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Last Days

Last Days
drama , usa 2005
original
last days
regie
gus van sant
drehbuch
gus van sant
cast
michael pitt,
lukas haas,
asia argento,
scott green, u.a.
spielzeit
96 Minuten
kinostart
11. Januar 2007
homepage
bewertung

5 von 10 Augen

 

Wie kann man die letzten Stunden im Leben eines Menschen aufzeichnen, um den tausend Geschichten ranken und von dem man letztlich so gut wie nichts weiß? Es kann nur ein Gedankenspiel werden. Gus Van Sant hat mit "Last Days" ein solches Gedankenspiel in die filmisch-handwerkliche Tat umgesetzt und geht mit seinem inszenatorischen Experiment noch einen Schritt weiter als im Vorgänger "Elephant".

Blake (Michael Pitt) ist ein introvertierter Rockmusiker, der zwar mit viel Erfolg gesegnet ist, aber dabei immer mehr in eine Parallelwelt abtreibt. So in etwa könnte man den Charakter deuten, den wir hier in seinen letzten zwei Tagen beobachten dürfen. Wie schon in "Elephant" benutzt Gus Van Sant die elliptische Erzählform, um dem Zuschauer Personen und Handlung zu erklären. Erzähler ist in "Las Days" nur die Kamera selbst: Sie verfolgt in langen, ungeschnittenen Einstellungen die Personen beim Gehen, Essen, Schlafen und Sitzen. Das erfordert Geduld: Nicht jede, scheinbar aus Zufall ausgewählte Einstellung hat auch etwas Spannendes für's Auge parat. Im Vergleich zu den meist schnell geschnittenen Spielfilmen wirken die Szenen für uns wie unbearbeitetes Rohmaterial.
Zusätzlich helfen viele stilistische Mittel, einerseits das Chaos in den handelnden Personen und andererseits die Verfälschung der Wirklichkeit durch die Beobachterposition deutlich zu machen: Wenn Blake durch den Wald geht, hört man lautes Türenschlagen und Autolärm. Wenn er sich an mehreren Musikinstrumenten austobt, hört man verschiedene Instrumente, die nicht mit dem Bild übereinstimmen. Wie schon in "Elephant" hören Szenen auf und werden zu einem späteren Zeitpunkt im Film an derselben Stelle weitergeführt, oder das vorhergehende Geschehen wird erst an späterer Stelle gezeigt.

Der Film beginnt mit dem langen Marsch von Blake durch einen Wald: Er läuft mit hängendem Kopf durch das Laub, schwimmt durch einen Fluss, zündet nachts ein Feuer an und geht irgendwann heim. Sein Haus ist riesig und verlassen, es ist abseits von der Zivilisation und hatte wohl mal reiche Besitzer, jetzt ist es heruntergekommen. Mit Blake hausen dort noch vier Freunde, die Blake wie einen Messias behandeln. Sie versuchen sich um ihn zu kümmern, schaffen es aber noch nicht mal, für sich selbst zu sorgen. Die Tage werden von den Besuchen eines Vertreters der Gelben Seiten (Thadeus A. Thomas) und eines Privatdetektivs (Ricky Jay) unterbrochen, der Blakes Treiben beobachten soll. Gelegentlich läutet auch das Telefon: Die Managerin der Band (Kim Gordon) versucht Blake zu neuen Aufnahmen und einer Welttournee zu überreden. Doch Blake, der im gesamten Film kaum mehr als zwei Sätze redet, lässt sich gehen und verweigert sich den Annäherungen seiner Mitmenschen. Lediglich in der Musik findet er noch zu Ehrgeiz, Leidenschaft und Intensität zurück. Ein Freak?

Die Geschichte von "Last Days" sucht inhaltliche Nähe zu den letzten Tagen von Kurt Cobain, dem legendären Grunge-Rocker und Nirvana-Frontmann, der sich im April 1994 das Leben nahm. Die wilden Gerüchte und Mythen um seinen Tod will Gus Van Sant nicht aufklären, im Gegenteil: Durch die Kameraperspektive werden wir Zuschauer Zeuge der letzten Tage von Kurt Cobain, ohne auch nur irgendetwas erklärt zu bekommen. Wir sehen ihn an und fragen uns, was sein Verhalten zu bedeuten hat, warum er dies tut und jenes unterlässt. Dadurch zwingt uns der Film, eigene Geschichten und Erlebnisse dazu zu denken und uns ein eigenes, persönliches Mysterium um den Tod von Blake / Kurt Cobain zu machen.
Das ist die Chance, gleichzeitig aber auch die Problematik des Films. Alles, was man sieht, versucht man nun mit Kurt Cobain in Verbindung zu bringen und alles, was man über Kurt Cobain weiß, versucht man im Film zu finden. Deshalb wartet man, bis mal etwas passiert, aber es kommt nichts. Während die Entwicklungen in "Elephant" ein Ziel hatten, bleibt die Richtung der Ereignisse in "Last Days" im Dunklen, der Spannungsbogen bleibt flach. Eine Entwicklung oder eine Problematisierung verschiedener Konflikte im Leben von Blake bleibt ebenfalls aus. Niemand stellt die Frage, warum es so gekommen ist und warum nichts mehr passiert. So scheinen alle vorkommenden Personen im Haus nicht ganz klar im Kopf zu sein, und obwohl weder über Drogen gesprochen, noch welche gezeigt werden, schwebt das Thema permanent und unkommentiert im Raum. Doch der Film, das Medium der bewegten Bilder, kann nicht nur Stillstand aufzeichnen.

Bei der Besetzung seiner Figuren führte Gus Van Sant seine Strategie von "Elephant" fort: Die Darsteller sind eine Mischung aus Laien und Profis, die hauptsächlich sich selbst spielen. Um den Film so authentisch wie möglich zu machen, behielten die vier Freunde von Blake außerdem ihre privaten Namen: Lukas Haas ist privat Gitarrist, Asia Argento ist Schauspielerin und Regisseurin, Scott Green ist ein früherer Assistent des Regisseurs und Nicole Vicius ist Film- und Fernsehschauspielerin. Die Dreharbeiten bestanden im Großteil aus Improvisation, Gus Vant Sant drehte die Szenen chronologisch und montierte sie direkt auf dem Filmband.
So ist das eigentliche Thema des Films nicht die letzten Tage von Kurt Cobain, sondern eher das Medium Film und seine experimentellen Möglichkeiten an sich. In jeder Szene denkt man mehr über die Machart des Films, die Arbeit des Regisseurs und das Spiel der Personen nach als über die Story selbst. Das macht die Bewertung ambivalent: Als Film über Kurt Cobain ist "Last Days" nicht nur unzureichend, sondern auch ziemlich langweilig. Aber als kinematographisches Experiment ist er spannend und aufschlussreich, ein Ideengeber für kommende Produktionen und ein interessantes Fragment Film. Fünf Augen für die goldene Mitte: Jeder muss sich vorher darüber im Klaren sein, was er sehen will.

Sandra Hertel

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