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Jud Süß - Film ohne Gewissen

Jud Süß - Film ohne Gewissen
drama , deutschland 2010
original
regie
oskar roehler
drehbuch
klaus richter
cast
martina gedeck,
moritz bleibtreu,
justus von dohnànyi,
armin rohde,
tobias moretti, u.a.
spielzeit
114 Minuten
kinostart
23. September 2010
homepage
http://www.jud-suess-film.de
bewertung

3 von 10 Augen

Der Hintergrund: "Jud Süß" von Regisseur Veit Harlan ist ein Film, der in den 1940er Jahren Millionen Menschen in die Kinos lockte, von dem heute aber viele nur gehört und den kaum jemand vollständig gesehen hat. Was daran liegt, dass es sich dabei um das ambitionierteste Propaganda-Projekt der von Joseph Goebbels gesteuerten Nazi-Filmindustrie handelte und der Film heute nur noch in geschlossenen und kommentierten Vorstellungen gezeigt werden darf. Das Perfide an "Jud Süß" war, dass es sich keineswegs um einen billigen und leicht zu durchschauenden, sondern eben um einen sehr subtil manipulierenden Film handelte, der mit seinen zweifellos vorhandenen künstlerischen Fertigkeiten sogar das ausländische Publikum zum Teil blenden und für sich einnehmen konnte (die Uraufführung erfolgte in Venedig und veranlasste einen jungen italienischen Filmkritiker namens Michelangelo Antonioni zu einer positiven Besprechung).
Ein genauso heikles wie spannendes Thema also und die Tatsache, dass sich mit Oskar Roehler ("Agnes und seine Brüder", "Elementarteilchen") ein für seine provokanten Inszenierungen bekannter Regisseur der Entstehungsgeschichte dieses Films angenommen hat, sorgte für zusätzliche Spannung. So gesehen hat Roehler die Erwartungen auch nicht enttäuscht, denn sein Film entpuppte sich als größter Aufreger der diesjährigen Berlinale - die Reaktionen von Presse und Publikum waren dabei allerdings fast durchgehend negativ bis wütend. Womit sich die Frage stellt, ob wir es hier nur mit dem oft beschworenen typisch deutschen Reflex zu tun haben, der die Beschäftigung mit solch einem Thema nur unter der Voraussetzung höchster Vorsicht und historischer Genauigkeit erlaubt, oder ob es sich tatsächlich einfach nur um einen misslungenen Film handelt.

Der Fokus dieses Films liegt auf dem Schauspieler Ferdinand Marian (Tobias Moretti), der sich im Jahre 1939 zwar einer gewissen Bekannt- und Beliebtheit vor allem beim weiblichen Publikum erfreut, aber noch keineswegs zur allerersten Garde zählt. Weitaus populärere Darsteller haben jedoch die Titelrolle des intriganten Juden Oppenheimer im von Propagandaminister Goebbels (Moritz Bleibtreu) geplanten "Jud Süß" bereits abgelehnt, so dass der schließlich auf den geborenen Österreicher Marian zurückgreift. "Sie sind mein Jud Süß" verkündet Goebbels mehrfach und verleiht diesem Wunsch sowohl mit der Aussicht auf großen Ruhm als auch mit Drohungen Nachdruck. Schließlich versteckt Marian einen jüdischen Schauspieler in seinem Haus und ist zudem mit der "Vierteljüdin" Anna (Martina Gedeck) verheiratet. Und obwohl diese ihn unmissverständlich auffordert, diese Rolle auf keinen Fall anzunehmen, beugt sich Marian schließlich dem Druck des Ministers und seines Regisseurs Veit Harlan (Justus von Dohnanyi). Er nimmt sich vor, dem Juden "menschliche und sympathische Züge" zu verleihen und so die fragwürdige Intention des Filmes abzumildern. Es wird ihm nicht gelingen, denn Marian gerät stattdessen in ein unkontrollierbares Spannungsfeld zwischen Ruhm und Bewunderung, gefolgt von Hass und Verachtung. Er überlebt den Krieg mit einem Berufsverbot belegt nur um ein Jahr und stirbt 1946 bei einem Autounfall.

Und zwar, indem er sich selbst das Leben nimmt, entscheidet jedenfalls Oskar Roehler, und das ist dann eben eine der zahlreichen Freiheiten und Interpretationen, die sich der Filmemacher erlaubt. Die wichtigsten weiteren sind der frei erfundene jüdische Schauspieler, den Marian versteckt hält, sowie die ebenfalls nicht der Realität entsprechende jüdische Abstammung seiner Ehefrau. Das Drehbuch nutzt diese Änderungen als Dramatisierung und Drohkulisse, die den hadernden Schauspieler schließlich zur Annahme der ungeliebten Rolle bewegt.
Und das macht dann auch sehr deutlich, wem Roehler hier recht einseitig seine Sympathien schenkt, nämlich dem zwar als eitel und von den rauschenden Festen der Nazi-Führungselite durchaus beeindruckten Marian, der aber im Grunde seines Herzens keine üblen Absichten hat und immerhin eine Art "passiven Widerstand" leistet. Der zudem für das nicht ganz freiwillige Verkaufen seiner Seele hart und brutal bestraft wird, während andere, weitaus überzeugtere Mittäter ungeschoren davonkommen. Auch Roehler manipuliert hier sein Publikum geschickt, denn es wird kaum jemanden geben, der für diesen Ferdinand Marian kein Verständnis aufbringen wird. Vor allem im Vergleich zu den übrigen Angeboten, einem geradezu widerlich willfährig gezeichneten Veit Harlan und dem zwischen generösem Gönner und rücksichtslosen Erpresser wechselnden Joseph Goebbels.

Während Tobias Moretti aber eine sehr achtbare Leistung als getriebener und meist hilflos hin- und her geschobener, im Grunde einfach restlos überforderter Mann liefert, überschreitet Moritz Bleibtreu als sein Gegenspieler mehr als nur ein wenig und viel mehr als es nötig gewesen wäre bei seinem Joseph Goebbels die Grenze zur Karikatur. Durch zahllose Dokumentationen wie auch fiktionale Werke sind wir ja mit den typischen Manierismen dieser berüchtigten und für Filmemacher offensichtlich unendlich interessanten Figur vertraut, doch so wie Bleibtreu hier dessen Gestik und Sprache imitiert und überdeutlich das Hinkebein nachzieht, raubt er der Figur jede Ernsthaftigkeit. Was vermutlich nicht seine Schuld, sondern exakt sein durch Roehler erteilter Auftrag ist, und diese Erkenntnis führt uns zu den eigentlichen "Anklagepunkten" gegen den Regisseur und seinen Drehbuchautor Klaus Richter:

Denn ja, wenn ein Quentin Tarantino seine "Inglourious Basterds" mal kurzerhand die gesamte Nazi-Führungsspitze in einem Kino auslöschen lassen darf, dann kann natürlich auch ein deutscher Filmemacher das gleiche Recht für sich beanspruchen und seine eigene, sehr freie "Interpretation" historischer Ereignisse aus dieser Zeit vorlegen. Wenn seine Änderungen allerdings keinen anderen Zweck erfüllen, als mit ihrer Hilfe aus dem bisher gängigen Bild des verantwortungslosen Schauspielers Marian eine genauso simples "In Wahrheit war nämlich der Regisseur des Films der Böse" zu machen, dann muss man davon nicht unbedingt beeindruckt sein. Und wenn die Filmemacher hier dann zusätzlich noch andere bekannte Namen mehrfach lächerlich zu machen versuchen (Hans Moser) oder mit ein paar gezielt gestreuten Randbemerkungen als ebenfalls doch eigentlich viel schlimmere Mittäter hinzustellen (Heinz Rühmann), dann ist das nichts anderes als bewusste Boshaftigkeit. Mit dem Ergebnis: Man erkennt die Absicht und ist verstimmt.
Was Tarantino ebenfalls in seinem bereits angesprochenen letzten Werk beispielhaft demonstrierte ist der Spagat zwischen ernsthaftem, packendem Drama und dessen Brechung durch immer wieder eingebaute satirische Elemente. Bei Oskar Roehler sieht das dann so aus, dass eine von Gudrun Landgrebe in einer ganz speziellen "Gastrolle" gespielte, notgeile Nazi-Ehefrau sich von ihrem bewunderten Star Marian ordentlich durchnehmen lässt und diesen dabei auffordert, doch den Text aus der Vergewaltigungsszene seines "Jud Süß"-Films nachzusprechen, während zum Höhepunkt vor dem geöffneten Fenster ein prächtiges Feuerwerk abgeht.
Spätestens mit dieser einfach nur absurd-grotesken Szene dürfte der Regisseur Roehler dann auch den letzten wohlmeinenden Zuschauer verloren haben, und alles was danach noch an "Drama" auf unsere Hauptfigur zukommt atmet fortan leider den Geschmack der Irrelevanz. Eine Sequenz, die zwar einerseits den berüchtigten "Roehler-Touch" besitzt, die aber auch wie keine andere das Dilemma dieses Films belegt: Hier passt einfach zuviel nicht zusammen und setzt nur auf billige Effekte. Mit einem deutschen Abwehrreflex hat das dann auch wenig zu tun. Mit einem schlichtweg schwachen Film schon eher.

Volker Robrahn

Die von euch gegen Ende angesprochene "absurd-grotesken Szene", ist übrigens jene Szene, die in den durchaus ebenfalls kritischen Rezensionen der SZ und FAZ mehr als nur lobend hervorgehoben wurde.
Man sieht an dieser Stelle wiewohl der scheinbar sehr "strengen", scheinbar übertriebenen Bewertung, dass Geschmäcker dann doch verschieden sind...

Der Film ist ein klassischer Flop!

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