Manchmal dauert es länger bis ein Film seinen langen Weg aus
den Staaten nach Deutschland findet. Handelt es sich noch dazu um
einen "kleineren" oder Independent-Film, der nicht von
einem der großen Studios produziert wurde, sind die Aussichten
auf einen Deutschlandstart bereits gering. Das deutsche Publikum
wird von den Verleihern als zu "konservativ" bewertet,
so dass nur Filme mit groß klingenden Namen einen entsprechend
großen Release bekommen. Beruhigend, dass es trotzdem immer
wieder rühmliche Ausnahmen gibt, die sich zumindest einen kleinen
Start erkämpfen, auch wenn es manchmal lange dauert. So wie
"Echte Frauen haben Kurven" der Regisseurin Patricia Cardoso,
der schon vor zwei Jahren auf dem Sundance-Festival reüssierte
und dort nicht nur den Publikumspreis, sondern auch den Spezialpreis
der Jury erhielt.
Große
Namen gibt es auch hier keine. Die weibliche Hauptrolle spielt America
Ferrera als pubertierende Ana, die im hispanischen Viertel von Los
Angeles aufwächst. Nicht nur, dass sie ein paar Kilo zu viel
auf den Rippen hat, und sich dadurch ständigen Triaden ihrer
Mutter ausgesetzt sieht, sie hat auch sonst mit den antiquierten
Vorstellungen ihrer Eltern zu kämpfen: Ana, die erfolgreich
die Beverly-Hills Highschool besucht hat, möchte sich gern
auf ein Stipendium an der Columbia-Universität bewerben, was
ihr aber von den Eltern verwehrt wird. Sie sehen sie viel mehr als
angehende Schneiderin im Betrieb ihrer Schwester Estella (Ingrid
Olin). So muss Ana gegen ihren Willen diese Arbeit annehmen und
sich gegen klassische Rollenbilder sowohl in ihrer Familie als auch
in der amerikanischen Gesellschaft zu Wehr setzen.
Es ist die klassische "Coming-of-age"-Geschichte, die
Patricia Cardoso uns erzählt. Ana hat mit allen Problemen des
Erwachsen-Werdens zu kämpfen: Erste Liebe - hier in Form von
Jimmy (Brian Sites), einem Sohn aus wohlhabenden Hause -, Konflikte
mit den Eltern und die Erkenntnis, was wirklich wichtig im Leben
ist. Womit also hebt sich dieser Film so wohlwollend von anderen
ab?
Es ist die Tatsache, dass man den Eindruck hat, dass man "wirklichen"
Menschen zuschaut, so abgedroschen dieses Argument klingt. Es sind
nicht die typischen gut aussehenden, durchgestylten Teenager aus
amerikanischen Filmen, mit all ihrer Schönheit, Coolness, und
trendigen Kleidungsstücken, die diesen Film bevölkern.
America Ferrera ist füllig, und fast jede weibliche Schauspielerin
entspricht hier ebenfalls nicht den gängigen Schönheitsidealen.
Sie sind zu dünn, zu dick, zu alt, zu unsexy. Und doch sind
sie mit ihrem Äußeren zufrieden. Auch wenn sie mit den
Vorurteilen von Leuten wie Anas Mutter konfrontiert werden. Und
das sind mitunter die besten Szenen.
So
reißen sich Ana und die anderen Schneiderinnen in einer Szene
aufgrund der Hitze die Kleider vom Leib - zum Entsetzen von Anas
Mutter - und sprechen ganz offen über ihre körperlichen
Mängel. Das ist nicht nur wirklich komisch, sondern auch so
unbefangen inszeniert, dass man als Zuschauer gar nicht mitbekommt,
dass es sich wahrscheinlich um die erste Szene solcher Art handelt,
die man im Kino gesehen hat.
Dennoch werden auch die bitteren Seiten thematisiert. Wenn sich
Ana und Jimmy zu einem Rendezvous treffen, dann tun sie das heimlich,
weil weder Anas noch seine Familie den anderen akzeptieren würden.
So muss Ana sich gegenüber ihrer Mutter den Anschein einer
echten "Latina" geben, was so viel bedeutet, dass sie
so schnell wie möglich einen Mann findet, und in ihrer Rolle
als Hausfrau und Mutter aufgeht. Auch Anas Argumente für ein
selbst bestimmtes Leben können da kaum fruchten. Wie überzeugend
dabei Lupe Ontiveros Anas Mutter Carmen gibt, spricht für die
Qualität des Filmes. Denn zu keiner Sekunde wird die Mutter
- wie sonst in ähnlichen Filmen - dämonisiert, sondern
man kann erahnen, wie sehr sie selbst von diesem Bild geprägt
wurde: Sie will nur das Beste für ihre Kinder, und das ist
in ihren Augen nun einmal dieses Rollenmodell.
Und auch die Beziehung zwischen Ana und Jimmy selbst kommt nicht
ohne einen Tropfen Wermut aus. Als Jimmy Ana beichtet, dass er Los
Angeles verlassen wird, um zu studieren, ihr aber immer schreiben
wird, erwidert Ana einfach nur: "Machen wir uns nichts vor,
Du wirst ein anderes schlankeres Mädchen finden!" Diese
offene Ehrlichkeit macht den Charme dieses Filmes und seiner Hauptfigur
aus.
Männer
spielen in diesem Film nur eine untergeordnete Rolle. Der Vater
von Ana (Jorge Cervera jr.) gibt den treuguten Patriarchen, der
von seiner Frau dominiert wird, zum Schluss aber noch einmal auftrumpfen
kann. Auch Anas Bruder und ihr Freund sind nicht mehr als Stichwortgeber,
um oben genannte Probleme deutlich zu machen. Das schadet dem Film
aber nicht, da ja auch der Titel bereits klarmacht, dass sich dieser
Film mit den Problemen von Frauen auseinandersetzt.
Der einzige Wehmutstropfen sind die vielen angerissenen und nicht
zu Ende geführten Handlungspunkte: So soll Ana für ihre
Bewerbung zur Columbia-Universität eine persönliche Stellungnahme
schreiben, womit sie sich schwer tut. Wie sich dieser Spannungspunkt
auflöst wird im Film nicht deutlich, da er hinterher nicht
mehr zur Sprache kommt. Der Zuschauer wird vielmehr vor vollendete
Tatsachen gestellt. Das Problem ist gelöst, nächster Punkt.
So hastet der Film jedes erdenkliche Problem, dem sich Frauen im
Allgemeinen und Menschen hispanischer Abstammung im Speziellen in
den USA stellen müssen, ab, wobei leider viele interessante
auf der Strecke bleiben - wie die Ausbeutung kleinerer Firmen durch
Großunternehmen zum Beispiel.
Sollte man trotz dieses kleinen Makels "Echte Frauen haben
Kurven" empfehlen? Unbedingt. Denn wann hat man zuletzt einen
Film gesehen, der einem mit einer Prise Humor und Warmherzigkeit
die alltäglichen Grausamkeiten vor Augen führt, und dennoch
nur eine Botschaft hat: Na und, was soll's?!


Top Film! Hab dne mal aufm ersten oder zweiten gesehen und er ist Faszinierend. Auch da manin diesem Film nicht nur viel über andere Kulturen lernt, sondern auch über die eigene Kultur, die Schwechen der Industry-Menscheit sowie das erwachsenwerden eines Jungen Mädchens!
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