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Lügen macht erfinderisch

Lügen macht erfinderisch
komödie , usa 2009
original
the invention of lying
regie
ricky gervais, matthew robinson
drehbuch
ricky gervais, matthew robinson
cast
ricky gervais,
jennifer garner,
jonah hill,
rob lowe, u.a.
spielzeit
99 Minuten
kinostart
8. Juli 2010
homepage
http://www.luegen-macht-erfinderisch.de
bewertung

6 von 10 Augen

 

 Ricky Gervais kann fraglos zu den genialsten und besten Komikern der Welt gezählt werden, schon allein wegen der Erfindung der international vielfach kopierten Comedy-Serie "The Office" (aus der auf Deutsch "Stromberg" wurde) und seinem Nachfolgeprojekt "Extras", eine nicht weniger grandios komische Serie aus der Welt der Film-Komparsen, in der Einfältigkeit und Fremdschäm-Faktor in einer Brillanz zelebriert wurden, die sonst nur noch der Amerikaner Larry David erreicht. Doch mit dem Anschieben einer Filmkarriere für Gervais mag es nicht so recht klappen - vermutlich aus dem einfachen Grunde, dass er einfach kein Gesicht hat, dessen Anblick auf einem Filmplakat reicht, um Zuschauer ins Kino zu locken. Seiner ersten Hauptrolle in der durchaus gelungenen Komödie "Ghost Town" (dämlicher deutscher Verleihtitel: "Wen die Geister lieben") war kein Glück beschieden, der Film floppte. Und auch sein erster Kinofilm nach eigenem Drehbuch (und unter eigener Regie) lief in den USA nicht besser. In diesem Fall darf man den Grund dafür aber durchaus beim Film selbst suchen. Denn auch wenn man Gervais sehr gern mag, kommt man leider kaum umhin zuzugeben, dass "The Invention of Lying" vor allem an sich selbst scheitert.

Dabei scheint die Grundidee erst einmal massives Komik-Potential zu bieten: Eine Welt, in der es keine Lügen gibt. Und zwar nicht nur keine bewusst betrügerischen Aussagen, sondern schlichtweg nichts, was nicht der Wahrheit entspricht - also auch keine höflichen, aber unehrlichen Komplimente, keine hohlen Floskeln und auch keine Fiktion, nur absolute Ehrlichkeit. Was das bedeutet, illustrieren die ersten paar Minuten des Films. Da gibt es zum Beispiel eine Werbetafel für Pepsi mit dem schlichten Slogan "For when they don't have Coke". Wer keinen Bock hat, arbeiten zu gehen, feiert nicht krank, sondern entschuldigt sich einfach mit dem Geständnis, dass er seinen Job hasst. Und als der Held des Films Mark Bellison (Ricky Gervais) zu einem Blind Date mit Anna (Jennifer Garner) erscheint, öffnet sie ihm die Tür mit dem Satz: "Sie sind zu früh, ich war gerade beim masturbieren." Seine Antwort: "Jetzt muss ich an Ihre Vagina denken".
Mark arbeitet als Drehbuchautor, in einer Welt ohne Fiktion (denn alles, was ausgedacht ist, ist schließlich gelogen) bestehen alle Kinofilme aber nur darin, dass man einen seriösen älteren Herrn in einem Sessel sitzen sieht, wie er die Geschichte historisch verbürgter Ereignisse vorliest (der kommende Kassenschlager heißt "Die Erfindung der Gabel"). Mark ist für das 13. Jahrhundert zuständig, steht aber kurz vor seiner Entlassung, da es im 13. Jahrhundert nichts Erzählenswertes außer der schwarzen Beulenpest gibt - und die ist einfach so deprimierend, dass das niemand hören will. Mit kaum noch Geld auf dem Konto und einer drohenden Wohnungskündigung im Rücken steht Mark dann am Bankschalter und will sein Konto auflösen. Da der Computer gerade ausgefallen ist, fragt ihn die Dame am Schalter, wie viel Geld denn auf seinem Konto ist. Einen Geistesblitz später hat Mark die erste Lüge der Menschheitsgeschichte ausgesprochen.
Womit dann die nächste Runde absurder Episoden eingeläutet ist, denn da es in dieser Welt keine Lüge gibt, glaubt jeder sofort alles, was Mark behauptet, egal wie absurd es ist, und der macht massig Gebrauch von seiner neuen Entdeckung. So kann er seinen sturzbetrunken Auto fahrenden besten Freund aus einer Polizeikontrolle retten, indem er einfach nur sagt: "Er ist nicht betrunken" - da kann das Testgerät anzeigen, was es will. Im Kasino reicht die Behauptung "Ich habe an diesem Automaten eben einen Jackpot gewonnen, aber es kam kein Geld raus", um sein Barvermögen radikal zu vergrößern. Und auch der Satz "Die Welt wird untergehen, wenn Sie nicht sofort Sex mit mir haben!" erzielt die erwünschte Wirkung.

Das ist in der Grundlage alles sehr einfallsreich und eine Zeit lang auch durchaus komisch - es läuft sich aber auch ziemlich schnell tot, weil letztlich alle Gags auf derselben Note funktionieren. Zudem das Szenario seine auf die komische Wirkung angelegte Konstruiertheit keine Sekunde kaschieren kann, denn "The Invention of Lying" wäre nur halb so komisch, wenn es in dieser Welt so etwas wie höfliche Zurückhaltung geben würde. Aber jeder sagt in jeder Situation immer die brutale Wahrheit, auch wenn es dafür überhaupt keinen Grund gibt. So wird man im Restaurant vom Kellner mit dem Satz begrüßt: "Ich schäme mich dafür, hier zu arbeiten". Und solche Bemerkungen treten hier in einer solchen Masse auf, dass man sich schon nach wenigen Minuten daran gewöhnt hat und ergo auch nicht mehr darüber lachen kann.
Richtiggehend schwierig für den Ton des Films wird es dann, als er ein sehr sensibles Terrain betritt. Denn als Mark sich dazu hinreißen lässt, ein himmlisches Paradies zu beschreiben, in das man nach dem Tod einkehrt, erfüllt er die ganze Welt mit ungläubiger Hoffnung - waren doch bisher alle der Auffassung, dass es nach dem Tod nichts gibt außer dem ewigen Nichts. Zum einen entsteht hieraus zwar eine an sich hochbrillante, satirische Szene, in der Mark mit einer Art improvisierten zehn Geboten das Prinzip von allmächtigem Gott und Himmelreich zu erklären versucht. Zum anderen sagt der Film in diesem Moment aber vor allem eins: Jedwede Religion ist eine Lüge. Und das ist eine Aussage, bei der laut aktuellen statistischen Erhebungen mehr als 80 Prozent der Zuschauer mit dem Lachen aufhören.

So entweicht langsam, aber stetig die wirkungsvolle Komik aus diesem Film, und als Zuschauer ist man ziemlich schnell bei der Erkenntnis angekommen, dass diese Welt ohne Lüge wirklich fürchterlich ist. Da möchte man dann auch nicht unbedingt länger drin verweilen, aber der Film geht noch eine ganze Weile weiter. Ohne indes so richtig zu wissen, wo er hin soll mit seinem Konzept, und so plätschert die ganze Sache etwas hilflos als romantische Komödie aus, rund um die Frage, ob Mark und Anna zusammen glücklich werden können, obwohl sie ihn mit seiner dicklichen Figur und der klumpigen Nase nicht als angemessenen Genpool für ihre kommenden Kinder ansieht.
Man muss "The Invention of Lying" zugute halten, dass er für eine gute halbe Stunde sehr faszinierend ist, da man eben Dialoge zu hören bekommt, die es so in noch keinem Film gegeben hat, in genüsslich-trockener Ernsthaftigkeit dargeboten von hervorragenden Schauspielern (die Ehrerbietung für Gervais und der Spaß, so etwas zu spielen, hat einige berühmte Leute in kleine Gastrollen gelockt, u.a. Edward Norton, Philip Seymour Hoffman und Tina Fey; und Jennifer Garner spielt hier schlichtweg großartig). Doch je länger man zusieht, desto unwohler fühlt man sich in dieser Welt mit ihrer deprimierenden, gnadenlosen Ehrlichkeit. Und da ist man dann wirklich froh, wenn man endlich wieder raus kann in die Realität, und einem die Bedienung das Bier nach dem Kino mit einem Lächeln serviert. Das mag zwar völlig geheuchelt sein, aber es ist wenigstens ein Lächeln. Denn auf so etwas hat man in "The Invention of Lying" vergeblich gewartet.

Frank-Michael Helmke

8

hach, wie bin ich froh zu den 20% zu gehören :)

sehr nette unterhaltung, regt auch zum nachdenken an.

6

Auch ich finde, das der Film nicht 100% überzeugt, allerdings liegt dies für mich einfach daran, dass er stellenweise leider nicht komisch ist, Längen hat und man vom Macher eigentlich bösereres gewohnt ist.
Grund für diesen Kommentar ist allerdings die oben erwähnte Kritik zum Thema Religionen, denn selbst mir als bekennendem Christen tat es nicht weh, sondern war einfach nur ein lustiger Gag.
Also bitte die eigenen Befindlichkeiten nicht in eine öffentliche Kritik einbringen, ausser man deglariert es entsprechend....

...wenn einen die Bedienung anlächelt, ist das natürlich auf jeden Fall verlogen und heuchlerisch. Der einzig mögliche Grund zum Krankfeiern ist der Hass auf den Job. Und in Wahrheit hat man auch keine Kinder miteinander, weil man sich liebt, sondern weil das unter eugenischen Gesichtspunkten sinnvoll erscheint.

Dass unsere verstandesgeile Welt alles, was mit positiven Gefühlen zu tun hat, als minderwertig abtut, zeigt sich in vielen Facetten. Nehmen wir mal die deutsche Sprache: überlegen, Überlegenheit, denken, Gedenken, Denkmal, unbedenklich, gedankenlos usw usf. Wir haben das Wort "durchdacht", aber kein Wort wie "durchfühlt". "Rationalisieren", von lateinisch ratio = Verstand, bezeichnet harte, notwendige Maßnahmen, welche die Zukunft sichern. "Emotionalisieren" bezeichnet schädliches, den Blick für das Wesentliche verstellendes Herumpiensen. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen.

Wenn ich ganz nüchtern drüber nachdenke, gibt es eigentlich keinen Grund dafür, dass ich mich immer wie ein Schneekönig freue, wenn die Sonne scheint. Trotzdem mach ich es. Und fühle mich richtig gut dabei.

Das ist wahr, obwohl es keinen rationalen Grund dafür gibt. Keine logische Notwendigkeit, glücklich zu sein. Gute Laune verschwindet, sobald man richtig nachdenkt. Weil Gefühle eine völlig eigenständiger Weg sind, diese Welt zu erleben, und gleichberechtigt neben den Gedanken stehen.

DARÜBER sollte man mal einen Film machen. Nicht über so nen Schmonzes.

9

Ich fand ebenfalls die Kurve zur Religion grossartig - der Film handelt Tiefgründiges auf recht subtile und unglaublich komische Weise ab. Gervais ist ein begnadeter Darsteller! Allerdings kenne ich die deutsche Synchronfassung nicht - geht man von der Eindeutschung des Titels aus, schwant mir nix Gutes. Einziger "Kritikpunkt" : die etwas zu versöhnlich endende Liebesgeschichte - war mir einfach zu amerikanisch. Trotzdem, für mich die beste Komödie seit langen - und wenn man sieht, welcher Mist hier ansonsten mit 6 Augen bedacht wird, find ich Helmkes Kritik nicht angemessen - ich hab mich kaputtgelacht!

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