Es gibt sie noch. Wirklich ergreifende Liebesgeschichten
im deutschen Film. Ernsthaft, tiefgründig, echt, und vor
allem ehrlich. Jahrelang haben ewig gleiche Beziehungskomödchen
und möchtegern-emanzipierte Machwerke á la Hera
Lind oder Katja von Garnier zwischen Klischee und Selbstverliebtheit
den Gefühlskanal hierzulande verstopft, bis bald gar nichts
mehr durchkam. Doch was Tom Tykwer mit „Der Krieger und die
Kaiserin“ im letzten Sommer wieder frei gespült hat, kann
jetzt wieder in voller Breite genutzt werden. Und wie.
Edward Bergers „Frau2 sucht HappyEnd“ kann man eigentlich nur
eins wirklich zum Vorwurf machen, und das ist sein bescheuerter
Titel. Dahinter verbirgt sich der neueste Beitrag zum Thema
„Ich finde meine Liebe übers
Internet“,
hat aber weit mehr Klasse als die unerträglichen RTL-Filme,
die bei solch einem Grundkonzept zu befürchten stehen.
Die sich Findenden sind in diesem Falle der Radiomoderator Gregor
(Ben Becker), der seit zwei Jahren seiner Ex (Sabrina Setlur)
hinterher trauert und in seiner nächtlichen Sendung ganz
bös depressive Musik spielt, und die unglücklich in
den Freund ihrer Mitbewohnerin verliebte Mai (Isabella Parkinson),
für die ein ganz bestimmter Song einen besonderen Wert
gewinnt. Weshalb sie ihn sich immer wieder im Chat des Senders
wünscht. Nach einem anfänglichen Mißverständnis
beginnen die beiden im Chat als „Frau2“ und „HappyEnd“ (drum
der Titel) eine langsam aufkeimende Freundschaft, klagen sich
ihr Leid und geben sich gegenseitig Halt.
Was sich zunächst anhört wie eine uninspirierte Variation
von „E-Mail für dich“, während der das Publikum nur
darauf wartet, bis endlich jemand das erste Treffen vorschlägt,
entwickelt sich sehr schnell zu etwas weitaus tieferem, ein
Film der nicht nur was zu erzählen, sondern auch was zu
sagen hat. Getragen wird diese streckenweise wirklich außergewöhnlich
intensive Geschichte über verlorene Liebe und Einsamkeit
in der Großstadt vor allem von den beiden schlichtweg
grandiosen Hauptdarstellern. Die relative Neuentdeckung Isabella
Parkinson spielt Mai in einem kongenialen Schwanken zwischen
Zerbrechlichkeit und „I will survive“-Power, unterstützt
durch einen Satz Augen so tief wie der Ozean. Auf der anderen
Seite des Modems sitzt mit Ben Becker zwar schon fast ein alter
Hase, der hier aber gerade deshalb so saugut aufspielen kann,
weil er sich im Prinzip selbst verkörpert: Als ewig gestriger
Nostalgiker, der Kette rauchend im Dunkeln sitzt und Alltagsweisheiten
von poetischer Wahrhaftigkeit von sich gibt, erinnert er beizeiten
an Rio Reiser in seinen besten Tagen, wenn er nicht gerade als
Becker pur rüber kommt.
Wer
allerdings wegen dem vermarktungstechnisch sehr nützlichen
Leinwanddebüt von Sabrina Setlur ins Kino geht, der sei
vor einer Enttäuschung gewarnt: Zum einen verkörpert
sie eine äußerst erfolgreiche Sängerin (also
im Prinzip sich selbst), zum anderen beschränkt sich ihre
Präsenz auf eine Szene, in der sie kaum mehr als fünf
Sätze sagt. Ansonsten fungiert sie als eine Ikone, deren
gigantische Werbebilder an Wolkenkratzern genauso überlebensgroß-unerreichbar
sind, wie sie selbst in den verklärten Augen Gregors.
Regisseur und Autor Edward Berger gelingt das seltene Kunststück,
eine völlig unprätentiöse Geschichte zu erzählen,
die in nicht selten wunderschön poetischen Bildern doch
immer noch so nahe an der Wirklichkeit ist, daß sie ganz
genau weiß, daß es nach dem Happy End im wahren
Leben weiter geht. Konsequenterweise kriegt der Zuschauer hier
dann auch nicht eine sonnenklare Beziehungskiste aufgetischt,
die sich so einfach auflöst, wie es die zwar schöne,
aber doch wenig versprechende Werbezeile zum Film („Zwei, die
füreinander b
estimmt
sind, finden sich trotzdem.“) vermuten läßt. Die
Beziehung zwischen Gregor und Mai ist in ihrer Entstehung und
Funktion viel zu komplex, um einfach so in fröhliches Heiraten-und-Kinder-kriegen
zu gipfeln. Die beiden sind weniger auf der Suche nach einer
neuen Liebe als auf der Suche nach ein wenig Rückhalt in
einer Welt, von der sie sich aufs Grausamste verarscht fühlen.
Wer hier eigentlich was wirklich sucht und was wirklich bekommt
bleibt bis zum Ende auf herrliche Weise ambivalent, so daß
es dem dankbaren Zuschauer überlassen bleibt, sich nach
dem Abspann seine eigene Geschichte weiterzuspinnen.
Die Darsteller machen eigentlich alles richtig, und auch Regisseur
Berger haut nur ganz geringfügig daneben. Das atmosphärisch
ungemein wirksame Radiostudio inmitten einer riesigen Halle
wirkt zwar toll, kommt in
einem
so auf Realismus bedachten Film aber ein wenig unpassend daher.
Und bei all dem nachvollziehbaren Leiden Gregors wird es irgendwann
dann doch ein bißchen viel, wenn man kurz davor ist, ein
lautes „Junge, hör auf zu heulen und guck endlich mal nach
vorne“ gen Leinwand brüllen will. Ansonsten gilt die Devise:
Besser gut geklaut als schlecht selber gemacht. Ein geschickt
aus „Die fabelhaften Baker Boys“ entliehener Subplot und eine
äußerst gelungene Reminiszenz an die Plastiktüte
des Glücks aus „American Beauty“ zeigen deutlich, daß
Berger genau weiß, was gut ist. Das Schöne daran:
Er weiß es auch umzusetzen.
„Frau2 sucht HappyEnd“ ist ein Film für frisch Verliebte,
weil er in seiner frustrierten Schale einen tief romantischen
Kern trägt. Aber auch gerade die im Film portraitierten
unglücklich Leidenden werden sich hier wohl und geborgen
fühlen. Und die Liebhaber wirklich großartiger Schauspiel-
und Filmkunst sowieso. Denn das ist einer dieser Filme, die
zeigen, daß das deutsche Kino wesentlich besser sein könnte,
als es zur Zeit ist. Wenn man es nur die richtigen Leute machen
lassen würde.
kleine Werbepause
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Frau2 sucht HappyEnd
Bilder: Copyright

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