Das
Bild, welches Ausgangspunkt für die Geschichte von "Flags
Of Our Fathers" ist, kennt wohl jeder. Aus dem Geschichtsbuch,
einer Dokumentation, vielleicht einer Parodie, oder in Form des
Marines-Denkmals in Washington, das schon zahllose Hollywood-Filme
gut ausgeleuchtet ins Bild rückten. Dieses Bild von einem halben
Dutzend US-Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg gemeinsam die US-Flagge
auf der japanischen Insel Iwo Jima aufrichten, ist Legende. Und
genau hier setzt Clint Eastwoods neuer Film mit den Fragen an: Warum
ist dieses Bild so legendär? Was sagte es den Leuten damals,
vielleicht auch den Leuten heute, und wie kam es dazu? Wer sind
diese Soldaten auf dem Bild? Diese spannenden Fragen bilden in etwa
die Leitmotive
für
Eastwoods Kriegsepos, das sich dabei inhaltlich leicht verhebt und
zumindest bei den amerikanischen Kinobesuchern mit seinen gemischten
Botschaften kein Gehör fand (mit dementsprechend enttäuschenden
Einspielergebnissen als Resultat).
Eastwood rückt eben die Männer jenes Platoons in den Mittelpunkt, das damals für das Hissen der "Stars and stripes" auf dem höchsten Berggipfel der japanischen Insel Iwo Jima verantwortlich war, dessen Eroberung ein strategisch höchst bedeutsamer Kriegserfolg war. Als Hauptpersonen kristallisieren sich dabei drei der Soldaten heraus, aus dem logischsten aller Gründe: Sie sind nach Erscheinen des Fotos die einzigen, die das Massaker auf Iwo Jima überlebt haben. Also werden die drei Soldaten Rene Gagnon (Jesse Bradford), John "Doc" Bradley (Ryan Philippe) und Ira Hayes (Adam Beach) zu Propagandazwecken flugs in ein Flugzeug nach Hause gesetzt, um dort Werbung für Kriegsanleihen und die finanzielle Unterstützung des kostenspieligen Krieges zu machen. Aber die Erinnerungen an die Grausamkeiten auf Iwo Jimas Schlachtfeld lassen sich nicht so einfach abschütteln. Und auch der Ruhm als "Kriegsheld" hat seine Schattenseiten.
"Flags
Of Our Fathers" ist kein Meisterwerk geworden, sondern ein
Film mit vielen Fehlern. Aber es ist ein Film geworden, den seine
Fehler ehren und größer statt kleiner machen. Denn Eastwood
will zuviel und macht ungewöhnliche, nicht immer hundertprozentig
gelungene Entscheidungen. Aber sein Wille, irgendwo allen gerecht
zu werden und Kriegsfilm, Zeitdokument, Sozialdrama und Generationenporträt
gleichzeitig abliefern zu wollen, hat auch etwas Rührendes
und lässt Raum für Zwischentöne. Und das letzte Wort
über diesen Film wird man wohl eh erst sprechen können,
wenn man mit dem direkt im Anschluss in japanischer Sprache (!)
gedrehten Begleitfilm "Letters From Iwo Jima", der die
Schlacht aus der Sicht der Japaner zeigt, auch die anderen Teile
des Puzzles bekommen hat.
Da werden dann wohl auch die Japaner besser weg kommen als hier,
wo sie kaum stattfinden und wenn, dann nur negativ. Da dieser Film
konsequent die amerikanische Seite zeigt, sind die wenigen japanischen
Charaktere wie Horrorfilm-Bösewichter - sie springen keuchend
und mit bösen Absichten aus dem Dunkeln auf unsere Helden -
und sterben dann meist eines schnellen Todes. Den Hinterhalt auf
Iwo Jima mit dem Tunnel- und Bunkersystem, aus dem die Japaner den
US-Truppen enorme Verluste abforderten, filmt Eastwood dann auch
wie in einem Horrorfilm, aus der "Täterperspektive",
aus der dann das Publikum quasi mit den Japanern zum Angriff aus
dem Hinterhalt ansetzt. Das ist hier in seiner drastischen Einseitigkeit
tragbar, weil man weiß, dass da noch ein Film kommt, um das
Bild gerade zu rücken. Oder ob sich Eastwood inmitten der "Flags"-Dreharbeiten
zum Nachschlag entschloss, eben weil er merkte, dass dieser Film
für sich genommen perspektivisch doch arg verzerrt daherkommt?
Die
schon angesprochenen Kampfszenen sind dabei sicherlich die eindrucksvollsten
des ganzen Films. In ausgebleichten Farben und teils drastischen
Bildern fangen Eastwood und sein mittlerweile Stammkameramann Tom
Stern das fürchterliche Gemetzel ein wie damals Steven Spielberg
in der Anfangssequenz von "Der Soldat James Ryan". Ein
Schelm wer vermutet, es sei Zufall, dass Spielberg hier als Produzent
in Erscheinung tritt. Auch das Produktionsdesign der übrigens
in Island gefilmten Kampfszenen - wo es aufgrund der vulkanischen
Gesteinsstruktur den für Iwo Jima charakteristischen schwarzen
Sandstrand gibt - gefällt: Man fühlt sich förmlich
wie die Soldaten hier verloren auf diesem öden, aber strategisch
wichtigen Felsbrocken im Meer. Schade daher, dass die Szenen "daheim"
in Amerika da doch ziemlich abfallen.
Allerdings kann man nicht verhehlen, dass sich "Flags Of Our
Fathers" seine Probleme selbst schafft mit einer unnötig
verschachtelten und nicht immer stimmig zusammengefügten Erzählstruktur
sowie Hauptpersonen, denen neben einer einzigen Charakteristik kaum
Tiefe oder wirklicher Hintergrund gestattet wird. So kann man die
drei "Helden von Iwo Jima" schnell auf ihre Positionen
reduzieren: Gagnon ist der ruhmliebende Erhascher des Rampenlichts,
Hayes der schuldbeladene, selbstzerstörerische Traumatisierte
und dazwischen Bradley als anständiger Durchschnittsamerikaner,
der versucht das Beste zu tun. Das sind im Grunde genommen undankbare
Rollen, die auch durch die eher durchschnittlichen Leistungen der
drei Milchgesichter Beach, Philippe und Bradford nicht aufgewertet
werden. Negativ fällt einem höchstens noch auf (auch wenn
das durch die historische Figur nun mal so vorgegeben ist), dass
ausgerechnet Hayes als Trinker das Klischee vom Indianer und seiner
Abhängigkeit vom Feuerwasser wieder beleben muss.
Während
man in den Iwo Jima-Szenen nicht nur die Action auf der Habenseite
hat, sondern auch noch ein halbes Dutzend anderer Charaktere (darunter
eine sehr feine Darstellung von Barry Pepper und ein so gut wie
gar nicht stattfindender Paul Walker), langweilt man sich in den
Szenen in Amerika mit drei wenig bis gar nicht interessanten Figuren
dann doch ein wenig.
Größtes Problem neben den teils recht schwachen Charakterisierungen
bleibt aber die sperrige Erzählstruktur des Films, die mehr
schlecht als Recht die drei dargestellten Zeitebenen (die Schlacht
um Iwo Jima, die Propagandatour danach und die Recherche des als
Charakter fiktionalisierten "Flags Of Our Fathers"-Autors)
verbindet. Übergänge sind nicht flüssig, passen manchmal
kaum zusammen. Dazu kommt dann später eine gewisse Vorhersehbarkeit
(auf der Propagandatour löst irgendein Impuls eine neue Kriegserinnerung
aus und schwupps ist man wieder auf dem Schlachtfeld) und ein zumindest
diskussionswürdiger Wechsel der Erzählperspektive, wenn
auf einmal der die Geschichte seines Vaters und dessen Kameraden
recherchierende Autor zum Erzähler wird, der noch mal schnell
das verbleibende Schicksal der drei Kriegshelden erzählt. Nein,
rund ist das Ganze nicht geworden, aber eben nicht, weil Eastwood
und der mittlerweile überall auftauchende Autor Paul Haggis
nebst Co-Autor William Broyles Jr. faul gewesen wären, sondern
weil sie sich in der Mischung aus allem verheddern.
Der Wunsch und fast auch die Not, sich selbst politisch zu positionieren,
hat für manche Kritiker den Kritikpunkt hervorgebracht, Eastwood
würde es ja gern allen recht machen, indem er gleichzeitig
die Soldaten positiv zeigt und ihre Kameradschaft beschwört,
während er die hohlen Phrasen der Propagandamaschinerie und
die unbarmherzigen, teils brutalen Logiken von Politik und Militär
entlarvt. Das ist natürlich auch in
Hinblick
auf die aktuelle außenpolitische Situation der USA wichtig.
Durch diesen filmischen Spagat kann er gleichzeitig "die Jungs"
moralisch unterstützen und trotzdem die heuchelnde Bush-Administration
zu Hause an den Pranger stellen. Da in dieser Situation diejenigen,
die in Leichensäcken nach Hause geschifft werden, am Wenigsten
für die fatalen Entscheidungen des Präsidenten und seiner
Komplizen können, erscheint das nur logisch und konsequent.
Brisant wird das Ganze allerdings wieder durch die Tatsache, dass
dieser Einsatz im Zweiten Weltkrieg das letzte Mal war, dass man
den USA bei ihrem Einsatz bedingungslos gute und uneigennützige
Absichten unterstellen konnte und der Krieg als der letzte vor allem
moralisch gerechtfertigte Einsatz gilt. Dass Eastwood nun auch hieran
kratzt, auch wenn es "nur" um die Propagandamaschinerie
geht und weniger um Fragen der Notwendigkeit oder Legitimation (die
ja beide da waren), werden ihm Rechtsausleger schwer verzeihen,
gerade weil "Dirty Harry" Eastwood ja jahrelang als einer
der ihren galt. Und wer Eastwood als kalten Krieger in den 1980ern
sah, der in "Firefox" den Russen ihre Militärflugzeuge
stahl und in "Heartbreak Ridge" den gnadenlosen Militärschleifer
gab, dem konnte man dies ja auch kaum verdenken.
Aber aus Eastwood, dem Konservativen, ist ja längst Eastwood,
der Humanist geworden, dessen in die entsprechenden Filme eher eingeschmuggelten
Beiträge zur Todesstrafe ("Ein wahres Verbrechen")
und Sterbehilfe ("Million Dollar
Baby") ihn im Konservativenlager längst isoliert haben.
Und spätestens mit "Erbarmungslos" hatte Eastwood
ja auch die Aufarbeitung der von ihm jahrelang praktizierten Leinwandgewalt
aufgenommen und dieses Motiv in Filmen wie "Mystic
River" weiter verfolgt.
Und so geht der große alte Mann des US-Kinos - nach dem bedauernswerten
Tod von Robert Altman vor kurzem bleiben in diesem Bereich ja nicht
mehr viele - weiter seinen unbequemen Weg durchs edle Alterswerk,
auch wenn "Flags Of Our Fathers" dort wohl den undankbaren
Platz als noblen Fehlschlag einnehmen wird. Denn so richtig überzeugen
kann "Flags Of Our Fathers" trotz interessantem und interessant
umgesetztem Thema und teils toller Inszenierung aufgrund der deutlichen
Schwächen nicht.
Aber vielleicht wird dieser Film auch erst im Zusammenhang mit seinem
Nachfolger seine komplette Wirkung entfalten und einen entsprechenden
Platz in der Eastwood-Filmografie einnehmen. Eines ist jedenfalls
klar: So lange Eastwood weiterhin derart interessante Filme wie
diesen dreht, ist es die Rentnerabteilung Hollywoods, die die Musik
macht. Auch wenn es dann eine eigenwillige Mischung aus Militärfanfare
und Trauermarsch ist.



Ich finde , dass Lee Cooper mit seiner Filmkritik Recht hat und ich kann mich ihm und seiner Meinung nur anschließen! Allerdings finde ich auch, dass dem Film etwas langartmig war.
Clint Eastwood dreht (fast) ein Meisterwerk, das in den USA kaum jemand im Kino sehen wollte. Sehr sehenswert. Den "zweiten Teil" "letters from iwo jima" sollte man sich auch ansehen
bin ich ja froh, daß ich den noch geguckt habe, nachdem mich letter from...doch ziemlich enttäuscht hatte. ich finde das hier ist der bessere von beiden. wenn auch der erzählstil von clint eastwood nicht wirklich mein ding ist. da ist nach meiner meinung einfach zu viel langeweile drinne.
gruß aus b
++
Das den Film in den USA niemand sehen wollte, kann ich sehr gut verstehen...einer der langweiligsten Filme der letzten Monate - aber das ist ja in diesem mehr als bescheidenem Kinojahr nicht verwunderlich
Durchschnitt. Herr Staake hat in seiner Kritik die Dinge, woran's happert, sehr gut erläutert. Der Film läßt einen völlig kalt, genauso wie die Figuren. Der Auftritt von Paul Walker übertrifft an Kürze sogar den von George Clooney in "Der schmale Grat".
Billiger Kriegsfilm mit der Aussage, daß Heldentum ganz was tolles ist. Ich könnte kotzen.
Alles nur Klischees und Wiederholungen.
Ein Kriegsfilm, der kein Antikriegsfilm ist und damit seine Legitimation verliert.
Kommentar hinzufügen