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Gainsbourg - Der Mann, der die Frauen liebte

Gainsbourg - Der Mann, der die Frauen liebte
biografie , frankreich 2010
original
gainsbourg - vie heroique
regie
joann sfar
drehbuch
joann sfar
cast
yolande moreau,
eric elmosnino,
laetitia casta,
lucy gordon, u.a.
spielzeit
130 Minuten
kinostart
14. Oktober 2010
homepage
http://www.gainsbourg-derfilm.de
bewertung

8 von 10 Augen

Er war Charmeur, Womanizer, Lebemann, Komponist, Schauspieler und Genie - Serge Gainsbourg. Selbst fast 20 Jahre nach seinem Tod wird der wohl bekannteste französische Chansonnier weit über die Grenzen Frankreichs hinaus verehrt. Es war daher nur eine Frage der Zeit, bis das turbulente und aufregende Leben dieser Ikone auf die Leinwand gebannt werden würde. Umso verwunderlicher ist es, dass man dieses Projekt den Filmneuling Joann Sfar anvertraut hat. Sfar hat sich bisher einen Namen als Comiczeichner gemacht und sein Regiedebüt basiert auch auf einem seiner Comics.

Chronologisch, aber in feinen Ellipsen erzählt der Regisseur vom Leben und Werk von Serge Gainsbourg, der eigentlich als Luis Ginsburg als Kind jüdischer Eltern im Vorkriegsfrankreich aufwächst. Sein Vater - ein Pianist - quält den kleinen Burschen mit klassischer Musik und korrekten Anschlägen. Doch Gainsbourg verschreibt sich dem Songschreiben und dem Chanson, was ihn postwendend berühmt macht. Der schnelle Ruhm steigt ihm allerdings zu Kopf, er trennt sich von seiner ersten Frau und lebt nur noch mit den Reichen und Schönen. Seine Affären und Beziehungen mit Brigitte Bardot oder Jane Birkin waren in aller Munde und dennoch bleibt der Mann, der die Frauen liebte - wie es der deutsche Untertitel vollmundig behauptet - immer ein Getriebener.

Joann Sfar versucht sich in seinem Film möglichst weit von den schematischen Biopic-Strukturen zu lösen. Er beugt sich nicht dem Diktat der Faktentreue. Ihn interessieren viel mehr die Legenden und Mythen, die Gainsbourgs Leben prägten, und die vielen Wandlungen, die er als weltbekannter Provokateur in seinem Leben durchlief. Damit bewegt sich Sfars hervorragende Inszenierung auf einer Ebene mit Todd Haynes Bob-Dylan-Biopic "I'm not there". Am stärksten äußert sich dies in den Jugendepisoden Gainsbourgs, in denen Sfar auf die geniale Idee kommt, die Figur La Gueule zu entwickeln. La Gueule - zu deutsch: Die Fresse - ist eine Art imaginäres Alter Ego, das mit Gainsbourg altert und ihn immer wieder in Momenten größten Zwiespalts heimsucht und seine Gewissensbisse mit ihm diskutiert. La Gueule wird im Film als grotesk-überzeichnete Kostümfigur dargestellt, an der man die Comic-Herkunft dieses Werks am deutlichsten spürt - neben dem fantastischen Vorspann.
Ansonsten besticht "Gainsbourg" mit der detailgetreuen Ausstattung, die sich die jeweiligen Moden und Trends der einzelnen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts geschickt einverleibt, und - natürlich - dem Darstellerensemble. Angefangen beim Hauptdarsteller Eric Elmosnino, der dem echten Serge Gainsbourg schockierend ähnlich sieht, über die wundervolle Laetitia Casta, die als Brigitte Bardot manchmal überzeugender ist als die Bardot selbst, bis hin in die kleinen Nebenrollen, in denen unter anderem auch Yolande Moreau zu sehen ist. An dieser Stelle sei insbesondere Claude Chabrol hervorgehoben, der hier einen kleinen Auftritt als Musikproduzent hat, der den Skandalsong "Je t'aime" auf den Markt bringt. Der erst kürzlich verstorbene Regisseur und Mitbegründer der Nouvelle Vague, spielt sich dann doch irgendwie auch selber als ihm bei den ersten Zeilen des Songs die Zigarre aus dem Mundwinkel fällt.

"Gainsbourg" ist ein sehr überzeugender und sehr schöner Spielfilm geworden, der es immer wieder schafft, den Geist von Serge Gainsbourg lebendig werden zu lassen. Allerdings hätte man sich gewünscht etwas mehr über die innere Zerrissenheit dieser Legende zu erfahren. Genau in diesen Momenten wird der Film etwas undurchsichtig und flüchtet sich in bekannte Genremuster, die er sonst meist glücklich umschiffen kann. Ist mit La Gueule vielleicht Gainsbourgs jüdische Herkunft visualisiert? Die Herkunft, die der Singer-Songwriter so selten wie möglich erwähnte? Dieses Schweben im Ungefähren bildet den größten, aber auch einzigen Schwachpunkt des Films. Im Ganzen beweist Joann Sfar, dass man Biopics grundsätzlich anders angehen sollte, als es Hollywood meistens tut. Erst wenn der Fokus von den Tatsachen auf die Widersprüche einer Person gelegt wird, kann man sich ihr wirklich nähern.

Patrick Wellinski

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