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Gosford Park

Gosford Park
gesellschafts-satire , usa/großbritannien 2001
original
gosford park
regie
robert altman
drehbuch
justin fellowes
cast
maggie smith,
helen mirren,
ryan philippe,
emily watson,
stephen fry,
kristin scott thomas, u.a.
spielzeit
137 Minuten
kinostart
13. Juni 2002
homepage
bewertung

8 von 10 Augen

Im glamourösen Interview- und PR-Zirkus vor der diesjährigen Ocar-Verleihung (wo "Gosford Park" für acht Awards nominiert war, und schließlich fürs beste Original-Drehbuch gewann) äußerte Regisseur Robert Altman bei einer Gelegenheit, dass er keine Filme zum einmal angucken machen würde, man seine Filme mindestens zwei-, am


Flirten mit Stil anno 1932: Kristin
Scott Thomas und Ryan Philippe

besten drei- oder viermal sehen sollte. Selten hat er dabei so recht gehabt wie im Falle von "Gosford Park", den Altman bei anderer Gelegenheit selbst als Mischung aus Jean Renoir's "La règle du jeu" und Agatha Christie's "Zehn kleine Negerlein" beschrieb, denn diesen Film muss man wirklich zweimal sehen, um ihn überhaupt voll zu verstehen.
Um ein wenig Licht ins Zitatdunkel zu bringen: Renoir's Gesellschaftssatire von 1939 portraitierte die französische High Society in ihrer moralischen Dekadenz kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs (und gewann dadurch retrospektiv eine völlig neue Dimension), während "Zehn kleine Negerlein" wohl eines der bekanntesten "Whodunnits" (fachchinesisch für Detektivgeschichten, in denen es vornehmlich um die Suche nach dem Täter geht) der britischen Krimilegende Christie ist. "Gosford Park" nun teilt mit ersterem die Grundzüge des Szenarios -
auf einem englischen Landsitz versammeln sich Anfang der 30er mehr als ein Dutzend Blaublüter mit ihren Bediensteten für ein Wochenende voller Jagd, Tratsch, Intrigen und Eifersüchteleien - und mit letzterem nicht wirklich mehr als das Mörder-Mysterium. Aber dazu später.
Eine ordentliche Inhaltsangabe dieses Films scheitert bereits an einem groben Überblick über die vorhandenen Charaktere, denn die sind schlichtweg zu zahlreich, in ihren Querverbindungen und Verwandtschaften zu komplex und verstrickt, als dass sich das in ein paar Sätze fassen lassen könnte. In der Tat ist man als Zuschauer in der zum Glück langen Exposition des Films mehr als gut damit beschäftigt, Gesichter und Namen zu den entsprechenden Hintergrundgeschichten zuzuordnen, was durch die Tatsache, dass sich die Bediensteten im Untergeschoss beizeiten ebenfalls mit den Namen ihrer Arbeitsgeber anreden, nicht gerade erleichtert wird. "Gosford Park" verliert hier bereits so manchen Gütepunkt, denn während Altman's bisherige Massen-Ensemble-


Most excellent: Helen Mirren
als Chef-Zimmermädchen

Inszenierungen (z.B. "Short Cuts" oder "Nashville") trotz ähnlicher Anzahl an Hauptcharakteren jederzeit übersichtlich blieben, mag man in seinem neuesten Werk ein wenig verzweifeln. Zu viel Information wird hier in zu kurzer Zeit ausgeteilt, wer da noch mitkommen will, muss höllisch gut aufpassen und am besten englischer Muttersprachler sein.
Womit wir schon beim nächsten Knackpunkt wären: "Gosford
Park" bietet eine grandiose Garde an britischen Top-Darstellern (mit zwei amerikanischen Ausnahmen in Person von Co-Produzent Bob Balaban und Ryan Philippe), die hier auch allesamt hervorragende bis brillante Arbeit leisten. Herauszuheben wären die zurecht Oscar-nominierten Maggie Smith - hier die perfekte Verkörperung genervter Hochnäsigkeit - und Helen Mirren, die sich in einem der besten Monologe der jüngeren Filmgeschichte als "the perfect servant" vorstellt. Dieses Hochglanz-Ensemble schwadroniert denn auch wortgewandt in einer breiten Auswahl an britischen Akzenten dahin, was eine angemessene Synchronisation quasi unmöglich macht, aber selbst bei sehr guten Englisch-Kenntnissen manchmal einfach zu viel ist.
Genug gemeckert. "Gosford Park" ist ein ordentliches Stück Verständnisarbeit seitens des Zuschauers, hat man seinen Weg in den Film aber erst mal gefunden, wird man dafür auch reich belohnt. Denn was im folgenden präsentiert wird ist ein grandios konstruiertes, famos ausgestattetes und punktgenau inszeniertes "period piece", dass den Geist der englischen Aristokratie der damaligen Zeit mit Augenzwinkern und scharfer Zunge einfängt.


Wohlerzogenes Party-Treiben: Das
Obergeschoss amüsiert sich

Besonders viele Lorbeeren hat sich in dieser Beziehung Drehbuch-Debütant Justin Fellowes verdient, der mit kongenialen Kniffen die komplizierte Geschichte verständlich hält und die Zweigeteiltheit des Haushalts geschickt zum strukturellen Rückgrat seines Skripts macht (das denn auch völlig zurecht den Oscar gewann). Aufgeteilt in "Upstairs" - wo die Hausherren und ihre Gäste vom teuren Porzellan dinieren und sich im hübsch ausstaffierten Salon bei Musik und Kartenspiel ergötzen - und "Downstairs" - wo die Bediensteten konstant schuften, um den Glanz da oben am laufen zu halten, aber noch genug Zeit für ihre eigenen kleinen Intrigen finden - fungiert das Landhaus in "Gosford Park" als Mikrokosmos der britischen Gesellschaft, in der eine dekadente und zunehmend ignorante kleine Oberschicht wortwörtlich auf einem von der dienenden Unterschicht gebildeten Fundament läuft. Den Weg in die Gepflogenheiten und Abläufe dieses eigenen Universums findet der Zuschauer dabei an der Seite des jungen Zimmermädchens Mary (Kelly MacDonald, manchem vielleicht noch bekannt als Diane aus "Trainspotting"), die mit einem der Gäste eintrifft und ebenso wie das Publikum als vornehmlich stille


"Fremdenführerin" Kelly MacDonald mit
Zickentante Maggie Smith

Beobachterin durch die Szenerie wandelt, und höchstens ab und an ein paar nützliche Fragen stellt. Diese fast unbemerkte "Führerin" der Zuschauer ist in der Tat der größte kleine Geniestreich in Fellowes' Arbeit.
Wenn man "Gosford Park" strukturell einen Vorwurf machen kann, dann der, dass es zu lange dauert, bis er bei seinem eigentlichen Kern, dem aufzulösenden Mord, ankommt. Weit über die Hälfte des Films ist vergangen, bis der Hausherr endlich erdolcht und vergiftet (einfach
geht hier wahrlich gar nichts zu) in seinem Arbeitszimmer liegt, und die große Suche nach den Motiven losgeht - von denen natürlich ein Großteil der Anwesenden mindestens eins vorzuweisen hat. In gewisser Weise stellt sich "Gosford Park" mit diesem späten Todesfall selbst ein Bein, denn bis hierhin war das Sammelsurium aus Intrigen, Liebeleien, Tratsch, Täuschungsmanövern und Affären schon unterhaltsam genug - bis dann plötzlich klar wird, dass es noch um was ganz anderes geht. So fehlt es dem Mordfall von vornherein ein bisschen an erzählerischem Drive, dafür wartet er aber auch mit einer Auflösung auf, die sich als brillant treffender Schlusspunkt dieses Gesellschaftsportraits entpuppt und ein weiteres Mal erstaunte Bewunderung für die exzellente handwerkliche Leistung von Altman und Fellowes bei der Konstruktion dieses riesigen Charakter-Puzzles hervorruft.
Trotz ihrer Vielzahl sitzen alle Figuren passgenau und bieten, hat man ihren Mikrokosmos erst einmal durchschaut, ein außergewöhnliches Vergnügen an Ensemble-Chemie. Einzig Bob Balaban als amerikanischer Filmemacher, der auf dem Landsitz Inspirationen für sein nächstes Projekt sucht - ein "Murder Mystery" inmitten des britischen Hochadels -, wirft eine ziemlich überflüssige selbstreflexive Note in die Runde, ohne die "Gosford Park" nicht wirklich etwas verloren hätte.

Abgesehen von der kaum zu vermeidenden anfänglichen Verwirrung nahezu beanstandungsfreies Darsteller-Kino vom allerfeinsten, lässt es "Gosford Park" lediglich an wahrer Originalität mangeln, um sich in Robert Altman's Meisterwerke einreihen zu können. Sicher nicht der innovativste Beitrag zum Kinojahr 2002, aber von der Ausführung her trotzdem immer noch einer der besten.

Frank-Michael Helmke

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