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Dr. Aléman

Dr. Aléman
drama , deutschland 2008
original
regie
tom schreiber
drehbuch
oliver keidel
cast
august diehl,
marleyda soto,
victor villegas,
hernan mendez, u.a.
spielzeit
106 Minuten
kinostart
14. August 2008
homepage
http://www.dr-aleman.com
bewertung

4 von 10 Augen

 

Der Medizinstudent Marc (August Diehl) will sein praktisches Jahr in Kolumbien verbringen. In der kleinen Stadt Cali angekommen, sieht er sich mit der Korruption und Straßenkriminalität des Landes konfrontiert und kann damit sichtlich schlecht umgehen. Obwohl ihn seine kolumbianische Bekanntschaft Wanda (Marleyda Soto) und auch sein Vorgesetzter Dr. Mendez (Hernan Mendez) eindringlich davor warnen, steckt Marc seine Nase immer tiefer in die Konflikte der rivalisierenden Straßenbanden. Doch das kommt ihm schon sehr bald ziemlich teuer zu stehen.

Ein deutscher Film, der ausschließlich auf Spanisch gedreht worden ist und nur mit einem deutschen Darsteller versehen wurde, ist wahrlich eine Ausnahme. Doch alle guten und außergewöhnlichen Intentionen und Einfälle nützen nichts, wenn man ein Drehbuch voller naiver Klischees und Vorhersehbarkeiten konstruiert. Und die Liste ist lang.
Es ist schon sehr gewagt uns den solide vom Blatt spielenden August Diehl als Studenten (!) zu präsentieren, was aber wesentlich schockierender ist, ist die bodenlose Naivität, mit der Marc an seinen Job in der Fremde herangeht. Er scheint sich gar nicht über die Gefahren und Schwierigkeiten in Kolumbien informiert zu haben. Wahrscheinlich erwartet er Verhältnisse wie in Deutschland. Wieso er alle ernst gemeinten Warnungen seiner Vorgesetzten ignoriert und sich trotzdem in die für Ausländer lebensgefährlichen Viertel wagt, bleibt sein Geheimnis. Aus einem für den Zuschauer unergründbaren Sinn für Gerechtigkeit, verweigert es Marc bei der Arbeit sogar, niedergeschossene Bandenmitglieder zu behandeln. Warum? Was treibt diesen Marc an?
Leider bleibt seine Motivation den ganzen Verlauf des Films über im Dunkeln. Vielleicht ist er einfach nur größenwahnsinnig. Ein anderes Urteil bleibt einem angesichts des Gezeigten nicht übrig. Doch vielleicht funktioniert "Dr. Alemán", wenn man sich nicht mit Marc identifiziert, wenn man seine Figur von außen und ganz distanziert betrachtet. Dann erscheint Marcs Willen, die bestehenden Regeln und Gesetze von Kolumbiens Unterwelt zu brechen und zu hintergehen, als Abbild europäischer und westlicher Leicht- und Gutgläubigkeit. Aber auch das hilft dem Film nicht, der dieses Motiv nur allzu sporadisch anreißt und gar nicht wirklich behandeln möchte.

Die Geschichte, die "Dr. Alemán" erzählt, gab es so ähnlich schon mal zu sehen. Der Regisseur Kevin Macdonald erzählte in "Der letzte König von Schottland" die Geschichte eines jungen Arztes, der unbeschwert bei seiner Entwicklungshilfe in Uganda zum Leibarzt des Diktators Idi Amin aufsteigt und dann, geblendet vom schönen Leben der reichen Elite, die Augen vor den tatsächlichen Missständen viel zu spät öffnet. Ähnliches passiert mit Marc in "Dr. Alemán". Nur fehlt Tom Schreibers Film die alles überragende Wucht eines Forrest Whitaker, der schon "Der letzte König von Schottland" aus der Mittelmäßigkeit herauswuchtete.
Am Ende bleibt über "Dr. Alemán" kaum mehr zu sagen, als dass der ehrenwerte Versuch einer sozial relevanten Geschichte an ihrer eigenen Naivität gescheitert ist.

Patrick Wellinski

cali hat rund 2 Millionen Einwohner. nicht wirklich klein:-)

10

@ P. Wllinski: Muss mal dagegenhalten: Mich hat der Film umgehauen. Ich arbeite seit über zehn Jahren bei Ärzte ohne Grenzen und muss sagen: Was die Hauptfigur in Dr. Alemán macht, ist quasi exemplarisch für den Seelenzustand tausender von wohlmeinender und immer auch abenteuerlustiger Menschen, die sich jedes Jahr in irgendeiner Form von caritativer Tätigkeit ins Ausland begeben. Der Standartverlauf so einer Zeit ist folgender: Begeisterung, Offenheit, Annäherung an die "guten Armen", entsprechend freundlicher Empfang, dann die ersten schlechten Erfahrungen (ein kleiner Raub, eine glimpfliche Entführung), die Erfahrung, dass die Armen keineswegs per Definitionem lieb sind, sondern nach reinen akuten Überlebensstrategien handeln, Hilfsgüter verkaufen, dazu mafiöse Strukturen gründen, die dem Wohl ihrer eigenen Landsleute zuwiderlaufen etc., dann kommt entsprechend die Frustration bei den Hilfstätigen hoch, sie versuchen sich auf Teufel komm raus irgendwie dazu zu positionieren, und dann trennen sich die Wege: Die meisten werden zynisch, die anderen verstricken sich (wie der Dr. Alemán) heillos in dem Versuch, ihren Idealismus lebendig zu halten, kommen dabei entweder -seltener- selbst ums Leben oder -gar nicht so selten- laden sich selber eine große Schuld auf, an der sie dann menschlich im wahrsten Sinne des Wortes zerbrechen. Frag jeden erfahrenen Charityworker - auf Dauer bei der Sache bleiben höchstens 10% der Leute, und die werden, da schließe ich mich ein, meist zu traurigen, desillusionierten Zynikern.
Wir sollten vorsichtig sein, die Hauptfigur aus diesem Film für naiv zu halten. Es ist eher so, dass die Leute, die am genausten im Vorein über alles bescheid wissen glauben, meistens auch hinterher am härtesten gegen die Wand fahren. Es ist niemandem anzulasten, wenn er nicht nachvollziehen kann, das Abenteuerlust und der Wunsch zu Verstehen stärker sein kann als die Angst vor dem Tod. Aber wer das nicht kann, wird sich auch mit Sicherheit nicht freiwillig für die Arbeit in einer Krisenregion melden. Und -so sehr wir über die Weise und das Warum und den Nutzen der internationalen Hilfe an sich streiten können- ohne Leute, die das freiwillig tun, sähe dieser Planet noch um einiges dunkler aus als das, was man in diesem Film zu sehen bekommt.
Ich gebe diesem Film die volle Punktzahl, weil er einen Seelenzustand thematisiert, der vielen Leuten da draußen sehr sehr vertraut ist und den ich so präzise noch nie auf einer Leinwand gesehen habe.

Ich breche mal die (meine) Regel, hier nur über gesehene Filme zu schreiben, weil ich den Beitrag von Obiwan ziemlich spannend finde. Vielleicht ein Film, der viel näher an der Realität dran ist, als man als deutscher Zuschauer im Polstersessel so denkt.
Auch die Kritiken in den Zeitungen (s. filmz.de) sind ja sehr unterschiedlich, von top bis flop.
Also vielleicht ein Film, den man sich anschauen sollte.

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