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Fahrenheit 9/11

Fahrenheit 9/11
dokumentation , usa 2004
original
fahrenheit 9/11
regie
michael moore
drehbuch
michael moore
cast
michael moore,
george w. bush,
lila lipscomb,
osama bin laden,
dick cheney,
donald rumsfeld, u.a.
spielzeit
128 Minuten
kinostart
29. Juli 2004
homepage
bewertung

7 von 10 Augen

 

Michael Moore ist neben seinem Gegenspieler George Walker Bush eine der dominanten Figuren der letzten zweieinhalb Jahre. Unermüdlich bestritt der selbsternannte Mann des Volkes seinen Angriffsfeldzug gegen die wohl arroganteste und am dreistesten lügende US-Regierung der Geschichte. Neben viel Verehrung seiner Fans gab es natürlich auch Schelte noch und nöcher. Dabei muss man nicht mal so weit gehen wie Waffennarr, Rechtsausleger und Kommunistenhasser John Milius (seinerseits bekannt für, ähem, intelligentes Politkino wie "Red Dawn"), der Moore ein Arschloch nannte und eine standrechtliche Erschießung forderte (was die Gefühle des Konservativen bzw. rechten Lagers in den USA recht treffend umreißt). Denn bei soviel Medienpräsenz von Moore stellte sich schon bald die Frage: "Darf man Michael Moore überhaupt noch gut finden?". Da wird ihm nun vorgeworfen, dass er mit seinen Filmen und Büchern Geld verdient. Im Musikgeschäft würde man maulen, er sei nicht mehr ‚indie' genug. Von Populismusvorwürfen mal ganz zu schweigen. Wo aber Kritiker ihm Kommerzialität (zu Unrecht, denn Moores genereller Arbeitsstil hat sich nicht geändert, nur finden seine Filme und Bücher jetzt mehr breite Beachtung) und Selbstprofilierung (zu Recht, aber das ist Teil der Kampagne) vorhalten, wird die eigentliche Wichtigkeit des übergewichtigen Baseballkappenträgers gerne vergessen: Michael Moore ist vor allem deswegen nötig, weil er der so gut wie gelähmten politischen Linken in den USA eine Stimme gibt. Deren subtilere oder meinetwegen auch intelligentere Vertreter haben sich weitestgehend resigniert in ihr Schneckenhäuschen verzogen, während Moore richtig Alarm macht. Auch deswegen bleibt er die einzige wirklich laut zu vernehmende Stimme und deswegen ist er so wichtig. Er mag in gewissem Sinne ein notwendiges Übel sein, dabei liegt die Betonung aber nicht auf Übel, sondern eindeutig auf notwendig.
Natürlich ist sein Vorgehen manchmal recht vorhersehbar und platt, natürlich ist das populistisch. Wer aber jetzt hier die Stimme erhebt von wegen Populismus, Simplifizierung komplexer Sachverhalte etc., der möge kurz innehalten und mal darüber nachdenken, wie viel Populismus und einfachste Betrachtungsweisen die amerikanische Propagandamaschinerie uns in den letzten zwei Jahren beschert hat, um den Rest der Welt vom ehrenwerten Vorhaben der Weltpolizei aus Amiland zu überzeugen. Wenn dies die einzige Gegenpropaganda ist, die ähnlich großen Einfluss nimmt wie die gleichgeschalteten US-Medien, dann nur her damit.

Abgesehen von seinem persönlichen Kommentar, der von sauwütend bis sarkastisch reicht, lässt Moore in seinem Anti-Bush-Agitprop-Film "Fahrenheit 9/11" vor allem Bilder sprechen. Bilder, wie sie Fernsehkameras aufzeichnen, bevor sie auf Sendung gehen. Und die zeigen nun einmal besser als jeder Kommentar, was für Herren sich da anmaßen, über Krieg und Frieden zu bestimmen. Unglaublich und eklig, wie Vize-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz seinen Kamm mit Spucke präpariert und schließlich die widerspenstigen Haare mit ein bisschen Rotze in der Hand zu bändigen versucht. Gespenstisch und grotesk, wie Bush wie ein Schmierenkomödiant Sekunden vor der Liveschaltung, in der er den Beginn des Irak-Krieges verkündete, eine ganze Reihe Grimassen und Gesichtsausdrücke ausprobiert. Schlüsselszene aber ist der Mitschnitt von Bushs Reaktion auf die Nachricht, die Twin Towers seien von Flugzeugen getroffen worden. Da saß er am Morgen des 11. September 2001 bei einem medienwirksamen Besuch einer texanischen Grundschulklasse und ließ sich vorlesen, als ihm ein Berater ins Ohr flüsterte: "The nation is under attack". Schock ist verständlich. Auch Momente der Hilflosigkeit, der Fassungslosigkeit. Das sei ihm wie jedem anderen Menschen zugestanden. Dass sich der vorgeblich mächtigste Mann der Welt aber geschlagene sieben Minuten an einem Kinderbuch festhält und darauf wartet, dass ihm irgendwer zur Hilfe kommt, das wirft doch ein treffendes Licht auf Bush junior. Eine - so wird in vielen Momenten dieses Films klar - inartikulierte Marionette ohne eigenes Rückgrat und mit den falschen Freunden, das und nichts weiteres ist der Mann aus Texas.

Wie im Vorgänger "Bowling for Columbine" liefert Moore auch hier ein paar äußerst explosive Thesen, und ähnlich wie dort geht es um Angst als Machtinstrument. Indem die amerikanische Regierung ihrem Volk konstante Gefahr vorgaukelt, die es dringend zu bekämpfen gilt, lenken sie von der schon lange im Hinterkopf gehaltenen Beschneidung der Bürgerrechte und den faktisch falschen Kriegsgründen ab.
Ein Problem von "Fahrenheit 9/11" ist hier in Europa aber sicherlich, dass Moore zu den bereits Bekehrten predigt. Während so manch einem Amerikaner hier die Augen übergehen dürften, erzählt der Film einem Zuschauer hierzulande wenig Neues. Bush ist ein inkompetenter, schon schmerzhaft arroganter Bastard und seine Amtszeit wird eigentlich durch nur eines geprägt: Lügen. Aber das hat wie gesagt jeder halbwegs am Weltgeschehen teilnehmende und politisch mündige Europäer ohne Scheuklappen auch ohne Moores Hilfe rausgefunden. Daher ist "Fahrenheit 9/11" vor allem für das amerikanische Publikum wichtig. Da gilt es nämlich, die entscheidende Überzeugungsarbeit zu leisten, denn das Land ist noch immer politisch fast genau zur Hälfte geteilt. Das herausragende Einspielergebnis lässt da hoffen. Denn wenn durch diesen Film nur ein paar tausend Amerikaner (aber die entscheidenden in den knappen Wahlstaaten) erreicht werden, dann hat "Fahrenheit 9/11" bereits das erreicht, was er erreichen wollte.

Allerdings muss man jenseits der hehren Ziele konstatieren, dass "Fahrenheit 9/11" filmisch nur größtenteils gelungen ist. Ob Moores patentierte Präsentationsform erste Ermüdungserscheinungen zeigt oder die Menschen im Schnittraum keinen richtig guten Tag hatten: Tatsache ist, dass es Moore nicht gelingt, seinem Film einen richtigen Fluss zu geben, so dass es bei der episodischen Form durchaus den einen oder anderen dramaturgischen Hänger gibt. So ist etwa die Episode um den einsamen Strandwächter Oregons witzig und interessant, aber schlecht eingebunden.
Auch wirkt so manches Moore-Typische ein wenig abgenutzt. Als wolle er für die Fülle von (gutem) Archivmaterial kompensieren, startet er in einem Segment der zweiten Filmhälfte eine seiner typischen Guerilla-Attacken, hier auf amerikanische Kongressabgeordnete, die Moore zur Entsendung ihrer Kinder in den Krieg bringen möchte. Diese Aktion ist albern, angestrengt und überflüssig. Durch solche Mängel wird auch klar, dass der Gewinn der Goldenen Palme in Cannes doch eher als politisches Zeichen, denn wirkliche Reflektion über die Filmqualität zu verstehen ist. Was ja, siehe oben, nicht falsch ist und zeigt, dass der diesjährige Jury-Präsident Tarantino und seine Konsorten sehr wohl verstanden haben, wie der Kampf gegen die Regierung zu führen ist.

Der Film hat auch Schwierigkeiten, einen einheitlichen Ton zu halten, wenngleich dies im Ernstfall sogar mehr Stärke als Schwäche ist, denn wer zwei Stunden Bush-Bashing in Reinkultur erwartet, der wird - je nach Disposition - enttäuscht oder positiv überrascht. Klar, im Endeffekt führt Moore alles auf seinen Erzfeind zurück, verzichtet aber auf allzu Plumpes und einen Exklusivfokus auf den oft hilflos wirkenden Möchtegern-Cowboy. Denn nachdem Moore Bush gerade in der ersten halben Stunde gehörig welche mitgibt, wird spätestens mit dem Erreichen des Irakkrieges der Blick von den Verantwortlichen in oberster Position auf die Opfer gelenkt. Die Opfer auf beiden Seiten, wohlgemerkt. Denn - und hier zeigt sich, dass Moore in der Tat ein Patriot ist - es geht ihm gerade um die vielen Amerikaner, die in einem sinnlosen, unnötigen Krieg Leben, Gesundheit und Vertrauen verlieren.
Trotz von der US-Regierung am liebsten zensierten Bildern von zerfetzten irakischen Babies: die traurigsten, deprimierendsten Bilder sind die Milchgesichter der amerikanischen Kindersoldaten. Jene unbedarfte Burschen, die sich mit Rockmusik aufpuschen und zu den Klängen von "Fire Water Burn" der Bloodhound Gang irakische Wohnviertel in Schutt und Asche legen. Hiernach wird man das zentrale "Burn, Motherfucker, Burn!" kaum noch ohne Schaudern mitgröhlen können. Und vor allem jene Burschen, die sich verwirrt fragen, warum die irakische Bevölkerung ihnen mit Hass begegnet. Wem es an grundlegender Bildung mangelt und wer vom Vaterland von vorn bis hinten belogen wird, dem kann da nur das Verständnis und die Distanz fehlen. Dass gerade das Fußvolk, die Soldaten, die im Krieg verwundet und verletzt werden, die größten Opfer der Lügen von Bush & Co. sind, ist eine der zentralen Aussagen dieses Films. Und so erweist sich Moore doch als der Vertreter des kleinen Mannes, der nicht akzeptiert, das Machtstreben und Profitgier einiger stupid white men in führenden Positionen das Leben tausender Unschuldiger zerstört.
Bezeichnend ist in dieser Hinsicht auch das Rekrutieren von weiterem Kanonenfutter, welches Moore aufzeigt: Gezielt werden junge Menschen aus sozial schwachen Schichten und in Gebieten mit zerstörter Industriestruktur ausgesucht und gelockt. Oft ist für diese die Armee die einzige Möglichkeit, überhaupt eine Arbeit zu finden. Und so schneidet Moore tiefer als reine Polemik gegenüber dem dummen Präsidenten es tun würde, indem er die strukturellen Probleme des Ganzen umreißt (und indirekt eine mögliche Erklärung für die Folterskandale liefert, denn wer selbst zu den Getretenen gehört, dem fällt es in neuer Machtposition leichter, selbst zuzutreten). In der Heimat der (Un-)Mutigen und (Un-)Freien ist eben doch nicht jedermann gleich, wie es die Verfassung trompetet. Während Privilegierte Machtspiele spielen, werden die Ärmsten an die Front geschickt, um in diesen blutigen Spielen reihenweise Gesundheit, Leben oder Würde zu verlieren. Keine neue Erkenntnis, aber selten so deutlich vorgeführt wie hier.

Insgesamt ist "Fahrenheit 9/11" trotz hemmungslos subjektiver Sichtweise ein erstaunlich ausgeglichener Film, der nicht nur stumpf auf Bush einkloppt, sondern viele Themen und Standpunkte streift. Beizeiten wird es gar ein bisschen viel, was das manchmal etwas rastlose Hin-und-Herspringen erklärt. Für einige Sachen wäre trotzdem noch Raum gewesen. Die wahre Achse des Bösen, die Kriegstreiber hinter Bush (Cheney, Wolfowitz, Rumsfeld), hätte man vielleicht noch etwas mehr beleuchten können.
Sei es drum. Ein wie Moore äußerst laut die Stimme erhebender Aktivist, Countrymusik-Outlaw Steve Earle, erklärte vor noch nicht allzu langer Zeit: "Es kann niemals unpatriotisch sein, in einer Demokratie zu hinterfragen, was sein Land tut." Da hat er Recht, und deswegen ist auch "Fahrenheit 9/11" ein wichtiger, richtiger Film mit kleinen Schwächen. Das Schlusswort überlässt Moore Neil Young und seiner Gitarre: "Keep on rockin' in the free world". Möge es so geschehen.

Simon Staake

"Bush ist ein inkompetenter, schon schmerzhaft arroganter Bastard"

Gehts auch sachlich, bitte... =(

"lorelai schrieb:

ich fand ihn manchmal zu schnell und kompliziert!"

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lol, ja das leben ist manchmal schon echt ne wirre kiste

8

es ist doch interessantwie mit geld" demokratie" gemacht wird

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