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Ein ganz gewöhnlicher Jude

Ein ganz gewöhnlicher Jude
drama , deutschland 2005
original
regie
oliver hirschbiegel
drehbuch
charles lewinsky
cast
ben becker,
siegfried w. kernen,
samuel finzi, u.a.
spielzeit
90 Minuten
kinostart
19. Januar 2006
homepage
bewertung

8 von 10 Augen

Oliver Hirschbiegel ist ein Filmemacher, der sich Respekt und Anerkennung wirklich verdient hat. Bekannt geworden mit diversen preisgekrönten TV-Filmen, darunter das grandiose Zwei-Personen-Kammerspiel "Das Urteil", inszenierte er anschließend mit "Das Experiment" und "Der Untergang" zwei der besten und wichtigsten deutschen Filme im neuen Jahrtausend. Nun hat er gerade "The Visiting" (ein Remake des SciFi-Klassikers "Invasion of the Body Snatchers") mit Nicole Kidman abgedreht, was ihn zum zweiten erfolgreichen Regie-Export von Deutschland nach Hollywood binnen wenigen Monaten macht (nach Robert Schwentke, "Flight Plan"). Doch zwischen seinen immer größer werdenden Mainstream-Produktionen gönnt sich Hirschbiegel auch immer wieder eine Atempause, die ihn zurück zum überschaubaren Rahmen des TV-Kammerspiels führt. Das Endergebnis ist dann für gewöhnlich so gut, dass sich sogar noch ein Kino-Verleih dafür findet. Das war schon bei der Hannelore-Elsner-Soloshow "Mein letzter Film" so, und das trifft auch auf Hirschbiegels neuestes Werk mit Ben Becker in der (fast) einzigen Rolle zu.

"Ein ganz gewöhnlicher Jude" ist die Adaption eines Romans von Charles Lewinsky (auch wenn der Monolog des Protagonisten, der im Prinzip die gesamte Handlung füllt, sehr wie ein Theaterstück anmutet) und handelt von dem Journalisten Emanuel Goldfarb, der von einem Mitglied seiner Gemeinde darum gebeten wird, die Einladung eines Lehrers anzunehmen und vor einer Schulklasse über sein Leben als Jude in Deutschland zu sprechen. Emanuel lehnt zunächst kategorisch ab. Er will sich nicht mit dem Thema auseinander setzen, möchte nicht in der Öffentlichkeit als "der Jude" da stehen, gebranntmarkt mit allen verschämten Vorurteilen, betrachtet mit einem ewigen Blick peinlicher Berührtheit. Der titelgebende "ganz gewöhnliche Jude" möchte Emanuel sein, ein Mensch wie jeder andere auf der Straße, dessen Religionszugehörigkeit als genauso wichtig und bedeutungsvoll betrachtet wird wie die vom Gemüseverkäufer - nämlich gar nicht. Warum das in Deutschland auch heutzutage einfach nicht möglich ist, und warum er deshalb nicht in seinen Unterricht kommen wird, das will Emanuel dem Lehrer in einem Brief schreiben - doch der Schreibprozess bewegt sich unweigerlich vom Allgemeinen ins Persönliche, und bald analysiert Emanuel nicht mehr "nur" die generelle Situation als Jude in Deutschland, sondern auch seine ganz eigene Geschichte.

Dieser Aufbruch ins Persönliche markiert ziemlich genau die Halbzeit von "Ein ganz gewöhnlicher Jude" und ist ein gutes Beispiel dafür, wie hervorragend Hirschbiegel sein erzählerisches Handwerk versteht. So interessant und einsichtsvoll Emanuels Ausführungen in der ersten Filmhälfte sind - betreffen sie einen doch auch ganz direkt, schließlich redet er über das leider ziemlich allgemeingültige, typische Verhaltensmuster der wohlmeinenden, aber berührungsängstlichen Bevölkerungsmehrheit in Deutschland - ab einem gewissen Punkt beginnt sich der Zuschauer nach einer Wendung zu sehnen. Dass diese fast gleichzeitig mit dem ersten leisen Gedanken, mal auf die Uhr zu schauen, kommt, zeugt von Hirschbiegels großartigem Talent für Timing und Tempo.
Fast 90 Minuten mit einer konstant redenden Person in einer Wohnung - das dieses Szenario für viele potentielle Zuschauer erstmal abschreckend klingt, ist verständlich. Aber genau hier liegt ja auch die Herausforderung für den Regisseur einer solchen Vorlage: Das Buch als Film funktionieren und auch die Bilder ihren Teil erzählen zu lassen. Gerade in dieser Hinsicht erweist sich "Ein ganz gewöhnlicher Jude" als heimliches Meisterstück, denn wie Hirschbiegel mit elegant eingeflochtenen Ortswechseln innerhalb der Wohnung immer wieder neue Situationen schafft, so dem Film die drohende Stasis nimmt und dabei zusätzlich über die Gestaltung der Kulisse den Hintergrund und die Persönlichkeit der Hauptfigur ausschmückt, das grenzt in seiner einfachen Brillanz manchmal fast an Genie. Wer gedacht hat, dieser Stoff würde besser in ein Theaterstück passen, wird von Hirschbiegel und seinen Szenenbildnern eines Besseren belehrt: Soviel Dynamik und Detailtiefe in der Ausstattung könnte eine Theaterinszenierung niemals erreichen.

Die großartige Leistung von Oliver Hirschbiegel versteckt sich in den Details der Inszenierung, die von Ben Becker ist offensichtlich: nicht viele Darsteller in Deutschland könnten diese Rolle überzeugend meistern, und Becker gelingt es mit Bravour. Auch wenn seine Vorstellung in den ersten Szenen noch etwas steif erscheint, spielt er sich im weiteren Verlauf regelrecht heiß, und kann ein paar wirklich große Momente abliefern: Als Emanuel in seiner schwungvollen Litanei ganz unerwartet auf das Schicksal seiner Eltern und damit auf den Holocaust kommt, hält er plötzlich inne und realisiert, welche gedankliche Tür er gerade geöffnet hat. Wie es Becker im Folgenden mit zitterndem Schweigen schafft, den inneren Kampf Emanuels gegen die wieder an die Oberfläche drängenden Geister der Vergangenheit darzustellen, ist von der schauspielerischen Leistung her atemberaubend.
Halten sich die Schauspielleistungen von Becker hier und Elsner in "Mein letzter Film" ungefähr die Waage, hat im direkten Vergleich der Filme "Ein ganz gewöhnlicher Jude" trotzdem deutlich die Nase vorn, weil er das weitaus faszinierendere Thema zu bieten hat. Charles Lewinskys Buch ist eine verdammt starke Vorlage, und auch wenn sich Emanuels Ansichten nicht als Allgemeinplatz für die Befindlichkeit der Juden in Deutschland nehmen lassen (auch dagegen wehrt er sich schließlich die ganze Zeit), so gelingt es dennoch, den Zuschauern zu vermitteln, wie es ist, Emanuel Goldfarb zu sein - und damit eben doch auch, was es bedeutet, ein Jude in Deutschland zu sein. Tief ins Mark der Wahrheit treffende Sätze wie "Auschwitz werden die Deutschen den Juden nie verzeihen" sind wertvolle Denkanstöße, um über unser gesamtgesellschaftliches als auch ganz persönliches Verhältnis zum Judentum nachzudenken, und untermauern immer wieder beeindruckend, wie präzise es Lewinsky gelungen ist, dieses komplizierte Verhältnis und seinen Auswirkungen auf die Betroffenen einzufangen.

Natürlich wird "Ein ganz gewöhnlicher Jude" aufgrund seines Sujets und seiner minimalistischen Produktion eine Randerscheinung im deutschen Kino bleiben, aber wer sich für großartiges Schauspiel, hervorragende Regie und das in all seiner Komplexität meisterhaft abgehandelte Thema interessiert, findet hier einen Film, der sich Beachtung und Bewunderung redlich verdient hat.

Frank-Michael Helmke

10

Excellent. Längst fällig.

9

Eine mitreissende Eloquenz. Sprachliche Volten, die faszinieren. Nuanciert von Ben Becker "vorgetragen". Es bleibt die Neugier, ob der Monolog wirklich den Lehrer erreicht hat; wie Goldfarb sich beim Schulbesuch dann wirklich gegeben hat. Der Film könnte hier weitergehen - dann aber wäre die Brillanz des Monologs und der Spannungsbogen zerstört. Es ist gut, dass der Film hier endet, hinterlässt den Zuschauer aber mit viel Neugier.

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