Hier
ist ein Comeback, mit dem keiner mehr gerechnet
hat. Francis Ford Coppola, der die 70er Jahre mit einer
Reihe von
legendären Meisterwerken definierte (von "Der Pate"
bis "Apocalypse Now"),
sitzt wieder im Regiestuhl. Vor über zehn Jahren machte er
mit dem deprimierend mittelmäßigen "Der Regenmacher"
seinen letzten Film und verschwand dann im Vorruhestand,
wo es sich
auch mit den Verkäufen aus seinem Weingut annehmbar leben
ließ.
Nachdem der "Regenmacher" - also ein Anwalt, der seiner
Firma Geldregen einbringt - auch Coppola endgültig
finanziell
saniert hatte (der Regisseur hatte seine eigene
Produktionsfirma
1982 mit dem Megaflop "One from the Heart" ruiniert und
dann 15 Jahre als Auftragsregisseur verbringen müssen, um
seine
Finanzen wieder in den Griff zu kriegen), verbrachte der
den
Großteil der letzten Dekade damit, das persönliche
Großprojekt
"Megalopolis" auf die (wackligen) Beine zu stellen. Aber
sein Film über ein utopisches New York musste erst nach
den
Anschlägen des 11. September 2001 überarbeitet werden
und letztendlich wollte dann keiner das ehrgeizige Projekt
finanzieren.
Doch während der endlosen Vorbereitung seines
gescheiterten
Projekts fand er eine Novelle des rumänischen Autoren
Mircea
Eliade, und beschloss dann die Adaption dieses Stoffes als
günstiger
Low Budget-Film mit Miniteam in Europa, um größtmögliche
künstlerische Freiheit bei kleinstnötigstem Budget zu
gewährleisten. Offenbar fühlte er sich auch inspiriert
von "Der Untergang",
da er gleich drei der Darsteller übernahm.
Mit ihnen erzählt Coppola uns die Ende der 1930er Jahre
beginnende
Geschichte des 89-jährigen rumänischen
Linguistikprofessors
Dominic Mattei (Tim Roth), der auf der Straße vom Blitz
getroffen
wird. Als er im Krankenhaus zu sich kommt, ist er zwar
vorerst stumm
und erinnerungslos, aber sein Körper ist der eines Mannes
Mitte
Dreißig. Dank des freundlichen Professors Staniulescu
(Bruno
Ganz) kommt
Mattei
nicht nur recht schnell wieder auf die Beine, sondern kann
auch
den Nazis entkommen, die von ihm gerne das Geheimnis der
Verjüngung
erfahren würden. Im italienischen Exil trifft er dann eine
junge Frau (Alexandra Maria Lara), die einer Liebe aus
seiner Jugend
bis aufs Haar gleicht. Diese Frau, Veronika, ist ähnlich
wie
er vom Schicksal auserwählt, besonders zu sein. Wie er
wird
sie vom Blitz getroffen und bekommt fortan Anfälle, nach
denen
sie sich für eine indische Hirtin aus dem 7. Jahrhundert
hält.
Und bei jedem ihrer Anfälle scheint sie geistig weiter
zurück
in die Vergangenheit zu reisen, zurück zum Anbeginn der
menschlichen
Sprache. Ein Geschenk für den Linguisten Mattei, der
ausgerechnet
zu diesem Thema sein Opus Magnum vorlegen will. Doch
Mattei, fasziniert
von seinem Studienobjekt und gleichzeitiger Liebhaberin,
muss bald
erkennen, dass die Zeit ein tückischer Spieler ist….
Gleiches muss auch Coppola selbst erkennen. Gewonnene und
verlorene
Zeit, das ist nicht nur eins der vielen Themen des Films,
es ist
auch der Modus Operandi seines Schöpfers. Denn der Mann,
der
sich verjüngt und zurück in die Zeit geht, ist natürlich
Coppola selbst. Hier ist ein fast 70-Jähriger, der die
Zeit
40 Jahre zurückdrehen will, um als Regisseur noch mal ganz
von vorne anzufangen. Der vielleicht das Angebot, einen
Weltbestseller
über eine Mafiafamilie zu verfilmen ausschlägt, und
stattdessen
die Art Filme machen will, die er als Jugendlicher so
geliebt hat
und die ihn inspiriert haben, überhaupt Regisseur werden
zu
wollen. Europäische Filme. Kunstfilme. Europäische
Kunstfilme.
Und
einen europäischen Kunstfilm, das hat Coppola hier
gedreht.
Ein Film, in dem weder Amerika noch amerikanische Figuren
eine besondere
Rolle spielen, der dafür aber ein halbes Dutzend
europäische
Länder abklappert und seine Hauptrollen mit europäischen
Stars besetzt. Und Kunstfilm, weil Coppola sich hier nicht
nur thematisch
schwer bepackt hat, sondern auch stilistisch nicht nur
völlig
Klassisches darbieten will. Da wird das Bild schon mal auf
den Kopf
gestellt, oder auf die Seite. Über den Status einer
Spielerei
kommen diese Momente trotzdem nicht hinaus.
Und dann natürlich die Themen. Unter mysteriöser
Verjüngung,
Seelenwanderung, Regression in alte Seelenzustände,
linguistischer
Spurensuche und allerlei anderem Philosophischem zu den
Themen Zeit,
Liebe und Schicksal tut es Coppola offenbar nicht mehr.
Als wolle
er jedes kommerzielle Projekt, dass er in den letzten 25
Jahren
gedreht hat, mit übermäßig schwierigen, willentlich
diffusen Themen negieren, versteigt sich Coppola hier in
einen metaphysischen
Alptraum aus Philosophie und Mystizismus.
Was an sich ja gar nicht uninteressant wäre, wäre Coppola
nicht der vollkommen falsche Mann für den Job. Ihm fehlt
es
an der simplen Eleganz und Subtilität, auch der
erzählerischen
Intelligenz, um diesen schwierigen Themen Herr zu werden.
Zuweilen
entgleiten ihm ganze Sequenzen ins lächerlich
Cartoonhafte.
Besonders negativ fällt dabei, irgendwie ganz
Hollywoodtypisch
und wie nicht anders zu befürchten, die Nazi-Sequenz auf.
Vom
verrückten Wissenschaftler, der im Frankenstein-artigen
Labor
Kühe mit Stromstößen quält um für Hitler
Supersoldaten zu schaffen, bis hin zur Mata Hari mit
Hakenkreuzstrapsen
hat Coppola hier ein Sammelsurium von schlechten Klischees
zusammengetragen,
dass den Film nach einer ansprechenden ersten halben
Stunde einen
gehörigen Schubs ins Alberne verpasst, von dem er sich
auch
nie wieder so recht erholt. Von jemandem, der der
Besetzungsliste
nach ganz offensichtlich "Der Untergang" gesehen hat,
darf und muss man da mehr erwarten.
Zumal er wie gesagt der Geschichte so unabsichtlich den
Boden der
Ernsthaftigkeit soweit entzieht, dass auch nachfolgende
zunehmend
absurdere Plotwendungen eher albern als intellektuell
stimulierend
wirken. Wenn etwa Alexandra Maria Lara später im Nachthemd
zitternd in prähistorischen Lauten zischt und schreit,
überlegt
man denn doch, ob es nicht Zeit wird, Pater Merrick oder
einen anderen
Exorzisten zu Rate zu ziehen. Und gehässig angesichts des
Themas
könnte man auch noch anmerken, dass die Zeit auch gegen
Coppola
selbst arbeitet, denn mit zähen zwei Stunden ist "Jugend
ohne Jugend" auch deutlich zu lang ausgefallen.
Ob der unfreiwilligen Komik und der thematischen
Gezwungenheit
fällt leider auch die zentrale Liebesgeschichte platt und
unüberzeugend
aus, auch wenn man natürlich von Alexandra Maria Lara
unmöglich
nicht verzaubert sein kann. Diese ist der eigentliche
Trumpf des
Films, denn einen Jungstar
mit
Potenzial ins rechte Licht rücken, das kann Coppola immer
noch.
Und Lara erhellt bei jedem ihrer Auftritte die Leinwand
mit Charisma
und Energie. Zu schade, dass Rolle und Film nicht mehr
hergeben.
Gleiches gilt auch für den anderen deutschen Export, Bruno
Ganz (auch wenn ganz korrekterweise Lara ja - wie passend -
Rumänin
ist und Ganz Schweizer). Der darf als netter Doktor
auftreten, ohne
dass seine Rolle jetzt sonderlich wichtig oder interessant
wäre,
und nach einem Viertel der Laufzeit ist er dann auch ganz
schnell
verschwunden. Hauptdarsteller Tim Roth ist solide, aber
sein Mann
ohne Alter bleibt als Figur zu wenig greifbar, als dass er
sich
in seiner Darstellung über das Material erheben könnte.
Denn das bleibt schlicht und einfach schwach, will
offenbar ein
halbes Dutzend Geschichten gleichzeitig erzählen und
erzählt
so keine richtig und scheint sich hauptsächlich in der
eigenen
Difusität zu wälzen.
Die Intention war ohne Zweifel gut, aber Coppola hat sich
mit "Jugend
ohne Jugend" schrecklich vertan. Manche Leute sollten eben
doch keine prätentiösen Kunstfilme über sich verjüngende
rumänische Linguisten drehen, sondern welche über Mafiosi,
Abhörspezialisten oder durchgedrehte Soldaten. Man darf
ihm
seine hehren "Zurück zum Indiefilm"-Ziele anrechnen,
ebenso wie die Tatsache, dass auch dieses Werk trotz allem
zumindest
interessante Momente hat. Und selbst bei kleinem Budget
("American
Zoetrope", Coppolas Firma, darf Projekte nur für unter
sechs Millionen Dollar produzieren) sehen bei ihm Filme
noch aus,
als hätten sie viel mehr gekostet, auch weil er geschickt
traditionellen
Film und Digitalvideo einander ergänzend benutzt.
Aber das ändert nichts daran, dass "Jugend ohne Jugend"
nicht das grandiose Comeback ist, auf das man gehofft hat,
und schon
gar nicht die intelligente, kunstvolle
Philosophieabhandlung, die
sich der Regisseur wohl selbst vorgestellt hat. Trotzdem
schön,
dass der junge Alte es noch mal ernsthaft versucht hat.


Es ist das erst mal, dass ich mit einer filmszene.de kritik nicht einverstanden bin.
Youth without youth ist schlicht genial. Wie Its all about love, den ich auch für genial halte.
Optisch blieb mir die Spucke weg, und die Story...poah: fesselnd und esoterisch und berührend. Viele Einstellungen sehen aus wie fürs Theater gemacht. Coppola schwingt sich mühelos durch die Genres, mal hier mal dort verweilend, dass eine Hetz ist. Vielleicht ein Grund meines Enthuses: Ich selbst hab ähnliche Gedanken wie Tim Roth, die Vorstellung etwas sein ganzes Leben so harnäckig zu verfolgen, dass es dich verrückt macht. Und die Sprache, nun, sie hat alle Voraussetzungen dafür. Wohl denkt der Mensch erst, seit er sprechen kann.
Youth without youth müsste man im Meer vergraben und nicht mehr hervorholen - und ihn sich am Sterbebett wieder ansehen. Mal schaun, ob ich das schaffe.
Vielen Dank für Zulesen.
Weiter so, dem filmszeneteam.
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