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Jazzclub - Der frühe Vogel fängt den Wurm

Jazzclub - Der frühe Vogel fängt den Wurm
tragikomödie , deutschland 2004
original
regie
helge schneider
drehbuch
helge schneider
cast
helge schneider,
susanne bredehöft,
pete york, u.a.
spielzeit
88 Minuten
kinostart
1. April 2004
homepage
bewertung

7 von 10 Augen

Helge Schneider ist wieder da. Oder immer noch. Dass wird nicht jeden begeistern, denn die Meisten, die Mitte der Neunziger bei "Katzeklo" mitsangen, fanden den Helge irgendwann gar nicht mehr lustig sondern nur noch doof und nervig. Dass er einen neuen Film gemacht hat, wird diese Leute nicht wirklich interessieren und mehr als eine Million Menschen (wie noch bei seinem Debüt "Texas") werden auch ganz sicher nicht mehr in die Kinos strömen. Helge Schneider ist das erstens bewusst und zweitens ziemlich egal. Denn der macht jetzt sowieso nur noch das, was ihm selbst gefällt und wozu er Lust hat. Was dabei herauskommt ist immer noch ziemlich schräg und völlig anders als das, was alle Anderen machen. Und darum macht auch die "filmszene" heute mal etwas anders und stellt das Gespräch mit Herrn Schneider über sein neues Werk nicht extra und hintendran sondern mittenrein und vorneweg. Hören wir also erst einmal, was der Meister zu sagen hat. Und sagen ihm (und dem Rest der Welt) dann was wir davon halten.

Filmszene: Helge, Du hast in den Neunzigern gleich drei Filme hintereinander gemacht und jetzt sieben Jahre lang gar keinen. Was war der Grund, vielleicht eine Art "Übersättigung" des Publikums?

Helge Schneider: Nein, ich hatte einfach keine Lust. Nicht auf Filme, nicht auf Drehbücher, Handlung und Gags schreiben. Ich wollte einfach wieder mit meinen Freunden Musik machen. Der ganze Prozess einer Filmproduktion hat mich nicht mehr interessiert.

Und das hat sich jetzt wieder geändert?

HS: Nicht grundsätzlich, nein. "Jazzclub" ist ja auch anders als das was ich vorher gemacht habe. Das Ganze ist mehr oder weniger autobiographisch, es geht um meine Musik und die Menschen mit denen ich sie mache. Das ist mein Leben, das zu drehen hatte ich Bock drauf, nur das. Kann durchaus sein, dass ich keinen weiteren Film mehr mache.

Wenn "Jazzclub" also nur ein Film für Dich und Deine Freunde geworden ist, warum sollten ihn sich dann die anderen Menschen überhaupt ansehen?

HS: Das heißt ja nicht, dass Andere dabei nicht auch Spaß haben können oder das Gezeigte zumindest interessant finden - und was zu lachen gibt's ja auch, finde ich. Ist mir aber eigentlich wirklich egal. Wenn es den Leuten gefällt freue ich mich zwar, aber wenn es keiner sehen will kann ich damit auch leben. Für mich war's schön und wichtig und ich bin auf jeden Fall stolz auf den Film.

War denn diesmal wirklich alles so anders oder genauer gefragt: Wie war es denn?

HS: "Jazzclub" ist mein Film. Meine Geschichte, meine Musik, so wie ich es zeigen wollte. Was nicht heißt, dass nicht alle Beteiligten ihren Beitrag leisten konnten und eigene Ideen hatten. Gute, spontane Ideen wurden sofort ungesetzt. Wir hatten zwar ein Drehbuch, aber das haben wir am ersten Tag weggeschmissen. Hätte nicht funktioniert, wäre steif und unehrlich geworden. Wir haben uns einfach die Freiheit genommen, so zu arbeiten.

Die Authentizität oder "Ehrlichkeit" scheint Dir dabei besonders wichtig zu sein?

HS: Ich bin eigentlich immer authentisch, aber in den alten Filmen wurde halt immer noch viel drum herum gebastelt. Dabei ist das eigentlich gar nicht nötig. Auch wenn ich auf der Bühne auftrete, zeige ich ja nur wie es wirklich ist, wie die Menschen sind. Ich übertreibe und überspitze dabei nur ein ganz klein wenig und das macht es dann halt witzig und die Leute lachen. Sollen sie ja auch, das stört mich nicht.

Helge, vielen Dank für das Gespräch und wir sind gespannt auf Deinen ehrlichen Film.


Helge ist Teddy Schuh und Teddy Schuh ist Musiker. Zusammen mit seinen Kumpels spielt er jeden Abend vor leeren Sitzen in seiner Stammkneipe, dem "Jazzclub". Dem Wirt gefällt's, den Nachbarn nicht. Viel Geld hat Teddy nicht, also steht er immer ganz früh auf, denn "der frühe Vögel fängt den Wurm". Teddy trägt die Morgenzeitungen aus, liest alten Menschen Bücher vor und verkauft leckere Fische, manchmal muss er sie auch noch selbst angeln. Teddy braucht ja auch gar nicht so viel Geld, er möchte nur Musik machen. Aber seine Frau ist dann immer unzufrieden und schimpft mit ihm. Denn sie langweilt sich und möchte gern Champagner trinken. Teddy hat seine Frau trotzdem lieb, aber er kann es ihr nicht recht machen. Und als der alte Wirt stirbt und der Gerichtsvollzieher kommt, wissen er und seine Freunde erstmal nicht weiter. Doch dann passiert etwas ganz Ungewöhnliches.

Irgendwas muss ja wohl noch passieren, hat sich Helge Schneider vermutlich gedacht und dabei dann doch ein ganz kleines Zugeständnis an die Erwartungen des Publikums gemacht. Denn ihm selbst hätte es vermutlich genügt, einfach nur weiter den Alltag des liebenswerten Teddy Schu zu zeigen, der doch einfach nur Musik machen möchte und zu allen Menschen freundlich ist. Auch mit dem Obdachlosen vor seiner Wohnung hält er abends einen kleinen Plausch und der verläuft dann ungefähr so:

"Tach, wie geht's?" - "Och, muss ja"
"Schön hast Dus hier" - "Ja, ganz nett"
"Na ja, ich muss dann auch wieder" - "Ist gut, tschüß dann".

Ist das also nun Kunst oder Müll? Dadaismus oder einfach nur doof?
Daran werden sich naturgemäß die Geister scheiden, aber eines will Helge Schneider hier ganz bestimmt nicht - nämlich die Zuschauer verarschen. Gerade in diesen immer wiederkehrenden Szenen der banalen Dialoge kommt er nämlich seinem angestrebten Ziel der "absoluten Ehrlichkeit" am nächsten. Es gibt eben keinen vorgefertigten Text, den die Schauspieler auswendig lernen und aufsagen. Sie machen was ihnen gerade einfällt und das ist eben manchmal nur wenig bis nichts. Die meisten Darsteller sind eh Laien und spielen mehr oder weniger sich selbst. Und die auftretenden Musiker sind auch genau das und daher zeigt der Film dann auch mal eine minutenlange Jamsession.
All dies hat in der Tat kaum noch etwas mit den konventionellen Regeln und der Dramaturgie eines "normalen" Spielfilms gemein. Insofern ist "Jazzclub" sicher eher eine künstlerische Studie, ein formales Experiment. Und müsste als solches für den Zuschauer eigentlich eher ein anstrengendes und streckenweise ungenießbares Werk sein.
Dass es dazu aber dann doch nicht kommt, liegt an der Art wie Helge Schneider diese Banalitäten und Nichtigkeiten vorträgt, denn sobald der Mann auf seine allseits bekannte Art anfängt zu sprechen, wird es einfach witzig. Das Ganze ist so doof und naiv, dass es sich dabei schon wieder entwaffnend jeder weiteren Analyse entzieht. Mit dieser Masche brachte Schneider es ja sogar vor einigen Jahren zum angesagtesten "Komiker" des Landes und es kauften Menschen seine Platten, die dann überrascht/entsetzt feststellten, das sich darauf auch richtig gut gemachte "ernsthafte" Musik verbarg. Seine früheren Filme litten allerdings darunter, dass sie künstlich eine Dramaturgie übergestülpt bekamen und dann versuchten die anachronistischen Einfälle mit einem konventionellen Drehbuch zu verbinden. Das war auf die Dauer sehr anstrengend und kam den Stärken von Helge Schneider auch nicht entgegen.
"Jazzclub" entzieht sich fast all diesen Vorgaben, ist rauer und kantiger, dabei oft sogar trist. Erstaunlicherweise ist der Film trotzdem interessanter und angenehmer als seine Vorgänger. Das Publikum dafür ist naturgemäß kleiner, aber dass ist dem Künstler ja auch -siehe oben - völlig klar. Helge Schneider ist mit seinem Film zufrieden - wir sind es auch.

Volker Robrahn

9

"Der Beckett der bewegten Bilder."

Das trifft dies schon ziemlich gut.
Ich jedenfalls brauche keinen Ingmar Bergmann oder Woody Allen. Denn so wunderschön und treffend kann niemand die Banalität und Tristesse des menschlichen Daseins einfangen wie Helge Schneider in "Jazzclub".
Für mich sein bester Film, ich liebe ihn wirklich sehr.

9

Ich glaube zwar das ich den Kommentar viel zu spät schreibe, wir schreiben mittlerweile das Jahr 2010...

Doch als Helge-Fan muss ich das.

Man muss zu den Filmen nur folgendes sagen. Wer sie hasst und wer Helge hasst, versteht einfach Helge und seinen Humor nicht, punkt. Das ist verständlich, da ich über andere Comedians, wie Otto, Mario Barth usw. auch nicht lachen kann. Früher mal, ja, aber jetzt... UND GENAU DAS, unterscheidet nunmal Helge von den anderen Comedians... die Anpassungsfähigkeit.

Rüdiger Hofmann, Thommy? Wo ist er jetzt? "Hallo erstmal...", da musste ich vor ca. 8 Jahren auch noch drüber lachen, aber wenn jemand zigmal hintereinander den selben Furz lässt, ist es halt irgendwann nicht mehr lustig.

Die Konzerte sind i.d.R. besser und vor allem musikalisch wird da einiges geboten.

Ich habe versucht so objektiv wie möglich zu bleiben, fällt bei einigen Komments hier schwer, vor allem dann, wenn ich so einen abfälligen Kommentar über Jazz, von so nem Ruhrpott-Techno-Clown lese.

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