Vor gut einem Jahr, im Januar 2001, habe ich an dieser Stelle "You can count on me" als jene Perle des Indie-Films gelobt, welche den längst weit überzogenen Sundance-Hype im vergangenen Jahr zurecht am Leben hielt. In diesem
Fowler und Nick Stahl als Frank. |
Jahr kommt diese Rolle Todd
Fields intensivem
Familiendrama "In the Bedroom" zu, der mit "You can
count on
me" nicht nur den Veröffentlichungs-Zyklus teilt (im
Januar
auf dem Sundance Festival, fast ein Jahr später in den
amerikanischen
Kinos, noch später - wenn überhaupt - in den
deutschen), sondern
auch ein ähnliches Handlungsmilieu und dieselben
herausragenden
Stärken.
Angesiedelt ist "In the Bedroom" in einem
beschaulichen Nest
inmitten der Wald- und Seenlandschaft Maines, einer
der Orte,
in denen die halbe Bevölkerung von der Fischindustrie
lebt.
Eine Ausnahme bildet das Ehepaar Fowler, er der
örtliche Arzt,
sie Leiterin des Schulchors, die es voller Stolz kaum
erwarten
können, dass ihr einziger Sohn Frank Ende des Sommers
sein Architektur-Studium
beginnt. Frank jedoch hat eine Romanze mit der älteren
Natalie
begonnen, zweifache alleinerziehende Mutter und
Ex-Frau des
latent gewalttätigen William Strout - seines
Tomei) und Frank (Nick Stahl). |
Zeichens Sohnemann des lokalen
Fischerei-Giganten.
Der Sommerflirt wird für Frank wichtiger, als er es
sich und
seinen Eltern zunächst eingestehen mag, doch bevor er
seine
Karriere für die Liebe zu Natalie opfern kann, opfert
er sein
Leben - in einem Kampf mit dem seine Ex-Frau
terrorisierenden
William wird Frank erschossen.
Kurze Zwischenbemerkung: Dieses Ereignis kommt als
eine Überraschung,
wirft es doch das gesamte bisherige Handlungskonstrukt
über
den Haufen und nimmt den vermeintlichen
Hauptdarsteller aus
der Rechnung. So gesehen ist es vielleicht unfair, es
in dieser
Rezension überhaupt zu erwähnen, doch ist es
schlichtweg unmöglich,
die eigentliche Thematik von "In the Bedroom" zu
erläutern,
ohne diesen Todesfall anzusprechen.
Das Thema des Films entfaltet sich langsam in den
Folgen dieser
Tragödie, in dem Kampf von Matt und Ruth Fowler, mit
dem Tod
ihres Sohnes klar zu kommen - ein Kampf, der erschwert
wird
durch jahrelang unter der Oberfläche brodelnde
Konflikte, die
jetzt aufkochen und nicht länger ignoriert werden
können. Und
so wandelt sich "In the Bedroom" langsam zu einem
stillen, detailversessenen
und faszinierenden Portrait der Ehe von Matt und
haben sich einiges zu sagen. |
Ruth. Einem dieser wertvollen
Filme,
in denen viel gesagt wird, aber die wichtigsten Dinge
unausgesprochen
in den Kleinigkeiten darauf warten, vom Zuschauer
entdeckt zu
werden.
Wie schon bei "You can count on me" begeistert auch
"In the
Bedroom" mit Charakteren, die derart genau geschliffen
sind,
dass man sie schon fast für wirklicher als die
Wirklichkeit
halten könnte. Keine Figur wird hier in billige
Gut/Böse-Schemata
gequetscht, alle haben ihre Ecken und Kanten, die sie
zu greifbaren
Persönlichkeiten machen, die kennen zu lernen
zu den
spannendsten Erfahrungen dieses Films zählt. Und wie
bei "You
can count on me" ist es an einem Ensemble
unglaublicher Darsteller,
diese Rollen mit leben zu füllen. Herausforderungen an
einen
Schauspieler die, bei meisterlicher Ausführung, weit
mehr Respekt
verdienen als eine überdramatisierte "Made for an
Oscar"-Performance
wie sie Leute wie Russell Crowe oder Jodie Foster in
jedem Film
spielen. Denn in Fällen wie diesem bekommen die
Akteure keine
grandiosen Monologe zum rezitieren, keine
Tom Wilkinson und Sissy Spacek. |
plakativen
Charaktereigenschaften, die
jede Szene dominieren, sondern einen Alltagsmenschen
mit alltäglichem
Erfahrungsschatz, der eine nicht alltägliche Situation
zu meistern
versucht. Das ist Intensität auf einem ganz anderen
Level, und
Tom Wilkinson und Sissy Spacek brillieren hier in den
Hauptrollen
in einer Art und Weise, die sämtliche dafür
eingeheimste Preise
mehr als berechtigt.
Der Kampf mit dem Verkraften wird nicht nur für die
Fowlers
selbst und ihre Ehe zur Zerreißprobe, sondern auch für
ihren
Lebensrhythmus, ihre Freunde, kurz alles, was
einstmals normal
und gesetzt erschien. In einer Gegend, wo man zum
Probleme lösen
nicht einfach zum Psychiater rennt, versuchen sie sich
an Routinen
zu klammern, die doch unwiederbringlich anders
geworden
sind oder einen unerträglichen Beigeschmack in sich
tragen.
Am Ende mögen sich Matt und Ruth in ihren Augen ein
Stück Normalität
erkämpft haben, aber es ist teuer erkauft und
letztlich doch
nur Selbsttäuschung. Umso kraftvoller wirken jedoch
die letzten
Szenen des Films, vervollkommnen sie schließlich das
Portrait
der unglaublich komplizierten Beziehung der Fowlers -
einer
Ehe, die weit weg von perfekter Harmonie ist, aber in
ihrem
eigenen, über Jahre erarbeiteten Regelwerk doch besser
funktioniert,
als der Zuschauer die meiste Zeit geglaubt hat.
"In the Bedroom" ist natürlich kein Film für ein
großes Publikum,
wird aber dankbare Zuschauer in all jenen Leuten
finden, die
es zu schätzen wissen, wenn ein Film weniger daran
interessiert
ist, was seine Figuren tun, als an dem Warum.






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