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La Danse - Das Ballett der Pariser Oper

La Danse - Das Ballett der Pariser Oper
dokumentation , frankreich 2009
original
la danse - le ballett de l'opera de paris
regie
frederick wiseman
drehbuch
frederick wiseman
cast
ensemble und angestellte der pariser opera garnier, u.a.
spielzeit
158 Minuten
kinostart
30. Dezember 2010
homepage
http://www.koolfilm.de/ladanse/
bewertung

7 von 10 Augen

 

Frederick Wiseman, Altmeister des amerikanischen Dokumentarfilms, feiert in seinem 38. Film das Ballett-Ensemble der Pariser Opera Garnier und liefert seinen ästhetisch wohl schönsten Film ab - aber leider nicht seinen besten. Ballettfans werden diesen Film lieben, den anderen bietet sich ein langer Blick auf tanzende Menschen und das Palais Garnier (das Haus des "Phantoms der Oper"), der zwar meditativ und visuell berückend ist, aber dafür wenig dramatische Höhepunkte bietet.

Bekannt ist der mittlerweile 80-jährige Wiseman unter anderem als Vertreter des Anspruchs, dass man als Dokumentarfilmer wie eine Fliege an der Wand sein muss. Er gehört zur Richtung des "Direct Cinema", die in den 60ern entstand und postulierte, dass Dokumentarfilme nicht mehr durch Komposition des Bildes entstehen sollten (wie zum Beispiel im Genre-Klassiker "Nanuk, der Eskimo", in dem Robbenfangszenen gestellt wurden), sondern sich durch die Direktheit der Bilder auszeichnen. Kein künstliches Licht, keine Kommentare, keine Interviewfragen, ja, so wenig Eingreifen wie nur möglich war hier das Ziel. Von Europäern wird für diese Richtung häufig der Begriff "Cinema Verité" synonym verwendet, den Wiseman allerdings hasst, da er ihn zu französisch-aufgeblasen findet. Wie man seine Arbeitsweise auch nennt, bei beiden Richtungen werden zum Teil hunderte Stunden an Rohmaterial gedreht und anschließend wird das Werk im Schnitt aus ausgesuchten Ausschnitten dieses Wusts an Material zusammengesetzt.
Wiseman wurde seinerzeit schlagartig bekannt durch seinen zweiten Film "Titicut Follies" (1967), eine Dokumentation über die Zustände in einer Anstalt für geistesgestörte Kriminelle, der vom Staat Massachusetts verboten wurde. Seitdem setzt sich Wiseman bis heute immer und immer wieder filmisch mit Institutionen (High School, Polizei, Krankenhaus usw.) auseinander. Ihn langweilen Dokumentationen über Einzelpersonen und so zeigt er stattdessen Institutionen als ganze Organismen in einem Gesamtwerk, welches man nur als beeindruckend bezeichnen kann. Aufgrund seiner herausragenden Position unter den Dokumentarfilmern werden ihm auch in Bezug auf die Filmlänge keine Beschränkungen auferlegt, und so reicht die Spanne seiner Werke von 73 Minuten bis zu 6 Stunden, was dem Zuschauer einiges abverlangt.

Mit seinen 158 Minuten ist "La Danse" somit eher kurz für seinen Regisseur, der immerhin für den Schnitt 13 Monate brauchte. Wunderschön ist das Ergebnis anzusehen, jedoch nicht immer leicht zu verstehen. Es ist Wiseman nicht genug, sich auf Szenen aus ein oder zwei Stücken zu beschränken, alle sieben Balletts in der von ihm begleiteten Spielzeit werden in Ausschnitten gezeigt, das Spektrum reicht vom Klassiker "Der Nussknacker" bis zu Mats Eks modernem Werk "Das Haus der Bernarda Alba". So unterscheidet es diesen Film von anderen Wiseman-Werken, dass hier Vorwissen eigentlich nötig ist, um den Genuss auch als solchen verstehen zu können. Wiseman empfindet dies wohl nicht so, er zeigt gleich in den ersten Minuten, wie die Direktorin für Tanz, Brigitte Lefèvre, in einem Telefonat sagt, es sei egal, ob das Publikum die Aufführung versteht, es müsse sie nur fühlen.
Von einer Solotänzerin auch mal als "Gott" bezeichnet, ist Brigitte die heimliche Hauptperson des Films, die immer wieder gezeigt wird, während sie Empfänge für spendable Sponsoren plant (zum Beispiel und rückblickend nicht ohne Ironie: für die Lehman Brothers Bank), die Seele einer Solotänzerin streichelt ("Ich bin nicht mehr 25, Brigitte!") oder sich um eine junge Tänzerin kümmert ("Du hast abgenommen?! Das ist gut"). Ansonsten sieht man Ausschnitte aus den Proben der sieben Stücke der Spielzeit, durchsetzt mit Aufnahmen des Palais Garnier von oben bis unten, vom Dach und seiner Aussicht, inklusive dem Imker und dem hauseigenen Bienenstock dort oben bis zur Gewandmeisterin und zum Grundwassersammelbecken im Keller. Der berühmte Innenraum mit seiner samtbezogenen Bestuhlung und von Chagall gestalteten Decke wird aus Sicht des Reinigungsfachmannes gezeigt, der mit einem Ghostbusters-würdigen Staubsauger auf dem Rücken unterwegs ist. Doch die meiste Zeit sieht man Ballettproben, die schließlich in der Aufführung der Stücke kulminieren.

Beeindruckend und von großer visueller Kraft ist dies allemal, besonders, da gleich zu Anfang gesagt wird, dass nicht einmal die großen Sponsoren bei den Proben dabei sein dürfen. Das Filmpublikum kann hier also für seine Kinokarte etwas erleben, was selbst den 25.000-Dollar-Spendern versagt bleibt. Es wird auch bei den Aufführungen kein Publikum gezeigt, so dass sich der Blick immer exklusiv anfühlt. Dabei sind die Kamerawinkel weit und man sieht die Tänzer in voller Größe, was sich überaus wohltuend von anderen Produktionen abhebt, wo die Bewegung über die Kamera erzeugt wird, so dass der Zuschauer nur einen sehr eingeschränkten Blick auf das Geschehen hat, während er einem Fuß oder Bein nachschauen muss, anstatt die ganze Ballerina sehen zu dürfen.
Doch ist Wiseman vorzuwerfen, dass er sich nicht an sein eigenes Dogma hält: Er sagt, er schaffe durch Schnitt und Auswahl des Materials Dramatik. Wiseman kann natürlich nur zeigen, was er hat filmen lassen und doch erscheint das Ergebnis merkwürdig undramatisch, um nicht zu sagen betulich. Weder Zickenterror noch weinende Diven, weder offene Anfeindungen noch Stürze scheint es in dieser Welt zu geben. Freude und Eintracht herrschen überall. Dadurch wiegt der kleine Nachteil, dass im Wiseman-Stil natürlich weder Namen noch Stücke eingeblendet werden und der Nicht-Ballett-vorgebildete Zuschauer sich somit auch kaum orientieren kann, noch schwerer, denn die Aufmerksamkeit schwindet zuweilen.
Der Haken scheint tatsächlich zu sein, dass Wiseman ein großer Fan dieses Opernhauses ist, der oft als Besucher erscheint und dem alles vertraut ist. Sein Blick ist verklärt, was diesen Film zwar ästhetisch wundervoll macht, aber leider auch etwas langweilig. Sogar er selbst meint, er hätte Schwierigkeiten gehabt, in sieben Balletten eine Struktur zu finden, und leider sieht man das dem Endergebnis an. Manchmal wird man jedoch mit wunderbaren Kleinoden im Dialog belohnt, wie zum Beispiel als der Choreograph versucht, den Solotänzern zu erklären, wie sie ihre Rollen in "Medea" verstehen sollen: "Wie die X-Men, die Charaktere wollen Liebe, aber sie haben gefährliche Kräfte."

Verklärung dieser Art ist normalerweise nicht Wisemans Sache, und so waren und sind seine Filme immer da am besten, wo sie auch die Spannungen innerhalb einer Institution wie einer Schule oder einem Krankenhaus beleuchten. Glücklicherweise widmet sich Wiseman in seinem nächsten Film einer Boxhalle ("Boxing Gym"), das klingt schon eher nach dramatischen Höhepunkten, die man bei dieser Ballett-Revue auf die Dauer doch ein wenig vermisst. Wer als Ballettfan nach diesem Film trotzdem noch nicht genug hat: 1995 drehte Wiseman einen Film über das American Ballet Theater ("Ballet"). Dieser ist sogar 170 Minuten lang.

Margarete Prowe

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