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Gespenster

Gespenster
drama , deutschland 2005
original
regie
christian petzold
drehbuch
christian petzold, harun farocki
cast
julia hummer,
sabine timoteo,
benno fürmann,
marianne basler,
aurélien recoing, u.a.
spielzeit
85 Minuten
kinostart
22. September 2005
homepage
bewertung

8 von 10 Augen

 

So lange sie denken kann, lebt Nina (Julia Hummer) bei Pflegeeltern oder in Heimen. Nun ist sie in einem Projekt "Betreutes Wohnen" untergebracht und muss mit ihren Mitbewohnern die Berliner Parks vom Müll befreien. Dabei sieht sie, wie die heimatlose Toni (Sabine Timoteo) von zwei Jungen geschlagen wird. Als Toni später beim Stehlen erwischt wird, hilft Nina ihr und lädt sie zu einem Frühstück ein. Nina vertraut sich der älteren und erfahrenen Toni an und beschließt mit ihr zusammen abzuhauen. Denn Toni erzählt von Castings, bei denen man entdeckt werden kann...
Zeitgleich läuft die Französin Francoise (Marianne Basler) durch Berlins Straßen, während ihr Mann Geschäftsterminen nachgeht. Sie kehrt zu dem Supermarkt zurück, an dem vor vielen Jahren ihre dreijährige Tochter Marie entführt wurde. Seit diesem Tag sucht Francoise überall nach ihrem verschwunden Kind. Sie gibt die Hoffnung nicht auf, Marie eines Tages wieder zu finden. Dann begegnet sie Nina vor einem Kaufhaus und glaubt, endlich vor ihrer Tochter zu stehen.

Die Inspiration zu "Gespenster" erhielt Regisseur und Autor Christian Petzold ("Die innere Sicherheit") durch die Phantombilder, die von verschwundenen Kleinkindern angefertigt werden. Am Computer werden ihre Gesichter konstruiert, so wie sie zehn oder zwanzig Jahre später aussehen können: Es sind Bilder von Menschen ohne Seele und ohne Geschichte, sie sehen aus wie Gespenster.
Und diese "Gespenster" beschreibt Petzold in seinem neuen Film: Drei Frauen ohne Hoffnung und ohne Halt. Zum einen Nina, die ihr Leben nicht erträgt, dann Toni, die nur für den Moment lebt, und zuletzt Marie, die einer Verlorenen nachtrauert. Sie sind ohne emotionale Heimat und keine soziale Definition würde auf sie zutreffen. Sie haben weder einen Ort noch einen Menschen zu dem sie gehören. Da sie keine Hoffnungen auf die Zukunft setzen, vertrauen sie blind auf das, was gerade kommt.

So geisterhaft, wie die Figuren gezeigt werden, verläuft auch ihr Umgang. Nina und Toni besprechen keine Pläne oder reden über ihre Gefühle, sie schauen sich nur an und wissen, was sie tun werden. Nina bewundert, dass Toni frei von Zwängen ist und jeden Tag neue Dinge erlebt. Bereitwillig, aber trotzdem voller Angst und Zweifel, lässt sie sich auf sie ein. Die plötzliche entstehende, intensive Beziehung zwischen Nina und Toni ist der Versuch von beiden, das Vertrauen und die Intimität zu bekommen, die sie so ungern hergeben. Ihre Unnahbarkeit schlägt von einer Sekunde zur anderen in Sehnsucht und Nähe um, aber der Moment verflüchtigt sich so schnell, wie er gekommen ist.

Während des ganzen Filmes ist die Kamera lediglich der Beobachter, der weit weg zu stehen scheint, und dabei den Charakteren umso näher kommt. So kann der Zuschauer selbst entscheiden, auf welche Figur er sich einlässt, wem er vertrauen würde und wessen Gefühle er am besten teilt. Diese Freiheit für das Publikum gibt ihm die Chance, sich voll in die Figuren zu vertiefen. Und da sich die Handlung erst allmählich aufbaut, merkt man gar nicht, wie man im Strudel mitgerissen und für den Film eingespannt wird.
Das lässt man deshalb so gerne mit sich machen, weil die Darsteller einfach toll sind: Intensiv, glaubhaft und trotzdem überraschend. Dank der vielen starken Momente geht einem die Geschichte ganz nahe. Da während der ganzen Zeit die Hoffnungslosigkeit im Raum steht und man sich des seelischen Abgrunds, an dem sich die Figuren bewegen, stets bewusst ist, ist der Film traurig und macht am Ende ziemlich kleinlaut.
Aber "Gespenster" ist nicht nur ein beklemmendes Sozialdrama, sondern er beschreibt auch ganz allgemein die Suche und die Sehnsucht nach Halt, die jedem von uns tief in der Seele steckt. Und deshalb ist "Gespenster" vor allem packendes Gefühlskino, das einen nicht loslässt und bis zur letzten Minute berührt.

Sandra Hertel

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