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Holy Motors

Holy Motors
drama , frankreich/deutschland 2012
original
holy motors
regie
leos carax
drehbuch
leos carax
cast
denis lavant,
eva mendes,
edith scob,
kylie minogue, u.a.
spielzeit
115 Minuten
kinostart
30. August 2012
homepage
http://www.holy-motors.de
bewertung

8 von 10 Augen

Ein einäugiger Leprechaun, ein irisches Feenwesenmonster, springt über den berühmten Pariser Friedhof Père Lachaise, frisst dabei einen Blumenstrauß, entführt ein Model (Eva Mendes) mitten aus einem Fotoshooting, bringt sie in seine Höhle, bastelt aus ihrem Kleid durch Zerreißen eine Burka, zieht seinen grünen Anzug aus, legt sich nackt und mit erigiertem Glied auf ihren verhüllten Schoß und lässt sich dann ein Wiegenlied von ihr vorsingen.

Dies ist nur eine von diversen Episoden aus „Holy Motors“, dem eindeutig schrägsten Film, den das Filmfestival von Cannes 2012 bot. Wer sich hier ins Kino traut, wird visuell und philosophisch herausgefordert, aber auch belohnt. Viele Kritiker schwärmten in Cannes von einem Meisterwerk und überboten sich in Superlativen. Das surrealistisch-experimentelle Werk des Franzosen Leos Carax, der in Frankreich leider auf ewig mit seinem Budget-vernichtenden Film „Die Liebenden von Pont-Neuf“ assoziiert ist, der aufgrund Dreharbeiten-Verzögerungen einen kompletten Nachbau der Pont-Neuf-Brücke erfordert hatte und dadurch am Ende 28 Mio. Dollar kostete, ist eine Hommage an das Kino, das Schauspiel, das Reale und den Traum an sich und aufgrund seiner bizarren und verwirrenden Handlung eher ein Kritikerfilm denn ein Publikumsfilm geworden.

Ein Mann (Leos Carax) erwacht, gelangt mit einem Finger-Schlüssel durch eine Tür in seinem Schlafzimmer in einen Kinosaal, in dem alle Zuschauer mit geschlossenen Augen sitzen und trifft auf eine deutsche Dogge. Dieser Auftakt hat eigentlich nichts mit dem darauffolgenden Film zu tun und wird nicht mehr aufgegriffen.

Am Morgen verlässt der Geschäftsmann Monsieur Oscar sein Haus und begibt sich in seine weiße Limousine, die von seiner Chauffeurin Céline (Edith Scob) gefahren wird. An diesem Tag habe er neun Termine, sagt sie ihm, neun Akten dazu lägen schon neben ihm. Für seinen ersten Termin trifft er nicht etwa einen Klienten in einer Bank, sondern begibt sich Monsieur in die Rolle einer gehbehinderten Bettlerin auf der Pont-Neuf. Hauptdarsteller Denis Lavant schlüpft nun während des Spielfilms in elf Rollen, die alle so verschieden und unvorhersehbar sind, dass manche Schauspieler so viele Facetten in ihrer ganzen Karriere nicht zeigen können.

Das Genre wechselt ständig, von Komödie zu Farce, von Drama zu Thriller, von Tragödie zu Sci-Fi-Erotica, so dass es ein Wunder erscheint, dass dieser Film überhaupt funktioniert. Zusammengehalten wird der Film von Céline und ihrer Limousine mit Schminkspiegel und Unmengen an Masken und an Kostümen, in die Oscar immer wieder zurückkehrt. Shakespeares Satz aus „Wie es euch gefällt“: „Die ganze Welt ist eine Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler“ wird hier in die Realität versetzt - wenn es denn die Realität ist, denn wer hier eigentlich was für wen spielt, bleibt verborgen. Nach dem Sinn von „Holy Motors“ gefragt wedelte Carax während der Pressekonferenz in Cannes nur schweigend den Finger zum „Nein“ und gab sich ansonsten kryptisch.

Carax erfreut das Spiel mit Identitäten auch in seiner Namenswahl: Seinen eigentlichen Namen Alexandre Oscar Dupont wandelte er zu Leos Carax, dem Anagramm aus Alex und Oscar. Die Hauptrolle in seinen Filmen heißt dafür Alex oder hier in „Holy Motors“: Monsieur Oscar. In einer Schlüsselszene von „Holy Motors“ singt Kylie Minogue als lebensmüde Flugbegleiterin, aber auch Bekanntschaft von Monsieur Oscar: „Who were we / When we were who we were / back then?“ Das Selbst verschwindet hinter all seinen Rollen.

Die Rolle des irren Leprechauns namens „Monsieur Merde“ ist übrigens eine Figur aus Carax‘ Episode „Merde“ im dreiteiligen Film „Tokyo!“ (2008) von Michel Gondry, Bong Jong-hoo und Leos Carax. Dort ließ Merde sich nicht in den Schlaf wiegen, sondern warf schließlich Handgranaten auf die Passanten Tokios wie ein kleiner Godzilla. Im Vergleich dazu ist „Holy Motors“ eindeutig poetischer und doch gleichzeitig noch viel aberwitziger: Der Film endet mit Schimpansen und einer Limousinen-Garage namens „Holy Motors“, in der man endlich erfährt, wovon Limousinen des Nachts träumen.

Margarete Prowe

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