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Junebug - Junikäfer

Junebug - Junikäfer
drama , usa 2005
original
junebug
regie
phil morrison
drehbuch
angus maclachlan
cast
embeth davidtz,
alessandro nivola,
amy adams,
ben mckenzie,
celia weston, u.a.
spielzeit
106 Minuten
kinostart
1. März 2007
homepage
bewertung

6 von 10 Augen

"Junikäfer" erreicht uns mit dem Etikett eines Independent-Geheimtipps und weist mit seiner Heimkehr-Geschichte zu einer dysfunktionalen Familie in der Tat thematische Verwandtschaft mit den beiden herausragenden US-Indies der letzten zwei Jahre auf, "Garden State" und "Little Miss Sunshine". Seine unkonventionelle Erzählweise zeichnet ihn ebenfalls bis zu einem gewissen Grad aus, doch leider überspannt der Film den Bogen und ist so am Ende eine eher frustrierende Erfahrung.

Das liegt vor allem an der Distanz, die der Film von Beginn an zwischen dem Publikum und den Figuren aufbaut, deren Geschichte man sich über die spärlich eingestreuten Informationen mühsam zusammenklauben muss: Die Kunsthändlerin Madeleine (Embeth Davidtz) verliebt sich auf einer ihrer Ausstellungen auf den ersten Blick in den attraktiven George Johnsten (Alessandro Nivola) und heiratet ihn schon nach einer Woche. Ein halbes Jahr später reist Madeleine von Chicago an die Ostküste nach North Carolina, um den unbekannten Maler David Wark davon zu überzeugen, seine Bilder von ihr anstatt eines New Yorker Konkurrenten vermarkten zu lassen. Und da Georges Elternhaus nun mal ganz in der Nähe liegt, besuchen die beiden die Familie des frisch gebackenen Ehemanns - zum ersten Mal überhaupt.

Was folgt, ist für den Zuschauer fast, als wäre er ein weiterer, stiller Hausgast über die nächsten Tage. Man verfolgt die ersten, unsicheren Begegnungen der nervösen Madeleine mit Georges Eltern Peg (Celia Weston) und Eugene (Scott Wilson) sowie seinem jüngeren Bruder Johnny (Ben McKenzie) und dessen hochschwangerer Frau Ashley (Amy Adams). Die große Luftmatratze wird aufgeblasen, damit die Gäste im Kinderzimmer schlafen können, und die Wände sind überall so dünn, dass man jedes Gespräch im Nebenzimmer mithören kann. Man unterhält sich über dies und das, die Familie trägt ihre üblichen und nicht zu verbergenden Konflikte aus, man versucht freundlich miteinander zu sein, aber schafft das nicht immer, das Verhältnis bleibt letztlich distanziert und am Ende ist man froh, als man wieder fahren kann.
Als dramatische Komponente kommt hier innerfamiliär einzig Ashleys Schwangerschaft hinzu, die im Laufe des Films entbinden wird. Ansonsten lernt man die Johnstens ungefähr genauso gut kennen wie die eigenen potentiellen Schwiegereltern am ersten gemeinsamen Wochenende. Das ist für einen zufrieden stellenden Film einfach zu wenig, und für eine tragfähige dramatische Struktur auch. Der Subplot um den merkwürdigen Maler Wark ist da auch keine hilfreiche Stütze, denn obwohl er die Struktur des Films diktiert, wirkt er insgesamt nur befremdlich. Das liegt sowohl an dem sehr eigenwilligen Künstler, der mit seinem permanent abschweifenden, verquasten Südstaaten-und-Kunst-Gefasel nicht mehr bloß exzentrisch sondern schon bekloppt wirkt, als auch an seinen Bildern, deren Bürgerkriegs-Szenarien von Südstaaten-Soldaten mit gewaltigen Schwänzen und Sklaven mit weißen Gesichtern dominiert werden. Warum überhaupt irgendein Kunstliebhaber daran interessiert sein sollte, das zu verstehen bleibt wohl nur einigen Spezialisten vorbehalten. Der Rest der Zuschauer wundert sich einfach nur, warum dieser Quark bitte schön eine Reise (und damit die ganze Geschichte) wert sein soll.

Den Maler-Plot kann man also getrost vergessen, abgesehen davon ist die Absicht der Filmemacher offensichtlich: Es geht genau darum, den Zuschauern nur diesen distanzierten Blick und die spärlichen Informationen über die Johnstens zu gewähren, und das Publikum so dazu zu bewegen, sich die Hintergründe selbst zu erarbeiten. Warum das nicht funktioniert, hat einen offensichtlichen Grund: Genauso wenig, wie man eine echte Familie in ein paar Tagen wirklich kennen lernen kann, werden auch die Johnstens nicht richtig greif- und verstehbar, bleibt zuviel in ihrem Verhalten Interpretationssache, die sich so oder so auslegen ließe.
Was "Junikäfer" in seinem erzählerischen und dramaturgischen Minimalismus vermissen lässt, ist zumindest eine gewisse Führung des Zuschauers, welche Familiengeschichte sich hier verbirgt, indem die brodelnden Konflikte konkret zum Überkochen gebracht werden. Das passiert hier allerdings nicht, und so bleibt eine Ansammlung durchaus interessanter Charaktere, die sich jedoch nicht zu einer interessanten Geschichte zusammenfügen.
Die Andeutungen sind da: Offensichtlich war George ein Vorzeigekind, intelligent und beliebt, und wurde von seinen Eltern entsprechend verhätschelt. Sein jüngerer Bruder Johnny hat sich angesichts dieses unerreichbaren Vorbilds eine aggressive Abwehrhaltung angewöhnt, indem er sich offenbar jeglicher Form von Antrieb verweigert und nicht einmal versucht, etwas aus sich zu machen. Die einzige Szene, in der man ihn glücklich sieht, ist bei der Arbeit mit seinen Kollegen in einem stumpfsinnigen Einpacker-Job. Von seiner Frau scheint er nur genervt zu sein, und die verzweifelten, naiven Zukunftsträume der viel zu jung schwanger gewordenen Ashley werden offensichtlich in der kindlichen Ehrerbietung, mit der sie der erfolgreichen Großstadt-Frau Madeleine begegnet, die alles verkörpert, was Ashley vermutlich nie erreichen wird.
Ashley ist die tragischste, lebendigste Figur in "Junikäfer" (dem sie auch den Titel gibt: "Junikäfer" ist der Name, den Ashley ihrem Kind geben will, wenn es ein Mädchen wird. Ein Junge soll Johnny heißen, wie sein Vater. Und natürlich wollen alle eigentlich nur einen Sohn). Das allein macht sie aber noch nicht zum eigentlichen Höhepunkt des ganzen Films, dies obliegt der Leistung von Amy Adams. Ihre Vorstellung als dauerquasselnde, immer fröhliche ehemalige Schulschönheit ist wirklich beeindruckend und wurde letztes Jahr zurecht mit einer Oscar-Nominierung als beste Nebendarstellerin belohnt. Adams dominiert mit einer bemerkenswerten Authentizität jede ihrer Szenen, und weil das nicht wenig sind, damit auch den ganzen Film. Selbst die erfahrene Celia Weston sticht sie locker aus, und Embeth Davidtz wird konsequent an die Wand gespielt.
Von Alessandro Nivola als George hat sie nicht viel Konkurrenz zu erwarten, denn der glänzt zumeist durch Abwesenheit. Die Tage über scheint George sonst wo zu sein, aber sicher nicht zuhause, und wenn er abends heim kommt, tut er auch nicht mehr viel außer Sex mit Madeleine zu haben - was das einzige scheint, das die beiden wirklich verbindet, denn für Madeleine ist ihr Mann genauso ein Fremder wie für die Zuschauer. Entsprechend staunt das Publikum auch genauso wie sie, als George bei einem Gemeindefest auf eine Bitte hin zum Mikrofon greift und mit feiner Singstimme eine Hymne vorträgt.
Nochmal darauf eingegangen wird indes nicht, und das der Film in dieser Konsequenz ausgerechnet bei George eine nähere Charakterzeichnung verweigert, verursacht den größten Frust, ist er doch offensichtlich die Schlüsselfigur zu den Verhältnissen in seiner Familie. Sein Unwillen, sich überhaupt mit seinen Verwandten auseinander zu setzen (bezeichnenderweise geschieht der Besuch nur, weil Madeleine ohnehin in die Ecke des Landes muss), sagt zwar auch schon etwas aus, wirkt sich in seiner Penetranz aber sehr schlecht auf den Film aus. Anstatt entscheidende Hinweise und Details zu liefern, bleibt Georges Verhalten widersprüchlich, die gesamte Figur schwammig und das offensichtlich in voller Absicht der Filmemacher. Wer erklären kann, was das soll, der weiß vielleicht auch, was an David Warks Bildern Kunst ist.

So bleibt Amy Adams' famose Vorstellung als Ashley das einzig wirklich sehenswerte an "Junikäfer", der ansonsten zwar mit einer sehr individuellen und markant spröden Inszenierung aufwartet (den Namen des Regisseurs Phil Morrison sollte man sich eventuell merken), doch mit seiner konsequenten Verweigerung von Figurenentwicklung und Hintergründen letztlich vor allem die Frage aufwirft, worum es hier eigentlich gehen sollte - denn an einer echten Geschichte fehlt es einfach.

Frank-Michael Helmke

10

@Rocket
100 % Zustimmung :). Ein excellenter Film, fantastisch gespielt. 6 von 10? Da hat jemand ein falsches Hobby :/.

6

Volle Zustimmung. Ambitioniert, aber letzten Endes fürchterlich langweilig.

9

Kann mich rocket und sfkljs... nur anschließen: ein großartiger Film, gerade aus vielen der Gründe, die Herr F.-M.Helmke als Kritik anführt - aber das kommt eben davon, wenn man sich von Syd Field und Co. ins Hirn scheißen läßt und nicht mehr richtig gucken kann, wenn ihm nicht alles dreimal vorgekaut wird bzw. in mundgerechte pseudodramatische Plots verpackt vorgesetzt wird, sorry F.M.H., aber eine derart unqualifizierte Kritik sollte besser in Deiner Schublade vor sich hin stinken als möglicherweise Kinogänger davon abzuhalten, diesen Film zu sehen. Nur ein kleiner Hinweis: dieser Film hat keine "tragfähige dramatische Struktur", weil es (erählerisch) kein Drama ist und auch keins sein will. Und Georges Verhalten ist tatsächlich widersprüchlich, aber das ist im Leben eben auch oft so - wer das im Kino nicht sehen will, sollte eben Fernsehen gucken.
JoK
Dipl.Film-&Fernseh Dramaturg
10407 Berlin

@JoKreutz

Hey Jo, das ist ja wohl definitiv der falsche Ton hier! ("wenn man sich von Syd Field und Co. ins Hirn scheißen läßt und nicht mehr richtig gucken kann")
Kritiken sind immer ein Stück weit subjektiv - sonst müssten alle Kritiker ja immer zu absolut gleichen Einschätzung kommen. Und bei der Bandbreite an Kinofilmen - die es glücklicherweise gibt - muss einem Kritiker auch nicht alles gleich 'nah' sein.
Ich denke, Du hast ebenfalls nicht die Filmweisheit aller Zeiten gepachtet. Also, schreib lieber ne ordentliche Kritik, als den Kritiker unter der Gürtelinie anzumachen.

2

Langweiliges Kopfkino.

5

Meine Güte, ich fand den Film ja eigentlich ziemlich lahm, aber wenn ein...

"Dipl.Film-&Fernseh Dramaturg" (!)

schreibt, dass das ein ganz toller Streifen ist, dann muss das ja wohl stimmen. :-o

Kniet nieder vor dem Herren aus Berlin...

2

Die ersten 15 Minuten machen Lust auf mehr (1 Punkt), gute Leistung von Amy (noch'n Punkt) aber dann wird's so richtig langweilig. Irgendwie fühle ich mich, als seien mir 90 Minuten meines Lebens geklaut worden. Schade, hatte mir echt mehr erhofft...

10

fand den film super allein schon wegen ben mckenzie(9 punkte)

8

tja, das kreuz mit den independent tragik/komödien. gefallen tut das sicherlich nicht jedem und beim lesen der kritik habe ich mich tatsächlich noch über die recht hohe augenwertung gewundert, da der inhalt ja schon sehr negativ ist. ich kann so ziemlich keinem der punkte zustimmen und wundere mich über die beschwerde der unzureichenden charakterzeichnung, wo doch immer so stark gegen das vorkauen und klischeehafte zeichnen in filmen angegangen wird. für mich war es nicht unmöglich mich in die charaktere hineinzuversetzen und ihre "nicht" vorhandenen motivationen zu verstehen. für mich war es wieder mal eine weitere kleine indieperle die sich sehr gelohnt hat und die müssen ja auch nicht dem breitem publikum verständlich sein, sonst wären sie ja kein indie mehr, oder?

6

Guter Stoff..., aber (bedauerlicherweise) wenig daraus gemacht! Bei allg. (niedriger) Qualität halte ich den Film dennoch für "überdurchschnittlich", aber nicht (notwendigerweise) als Sehenswert.

Insgesamt fehlt es dem Film an einigen Merkmalen... die einen Film - nach meiner Meinung - "gut" machen könnten...so z.b. ein (glaubwürdiger) "Konflikt" ... (einigermaßen) präzis-definierte Charaktere .... ein Spannungs- und Entwicklungsbogen der Charaktere (und der Handlung) und manchmal (wenns) passt die eine oder andere Wendung ... am Ende muss mich das "Martyrium" einer "Lebenswelt" (oder zumindest einer Person im Film) irgendwie ansprechen... und ...das tut der Film nicht .... die Figur Ashley ist nur bedingt eine Ausnahme... insg. bleiben alle Charaktere zu vage... die Handlung zu starr ... und die "nebenschauplätze" sind zu zahlreich und zu zusammenhangslos... die Folge: Charaktere und Handlung bleiben nebulös ..und bis zum Schluss bleibt mir und den Charakteren vieles irgendwie seltsam egal ... interessant ist die "Kühle" Ausdruckslosigkeit die die Charaktere offensichtlich bedrückt ...aber "sprachlos" ist. Dem gegenüber ist die Szenerie schon irgendwie "aberwitzig" in ihren "höflichen" Umgangsformen und ihren knappen Kommentaren ... das prägt die Szenerie ... alles ist "Ordentlich" und "akkurat" im Haus wie im Dorf allgemein ... die Rethorik ist in seiner Anmutigen weise ..eine angenehme "Würze" des Films, ohne die ich vermutlich „mental abgeschaltet hätte... Das Ende des Film ist nicht originell sondern lediglich eine seltene Stelle indem einer mal sagt "was sache ist" ...man mag den beiden Wünschen, dass sie sich gegenseitig schließlich doch noch die Chance geben sich besser kennenzulernen. Den Plot mit Familie, gemeinsam einsam (und irgendwie gefangen) finde ich trotzdem gut.. wenn es um "Anerkennung (in Familie), Identität, Zusammenleben zusammen auskommen" geht gibt es aber andere Filme die mir besser gefallen: "Land of plenty", "The Wrestler", "Auf der anderen Seite", "Garden State", "Sideways". Fazit: Ich find' den Film insg. ausreichend "ungewöhnlich" und "unterhaltsam" um ihn letztlich Loben zu können. Trotzdem werd' ich schon bald nicht mehr sagen können, was und wieso eigenlich ..und in 1-2 Monaten ist der Film eine blasse Erinnerung. Der Film ist nicht "absolut Top", aber er hätte es durchaus sein können. Schade.. vielleicht das nächste mal ... ein Film an der mich nachhaltiger beeindruckte war zuletzt: "Amok - He is a quit man" (ein Film mit wenig Budget aber dafür gut gemacht)

reicht mir allerdings

waren mir mit ein bisschen Symphatie für Ashely

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