieu
cast
daniel auteuil,
sabine azema,
sergi lópez,
amira casar, u.a.
spielzeit
98 Minuten
kinostart
15. Juni 2006
homepage
bewertung

7 von 10 Augen

Was könnte man für Probleme haben, wenn man frisch pensioniert ist, eine schöne, kluge Frau hat und genügend Geld, um sich eine romantische Immobilie auf dem Land zu leisten? Nun, man könnte sich alt fühlen und aus der Bahn geworfen. Bei William (Daniel Auteuil) legt sich dieses Gefühl zum Glück schon bald wieder, nachdem ihm seine Madeleine (Sabine Azéma) ein altes Bauernhaus zeigt, ihn dort zu einem Schäferstündchen animiert und er Minuten danach - die Lebensgeister sind wieder erwacht - beschließt, das Haus zu kaufen. Schon geht es wieder aufwärts mit dem pensionierten Meteorologen. Sein Leben hat wieder eine Richtung und einen neuen Sinn - auch wenn sich dieser in zweckfrei vor dem Haus geparkten alten Heuwagen manifestiert. Doch was, wenn die neu eingeschlagene Lebensbahn die falsche war? Was, wenn die unverhofften Stromschnellen im ruhigen Fluss des herbstlichen Lebens - das neue Haus, die wiederentdeckte Lust - nicht von Dauer sind?

"Der Herbst des Lebens", "die besten Jahre" - die Zeit jenseits der Lebensmitte wird mit vielen Euphemismen bedacht, doch die Brüder Larrieu haben die sich darin andeutende Kitschgefahr souverän umschifft. Ohnehin geht es ihnen nicht um die Verklärung des Alters, sondern um universellere Themen wie die Unsicherheit an der Schwelle eines neuen Lebensabschnitts, die Wohltat des Vertrauten und die Notwendigkeit, eine beunruhigende Sicherheit mit dem Reiz des Neuen zu würzen.
Die harmonische, von erhaben ruhenden Bergen am Horizont gesäumte Landschaft des Vencours in den französischen Alpen spiegelt die innere Stimmung dieses Paares wider, das sich schon lange liebt und gemeinsam älter wird. Nicht zu heiß ist das Klima hier, nicht zu trocken, nicht zu kalt und nicht zu regnerisch. Es blüht nicht viel, doch dafür wogen sattgrüne Wiesen sanft im Wind, dazwischen werfen Laubbäume mit knorrigen Ästen die Schatten ihrer ausladenden Kronen. Und so wie die innere Verfassung des Paares, in dessen Mitte sich bei aller Harmonie eine unausgesprochene Leere breit zu machen droht, setzen die Larrieus auch diese Szenerie bei aller Schönheit doch mit wenig Emphase ins Bild. Ob all dies - Landschaft wie Ruhestand - schön ist oder nicht, hängt von einer sinnlichen Deutung ab, die sich William und Madeleine nicht selbst zu geben vermögen.

Ihre Sinnlichkeit wird wiedererweckt durch Adam (Sergi Lopez), den blinden Bürgermeister des Dorfes, und Eva (Amira Casar), seine bildschöne Frau. Die sprichwörtlich blinde Liebe dieses Paares, vor allem aber Adam, der ihnen die Sinnlichkeit der Welt und der Menschen vor Augen führt, weil er sie erfühlen, erlauschen und riechen muss, öffnen auch Madeleine und William für die vielen Reize, die ihnen das Leben noch bereithält. So mündet diese Freundschaft über kurz oder lang in einer "Ménage à Quatre", die für die beiden das Tor zu ihrem neuen Leben erst aufstößt.
"Du riechst," ist das erste, was William zu Madeleine sagt, nachdem sie am Morgen nach dem Partnertausch fluchtartig das Haus verlassen haben, um diese verstörende Nacht hinter sich zu bringen, irritiert sich distanzierend und doch gemeinsam flüchtend in die vertraute Gegenwart des anderen, in der schon nichts mehr so ist wie am Tag zuvor. "Stört dich das?" fragt sie zurück, und im nächsten Moment fallen sie im erstbesten Pensionszimmer übereinander her.

Es ist die vielleicht stärkste Szene in einem Film der sanften Töne, allerdings scheint mit ihr und der gleich im Anschluss folgenden Krise der vom swingenden Nervenkitzel neu belebten Liebenden schon das meiste gesagt. Was nun folgt ist ein hübsches Wiederholungsspiel des Sehnens nach den anderen, des unausgesprochen einvernehmlichen Flüchtens der beiden vor der Routine ihrer Beziehung. In minimalen Gesten deutet sich die Beunruhigung an, die die beiden umtreibt - ein unstetes Flackern in den lebhaften Augen Madeleines, der gärtnerische Übereifer Williams - und das genügt, um zu zeigen: der Grundton ihres Lebens mag heiter sein, aber die traute Zweisamkeit hat auch etwas Beängstigendes.
Doch die sanfte Spannung, mit der hier Blicke getauscht, Anrufe erwartet und weitere amouröse Abenteuer ersehnt werden, verläuft auf einem schmalen Grat, an dessen Flanke ein Abgrund namens Spannungslosigkeit klafft. So schön der Rhythmus der Erzählung dem inneren Tempo seiner Protagonisten angepasst ist, so bestechend schlicht die Stimmungsbilder mitunter sind, liegt doch der Eindruck nahe, dass all dies vor allem dann gefällt, wenn man die Kraft der zwei Herzen in sich spürt. Nur sehr langsam kommt die Erzählung in Gang, recht austauschbar wirken viele Einstellungen, sehr brav bleibt die ganze Geschichte trotz einvernehmlichen Ehebruchs dann doch. Auf der anderen Seite übt gerade die Beiläufigkeit, mit der die Wendepunkte im Leben von Madeleine und William sich ereignen, einen gewissen Reiz aus. Die Leichtigkeit, mit der sie die Abkehr von ihrem bisherigen Leben vollziehen, erzählt auf sympathische Art, wie imaginär die Hürden sind, die man sich oft im Leben aufbaut, um es in vertrauter Bahn zu halten. Und selten wird im Kino so entspannt davon erzählt, wie reizvoll es sein kann, wenn es dann entgleist.

Frank-Michael Helmke

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