Der
Indie-Boom der 1990er ist tot, es lebe der Indie-Boom der 2000er!
Also zumindest, wenn man Boom relativ sieht. Denn sowohl die besonders
von Mini-Majors wie Miramax gepushten Indies der 90er, so künstlerisch
erfolgreich und einflussreich sie auch waren, haben natürlich
im reinen Einspielergebnis ebenso wenig Einfluss auf ein Umdenken
in Hollywood gehabt wie die Indie-Hits in
den
letzten Jahren. Das kann auch kein "Garden
State", der Überraschungshit des letzten Jahres, oder
eben "Little Miss Sunshine", der dieses Jahr zumindest
in den USA einen Achtungserfolg schaffte, leisten. Aber trotzdem
ist es schön, dass sich solche kleinen Filme nicht durch massive
Werbekampagnen durchsetzen, sondern durch Qualität und die
darauf folgende Mundpropaganda. Und tatsächlich scheint es
dem Independent-Film nach einigen doch eher schwachen Jahren wieder
besser zu gehen.
Aber eins muss man bei aller Freude über diese feinen Filme
schon anmerken: Die für sich immer eingenommene Originalität,
mit der sich diese Filme von der Reißbrettkonkurrenz der großen
Studios abgrenzen wollen, ist auch nicht mehr das, was sie mal war.
Denn mittlerweile ist ein Großteil der "andersartigen"
Indies fast genau so formelhaft und berechnend zusammengesetzt wie
die Blockbusterparaden des Mainstreamkinos. Und in diese Reihe muss
man auch das Drehbuch von Michael Arndt zu "Little Miss Sunshine"
stellen.
Das fängt schon beim Genre an. Was ist kostengünstig und
gleichzeitig storytechnisch die richtige Chance für eine Reihe
ungewöhnlicher Charaktere und die Dinge, die sie voneinander
lernen? Genau, das Roadmovie. Der "Little Miss Sunshine"-Check:
Aha, eine Reise quer durch drei Staaten mit einer brutalen Deadline:
Die Familie Hoover muss ihre jüngste Tochter innerhalb von
kürzester Zeit in einem altersschwachen VW-Bus von New Mexico
nach Los Angeles bringen, damit diese dort an einem Schönheitswettbewerb
teilnehmen kann.
Womit wir schon bei den Figuren wären: Die müssen natürlich
alle möglichst abgedreht und außergewöhnlich sein.
Der "Little Miss Sunshine"-Check: Es lebe die dysfunktionale
Familie in Form der Hoovers! Da hätten wir Dwayne (Paul Dano),
den Sohn der Familie, der als rebellischer Teenager mit Nietzsche-Faible
ein Schweigegelübde abgelegt hat und seit Monaten streng befolgt.
Dann wäre da Opa (Alan Arkin), dessen Kokskonsum ihn seinen
Platz im Altersheim gekostet hat und der sich gerne einer sehr deutlichen
Sprache bedient. Vater Richard (Greg Kinnear) ist ein Motivationstrainer
mit einem kleinen Problem: Sein Buch "Erfolgreich in neun Schritten"
ist eben alles andere als erfolgreich. Die kleine Olive (Abigail
Breslin) ist fasziniert von Schönheitswettbewerben und trainiert
ständig mit Opa ihren
Tanzvortrag.
Mehr schlecht als recht zusammengehalten wird der wilde Haufen von
Mutter Sheryl (Toni Collette). Und als wäre es der ungewöhnlichen
Charaktere noch nicht genug, stößt auch noch Sheryls
Bruder hinzu, der depressive schwule Proust-Experte Frank (Steve
Carell), der nach seinem Selbstmordversuch aus Liebeskummer nicht
allein gelassen werden darf. Voilà, eine klassische kaputte
Familie mit vielen Konflikten, die bis zum Finale gelöst und
einigen Lebensweisheiten, die bis dahin gelernt werden müssen.
Hat der Rezensent jetzt doch einigermaßen kritische Worte zum vorhersehbaren Aufbau mit den zu erwartenden Charakteren verloren, so darf der Leser sich jetzt zurecht fragen: "Womit verdient der Film denn nun seine acht Augen?" Ganz einfach: Indem er das, was er macht, absolut großartig macht. Man mag das eine oder andere schon in anderen Roadmovies oder Familien-Tragikomödien gesehen haben, aber das Regisseurs-Ehepaar Jonathan Dayton und Valerie Faris schaffen es, den Mix aus Humor und Ernst, aus abseitigem Witz und leiser Tragik perfekt umzusetzen. "Little Miss Sunshine" mit seiner erzwungenen Situation und seinen in ihrer Überzeichnung und Anhäufung doch ziemlich unglaubwürdigen Figuren sollte eigentlich nicht funktionieren - und funktioniert großartig. Mit einem nicht von der Hand zu weisenden Charme, perfektem Timing und einem sehr guten Ensemble gewinnt dieser Film jeden Skeptiker, der sich beim in ähnlicher Form zu erwartenden Finale doch wundert, wie sehr ihn das Ganze gepackt hat und mit wie viel positivem Pathos und bittersüßen Zwischentönen es doch ausgestattet war. "Little Miss Sunshine" schlägt jeden auf seine Seite - nur ein Grund für die herausragende Mundpropaganda, durch den sich der Film im Heimatland zum Überraschungshit des Jahres gemausert hat und so in den Eliteclub jener Blockbuster einbrechen ließ, die zehn Wochen oder mehr in den US-Kino-Top Ten waren.
Ob
Franks peinliches Zusammentreffen mit seinem Ex-Lover und "Selbstmordgrund",
Dwaynes kleiner Zettel an Frank ("Bitte bring dich nicht heut
Nacht um") oder Opas Tipps für des Enkels Sexualleben,
es sind die Kleinigkeiten, die in Erinnerung bleiben und mit denen
sich Drehbuchautor Arndt für die etwas bequeme Ausgangssituation
rehabilitiert. Viele kleine Szenen, die nicht zum Schenkel klopfen
witzig sind, aber einem schadenfrohe, ungläubige oder wissende
Lächeln auf das Gesicht zaubern. Unerwartet emotionale Szenen,
wenn die Story in traurigere oder kontroversere Gefilde vordringt,
die dann aber sofort wieder durch absurden Humor (ein Teil des Films
erinnert an "Immer Ärger mit Bernie") konterkariert
werden, bevor es zu gefühlsduselig wird.
Auch der immer wieder auftauchende messerscharfe satirische Witz
bringt ordentlich Pluspunkte. Wenn etwa die Absurdität, fragwürdige
menschliche Objektivierung und perverse "Mini-Erwachsene"-Logik
von Schönheitswettbewerben für Kinder durch Olives Performance
gnadenlos und schonungslos offen gelegt werden, gelingen "Little
Miss Sunshine" quasi im Vorbeigehen ein paar kritische Anmerkungen,
die andere mit dem Holzhammer und dementsprechend erfolglos nach
Hause geprügelt hätten. Komödie, Tragödie, Satire
- dieser Film ist von allem ein bisschen, ohne sich dabei in einer
der Richtungen zu verheddern oder sich in Sachen Stil und Inszenierung
irgendwo im Niemandsland zu verlieren.
Dass
dieser Film so erfolgreich in dem ist, was er tut, hat wie gesagt
auch viel mit den Schauspielerleistungen zu tun. Das Schattenkabinett
von tollen Darstellern, Toni Collette und Greg Kinnear, macht das,
was es immer macht: die beiden überzeugen, ohne sich groß
in den Vordergrund zu spielen. Das Rampenlicht ist für andere.
Abigail Breslin ("Signs")
etwa, die ihre schwierige Kinderrolle nicht überzogen niedlich
spielt und die kleine Olive tatsächlich wie ein wirkliches
Mädchen ihres Alters anlegt. Oder Paul Dano, der sich rollenbedingt
viel mit Mimik behelfen muss, was auch gut gelingt. Und dann - vollkommen
überraschend - Steve Carell in der unglaubwürdigsten Rolle
des ganzen Films. Wie Carrell daraus das emotionale Zentrum des
Films macht, das ist beeindruckend und hätte man dem eher für
Klamauk bekannten Carell ("The
40-Year-Old-Virgin") kaum zugetraut. Aber indem er die
Rolle eher zurückhaltend mit einer stillen, traurigen Weisheit
und trotzdem beißendem Witz ausstattet, darf sich Carrell
als durchaus wandlungsfähiger Darsteller zeigen. Absoluter
Szenenstehler ist aber Alan Arkin, bei dem es so viel Spaß
macht, diesem alten Hasen in Sachen Timing und Präsenz zuzusehen,
dass seine Abwesenheit in den Szenen, in denen er fehlt, doch bemerkt
wird.
"Little Miss Sunshine" gelingt das im Indie-Bereich, was zwar selten aber trotzdem auch Mainstream-Blockbuster von Zeit zu Zeit schaffen: Eine fabulöse Umsetzung kann auch eine sattsam bekannte Situation bzw. ihre ebenso bekannten Figurblaupausen in wunderbares, erfolgreiches Genre-Kino verwandeln. Zum ganz großen Klassiker reicht es da dann nicht, aber zumindest zu einem voll und ganz gelungenen Kinoabend, aus dem einen die absurden, witzigen, traurigen Abenteuer der Hoovers seltsam gutgelaunt entlassen. Das wohl mit den düstersten Einlagen durchsetzte Feelgood-Movie des Jahres, und auch eins seiner filmischen Highlights.


Ich finde diese Familie nicht formelhaft "dysfunktional", sondern eher normal, kaputt finde ich Fertigbau-Haus, Leasing-Auto, zwei Kinder gehobene Bildungsbürger-Spiegelleseridioten-Mittelschicht und der ganze langweilige Wahnsinn wie er sich fast überall abspielt und als "funktionales" Ideal gilt.
Auch stutze ich immer wenn Rezzensionen vollstecken mit Begriffen wie Glaubwürdig oder Unglaubwürdig bezüglich Storylines oder Charaktere.
Der gang ins Kino allein ist das einzige Glaubensbekenntis.
Nämlich das Kino larger than life sein sollte.
Ferner ist dieser Film nur zu empfehlen und hat sehr wohl klassiker Qualitäten, sollte aber nur von Leuten genossen werden, die nicht in urdeutscher Projektion überall nach Haaren im Kuchen suchen.
Mäßig unterhaltender und größtenteils sogar richtig langweiliger Film aufgelockert durch einige gelungene Szenen mit Alan Arkin als dauernd nörgelndem Opi (echt ziemlich witzig) und einem rührendem Auftritt der kleinen Tochter bei der Little-Miss-Sunshine-Wahl am Schluss.
Ansonsten hat der Film beim besten Willen nicht viel zu bieten, er plätschert halt so dahin, bis man sich am Ende fragt, was das jetzt eigentlich alles sollte. 8/10 Augen??? Ich fass' es einfach nicht, denn ohne Alan Arkins Mitwirken hätte ich dem Streifen glatt 1 Auge weniger verpasst ...
finde ich auch überbewertet. ich weiß nicht wie oft ich da gegähnt habe, war aber einfach zu viel.
gelacht habe ich auch kaum, dafür laufen die "komischen" szenen immer zu sehr nach dem selben muster ab. geht halt immer alles schief und alles ist sehr traurig. nicht so originell. das ende ist natürlich schon witzig, kein zweifel, aber bis zum ende vergeht soviel zeit.
warum der "opa" da sogar einen oscar für bekommen hat? scheint echt einfach heutzutage zu sein.
++
... der Film plätscherte so dahin. War nicht dolle ...
ziehmlich langatimg, habe mehr erwartet..
Schade, dass man das Potential der Charaktere nicht noch mehr ausgeschlachtet hat. Gut, es sollte sicher kein Werk à la Very Bad Things werden, aber jeder Charakter hätte ein wenig mehr aus sich heraus kommen und noch skurriler sein können. Am meisten enttäuscht hat mich Frank, von dem ich zum Ende hin viel mehr erwartet habe. Ansonsten viel Herz und Witz, der Kracher ist aber sicher das Ende.
Garantiert die beste amerikanische Komödie seit langer Zeit!
Der Film hat das, was "Juno" fehlt: Tiefsinnigkeit.
Habe gerade die deutsche Version gesehen und muss sagen, dass ich überrascht war!
Ich habe seit langem nicht mehr so bei einem Film gelacht, und gleichzeitig so ausgefeilte Charaktere beobachten dürfen. Die Schauspieler fand ich durch die Bank genial, gerade Paul Dano, der trotz seiner doch eher zurückhaltenden Figur einen bleibenden Eindruck hinterlässt.
Wiedermal schlägt ein, wie es auf den ersten Blick vielleicht, ''KInderfilm'', etliche andere hochgelobte Erwachsenenfilme um Längen.
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