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Frozen Angels

Frozen Angels
dokumentation , deutschland/usa 2005
original
frozen angels
regie
frauke sandig, eric black
drehbuch
frauke sandig, eric black
cast
bill handel,
lori andrews,
kim brewer, u.a.
spielzeit
90 Minuten
kinostart
20. Oktober 2005
homepage
bewertung

6 von 10 Augen

Schauplatz Los Angeles, Traumfabrik Hollywood. Synonym für Oberflächlichkeit und Arroganz. Das Streben nach Perfektion als Lebensphilosophie. Hier boomt der Handel mit ungeborenem menschlichem Leben. Reiche Ehepaare, die auf natürlichem Wege keine Kinder zeugen können, kaufen für viel Geld Eizellen oder Sperma aus dem Katalog. Die Spender sollen dabei natürlich intelligent, künstlerisch begabt, sportlich und - vor allen Dingen - wunderschön sein. Die designierten Eltern wollen meist nur Eizellen von blonden und blauäugigen Frauen. Hier in Deutschland gab es auch einmal eine Zeit, in der ebendiese Merkmale sehr gefragt waren. Wozu das später führte, ist bekannt….
Professionelle Leihmütter lassen sich befruchtete Eizellen einpflanzen und verhelfen so kinderlosen Ehepaaren zum lange ersehnten Nachwuchs. Weil Kinder doch das Schönste auf der Welt sind. Sollen aus diesem Grund die eigenen Kinder vielleicht die allerschönsten auf der Welt werden? Eine Vorstellung, die heute aus medizinischer Sicht noch nicht durchführbar ist, könnte in der nahen Zukunft Wirklichkeit werden: Babys, die von Gentechnikern nach den persönlichen Wünschen der Eltern hergestellt werden. Mädchen, schwarze Haare, braune Augen, IQ von 90-60-90. Mit oder ohne Scharf?

Frauke Sandig und Eric Black, die schon die Zoni-Dokumentation "Nach dem Fall" zusammen drehten, nähern sich in ihrem neuen Werk "Frozen Angels" diesen Themen unvoreingenommen auf der ethischen und moralischen, nicht aber auf der wissenschaftlichen Ebene. Sie fragen nicht nach dem Wie, sondern vielmehr nach dem Warum und dem Sollte man überhaupt. Ein kompetentes Filmteam auf der Suche nach den Risiken und Nebenwirkungen der zunehmend fortschreitenden Gentechnik.
Dabei begleiten und portraitieren sie Menschen, deren paradoxe Charaktere Psychologen Freudentränen in die Augen schießen lassen würden, wenn sie mit einigen von ihnen arbeiten dürften. Eine dieser Personen ist Bill Handel, seines Zeichens Radiomoderator und gleichzeitig Gründer der weltweit größten Agentur für Leihmütter und Eizellen-Spenderinnen, deren Arbeit er in seinen Sendungen ausgiebig zu propagieren versteht. Er ist gewissermaßen der Hauptdarsteller dieser Dokumentation, ein wegen seiner öfters zur Schau gestellten Doppelmoral und fragwürdigen Ansichten eher unsympathischer Zeitgenosse. In Brasilien geboren und dann in die Vereinigten Staaten ausgewandert, kann er nun die illegalen Einwanderer aus Südamerika nicht ausstehen. Bei seinem Sender KFI ist er aufgrund seiner Herkunft der selbstbezeichnete "Quoten-Latino", der sich diebisch freut, dass nun wegen ihm keine anderen "Hispanics" dort einen Job bekommen.
Sein Radiointerview mit Lori Andrews, einer Anwältin, die sich auf das Gebiet der Gentechnik spezialisiert hat, nimmt einen großen Teil der Dokumentation ein. Die Dame hat allerdings auch einiges Interessantes zu berichten. So erzählt sie beispielsweise, dass es mittlerweile möglich ist, sich einzelne Gene patentieren zu lassen. Es gibt in den USA eine Firma, die das Patent auf ein spezielles Brustkrebsgen besitzt - und jeder Arzt, der eine Frau darauf untersuchen will, muss dieser Firma die stattliche Summe von 2500 Dollar zahlen. Amerika, das Land der unbegrenzten Dummheiten.

Ob von den Verfassern geplant oder nicht - "Frozen Angels" deckt neben dieser (unfassbaren) Geldgier noch weitere Dinge auf, die schon immer an den Amerikanern kritisiert wurden. Zum Beispiel die Scheinheiligkeit, die vielen Menschen entgegengebracht wird. In den Agenturen für Eizellenspenden wird Frauen von zweifelhafter Schönheit eingeredet, sie seien ziemlich hübsch und gefragt, während ihre Eizellen später natürlich nur bei den allerallerbesten zukünftigen Eltern landen werden. Das wird wirklich jeder Spenderin versichert. Eine von ihnen, zufälligerweise eines der begehrten Blondchen, sieht sich übrigens allen Ernstes als ein Engel, der anderen hilflosen Menschen Kinder schenkt. Willkommen im wirklichen Leben.
Kim Brewer, Frau eines Soldaten, Mutter eines Sohnes, trägt für das Ehepaar Jurewicz ein Baby aus. Natürlich nicht nur wegen dem Geld, sondern weil es ein tolles Gefühl vermittelt, anderen Menschen auf diese Weise zu helfen. Sie behauptet, nicht an den Babys zu hängen, die sie als Leihmutter gebärt, hat gleichzeitig aber Angst, in ein paar Jahren von diesen Kindern aufgespürt und nach dem Grund ihres Handelns gefragt zu werden. Nach der Geburt erkundigt sie sich besorgt bei der neuen Mutter, ob diese denn das Baby auch mag. Möglicherweise kann man es ja noch mal für eine Weile zurückschieben, vielleicht ist's ja noch nicht richtig durch… oder, Frau Brewer?
Konträr zu diesen absonderlichen Figuren steht ein junger Mann, dessen Mutter von einer Samenbank (im Film auch "Masturbatorium" genannt) befruchtet wurde, für die nur Nobelpreisträger als Spender zugelassen worden sind. Sein "Vater" hat einen IQ von 180. Dies hätte nicht automatisch auch auf ihn zutreffen müssen, tat es aber. Also wurde er in den Talkshows herumgereicht, durfte Intelligenztests machen und als Aushängeschild die hervorragenden Leistungen der Samenbank repräsentieren. Doch eigentlich bildet er sich nichts auf seine Intelligenz ein und spielt lieber Sitar anstatt sich mit Atomphysik oder Biochemie zu beschäftigen. Auf dem Weg zum Strandyoga läuft er an den muskelbepackten Bodybuildern von Venice Beach vorbei. Und muss grinsen. Weil ihm - auch wenn er es nie offen zur Schau stellt - tief in seinem Innern bewusst ist, dass er - im Gegensatz zu ihnen - trotz seiner Makel etwas Besonderes ist.

"Frozen Angels" ist sehr schön gefilmt und behandelt ein an sich sehr interessantes Thema, schafft es aber nicht, auch neue Einsichten zu präsentieren. Was allerdings viel wichtiger ist: Er kann zwischen Kinobesuch und Gang zur Kneipe durchaus zum Nachdenken anregen. Dafür muss er natürlich erst einmal gesehen werden. Und hier liegt das Problem. Eine Dokumentation wie diese ist kein Film für die Lichtspielhäuser. Kaum ein Zuschauer ist bereit, sein sauer verdientes Geld für einen Film vom Typ Arte-Reportage auszugeben, wenn er gleichzeitig die Chance hat, sich von Effekthaschereien berieseln zu lassen. Im Fernsehen wäre "Frozen Angels" daher wohl besser aufgehoben.
Aber auch in den Schulen dieses Landes könnte dieses Werk künftig zu sehen sein. Biologie, Ethik, Religion - all diese Fächer beschäftigen sich zu einem gewissen Zeitpunkt mit der Problematik. Lehrer in ganz Deutschland schreien begeistert auf, denn sie haben nun wieder neue Materialien für ihren Unterricht zum leidlichen Lehrplanthema "Gentechnik - Moralisch vertretbar, Ja oder Nein?".

Wer mit dem Gedanken spielt, ein Kind auf semi-natürliche Weise zu bekommen, für den ist "Frozen Angels" jedenfalls Pflichtprogramm, er oder sie wird es nicht bereuen. Alle Anderen sollten einfach bis nächstes Jahr warten. Irgendwann im Winter, Sonntag Abend, 22:15 im ZDF.

Jan Kucharzewski

10

Phantastischer Film!

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