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Die Stadt der Blinden

Die Stadt der Blinden
drama , brasilien/kanada/japan 2008
original
blindness
regie
fernando mereilles
drehbuch
don mckellar
cast
julianne moore,
mark ruffalo,
danny glover,
gael garcía bernal, u.a.
spielzeit
120 Minuten
kinostart
23. Oktober 2008
homepage
bewertung

3 von 10 Augen

 

Was für eine faszinierende Geschichte: Am Steuer seines Autos wird ein junger Mann plötzlich blind und sieht nur noch weißen Nebel. Ein Schicksal, dass nacheinander allen Menschen widerfährt, die mit ihm in Kontakt geraten. Die Freundin, der Arzt (Mark Ruffalo) und ein Gauner, der dem Blinden seine Hilfe anbot und dessen Hilflosigkeit dann schamlos ausnutzte.
Schon nach kurzer Zeit hat sich die Epidemie derart ausgebreitet, dass die Regierung beschließt alle Erkrankten in einer verlassenen Heilanstalt zu internieren. Unter ihnen allerdings auch ein Mensch der aus unbekanntem Grund von der Blindheit verschont blieb, nämlich die Frau des Arztes (Julianne Moore). Zuerst nur mitgegangen um ihren Mann nicht allein zu lassen, sieht sich die einzige Sehende bald in der Situation, inmitten eines sich immer weiter ausbreitenden Chaos aus Dreck, Gewalt und Brutalität Verantwortung übernehmen zu müssen.

Wer wann und warum mit der "weißen Blindheit" gestraft wird erfährt man nicht, aber es ist schnell klar, dass das Phänomen keine medizinisch greifbare Ursache hat und dies natürlich auch keine Science-Fiction-Story ist. Eine Parabel soll es vielmehr sein, über die sowieso schon vorhandene Blindheit der Menschen und ihre Unfähigkeit, in so einer Situation miteinander zu kommunizieren und die Zivilisation trotzdem aufrechterhalten zu können. Auch wegen dieser "universellen" Gültigkeit haben die einzelnen Figuren daher keine Eigennamen.
Das ist in der Tat vor allem erst einmal ein wunderschönes Buchthema und so verwundert es nicht, dass als Vorlage für diesen Film ein weltweit abgefeierter Roman von Nobelpreisträger Jose Saramago diente. Ein Roman, in dem von einem begabten Autor ganz wunderbar geschildert und beschrieben wird, was die Protagonisten eben nicht selbst sehen können. Die Skepsis des Verfassers, dieses Konstrukt auf ein vor allem visuelles Medium zu übertragen, lässt sich daher gut nachvollziehen. Nun hat der Portugiese sich nach mehr als zehn Jahren aber doch überzeugen lassen, die Verfilmungsrechte rauszurücken, und es sei ihm verziehen, dass er sich bei dieser Entscheidung offenbar vom Namen und bisherigen Schaffen eines Fernando Mereilles hat blenden lassen.
Auch unter Cineasten dürfte die Skepsis einer gespannten Erwartungshaltung gewichen sein, als sich herauskristallisierte, dass der Mann, der mit "City of God" und dem "Ewigen Gärtner" gleich zwei kraftvolle Meisterwerke hintereinander vorlegte, bei dieser Adaption die Regie übernehmen würde. Kaum einer hat es wohl für möglich gehalten, dass auch ein Mereilles an diesem Stoff dramatisch scheitern würde, doch genauso ist es nun leider gekommen. Denn was wir hier nach einem noch recht viel versprechenden Beginn zu sehen bekommen, ist ein genauso unangenehm anzusehender wie erschreckend banaler Film.

Wobei Ersteres sicher noch beabsichtigt ist, denn "angenehm" soll es hier für den Zuschauer natürlich ganz bewusst nicht zugehen. Und so wird auch keine Rücksicht genommen bei der Darstellung einer immer mehr verdreckenden und in Chaos und Anarchie versinkenden Anstaltswelt. Denn der vernünftige soziale Umgang untereinander hält nicht lange und die sich selbst überlassenen Insassen beginnen schnell in unterschiedliche Gruppen zu zerfallen. Bisher draußen in der "richtigen" Welt benachteiligte Verlierer schwingen sich innerhalb der Mauern zu brutalen Anführern auf und niemand wagt es, sich dem als "König von Block 3" gebärenden ehemaligen Barkeeper (Gael Garcia Bernal) zu widersetzen.
Was sich aber im überlangen und ausufernden Mittelteil des Films abspielt, ist trotzdem nichts Anderes als man es in unzähligen, weit weniger auf Anspruch machenden Genrefilmen der Marke Thriller- oder Gefängnisfilm bereits weit interessanter aufbereitet gesehen hat. Innerhalb dieses "Knasts" (denn genau darum handelt es sich natürlich im Grunde) entwickelt sich die bekannte Parallelgesellschaft, in der die starken und bewaffneten Alphatiere dem wehr- und hilflosen Rest bald Essensrationen nur noch gegen Wertsachen oder Liebesdienste zukommen lassen. Dass dieses uninspirierte Spiel schließlich doch irgendwann ein Ende findet und Platz für den finalen dritten Akt in der mittlerweile zur Endzeitwüste verkommenen Außenwelt macht, ist dann selbstredend der Trumpfkarte in Form unserer sehenden Heldin zu verdanken. Hätte sie sich doch etwas eher zum Handeln entschlossen, dann wäre nicht nur ihren Leidensgenossen auf der Leinwand Einiges erspart geblieben.

Den soliden und bewährten Darstellern ist dabei ebenso wenig ein Vorwurf zu machen, wie natürlich der sich eng an die Vorlage haltende Plot nicht die Erfindung von Mereilles und seinem kanadischen Drehbuchautor Don McKellar ist. Aber wo die Prosa den Raum für detaillierte und faszinierende Studien der menschlichen Psychologie bietet, bleibt die Filmadaption immer an der Oberfläche. Wo man im Roman genau wie die Charaktere keinen direkten Blickwinkel hat, sondern sich an Beschreibungen und Empfindungen orientieren muss, macht es sich Mereilles auch zu allem Überfluss noch bequem und wechselt eben diesen Blickwinkel und die Kameraperspektive wie es ihm gerade passt. Mal sehen wir durch die Augen des allwissenden Regisseurs, dann durch die der einzig sehenden Figur, hinüber zu der des von der Welt draußen erzählenden alten Mannes (Danny Glover), bevor es dann zum Ende munter durcheinander geht.
Genauso wild durcheinander oder besser gesagt ziemlich unlogisch geht es auch bei der Schilderung der Ereignisse selbst zu und so darf man hier zunächst über eine bemerkenswert fix agierende Regierung staunen, die bereits am ersten Tag nach dem Auftreten der Symptome den eben erst erblindeten Arzt abholt und es dann sogar schafft, genau die Handvoll Charaktere, welche der Zuschauer bis dahin bereits kennen lernen durfte, in exakter Reihenfolge in das offenbar einzig vorhanden Lager dieser Großstadt einzuliefern. Man trifft sich also im kleinen Kreis wieder, darf aber dann sehr schnell an den Fähigkeiten oder moralischen Grundwerten der Obrigkeit zweifeln, denn den sich unter den Eingesperrten abspielenden Darbietungen aus der Reihe "Mord und Totschlag" schenkt das Wachpersonal im weiteren Verlauf keinerlei Beachtung mehr. Was die Freunde und Verwandten in einer zu diesem Zeitpunkt noch längst nicht zusammengebrochenen modernen Gesellschaft wohl dazu sagen würden? Man weiß und erfährt es nicht.

Wie es ja überhaupt und grundsätzlich keine Antworten auf die Fragen nach dem "Warum" gibt, wie bereits erwähnt wurde. Aber wer mag sich schon ernsthaft groß zur Nachdenklichkeit bewegen lassen und auf die Suche nach der verborgenen "Message" gehen, wenn das hier Präsentierte lediglich auf leicht gehobenem Trashfilm-Niveau dargeboten wird und ganz gewaltige dramaturgische Schwächen hat?
Es wirkt in diesem Zusammenhang daher schon fast amüsant und paradox wenn man liest, dass der Schriftsteller Saramago sich nicht zuletzt deshalb so lange gegen eine Verfilmung seines Buches wehrte, weil er fürchtete, dass ein Studio aus seiner Geschichte einen simplen Zombiefilm machen könnte. Nun ist es aber eindeutig so, dass beispielsweise die Zombie-Filme eines George A. Romero deutlich mehr an intelligenter gesellschaftspolitischer Relevanz vorzuweisen haben als dieser Film - auch wenn dass dem avisierten Arthouse-Publikum wohl eher nicht auffallen dürfte. Von Fernando Mereilles darf man sicher trotzdem auch in der Zukunft noch Einiges erwarten, mit diesem Stoff hat er sich allerdings ganz gehörig verhoben. Und manchmal ist die angebliche Unverfilmbarkeit eines Buches vielleicht doch etwas mehr als nur eine Behauptung.

Volker Robrahn

ja ja abgefeierte romane sid schon so eine sache...

Argh. Das darf doch nicht wahr sein. Hatte mich so auf die verfilmung des wirklich guten Buches gefreut..

7

Ich fand den Film sehenswert; manchmal ist es vllt auch besser das Buch nicht gelesen zu haben, dann hat man weniger möglicherweise überzogene Erwartungen ;)

Hat der Rezensent das Buch gelesen?

Kritikpunkte wie

-"Was sich aber im überlangen und ausufernden Mittelteil des Films abspielt, ist trotzdem nichts Anderes als man es in unzähligen, weit weniger auf Anspruch machenden Genrefilmen der Marke Thriller- oder Gefängnisfilm bereits weit interessanter aufbereitet gesehen hat. Innerhalb dieses "Knasts" (denn genau darum handelt es sich natürlich im Grunde) entwickelt sich die bekannte Parallelgesellschaft, in der die starken und bewaffneten Alphatiere dem wehr- und hilflosen Rest bald Essensrationen nur noch gegen Wertsachen oder Liebesdienste zukommen lassen"
-"Hätte sie sich doch etwas eher zum Handeln entschlossen, dann wäre nicht nur ihren Leidensgenossen auf der Leinwand Einiges erspart geblieben."
-"Mal sehen wir durch die Augen des allwissenden Regisseurs, dann durch die der einzig sehenden Figur, hinüber zu der des von der Welt draußen erzählenden alten Mannes (Danny Glover), bevor es dann zum Ende munter durcheinander geht."
-"Genauso wild durcheinander oder besser gesagt ziemlich unlogisch geht es auch bei der Schilderung der Ereignisse selbst zu und so darf man hier zunächst über eine bemerkenswert fix agierende Regierung staunen, die bereits am ersten Tag nach dem Auftreten der Symptome den eben erst erblindeten Arzt abholt und es dann sogar schafft, genau die Handvoll Charaktere, welche der Zuschauer bis dahin bereits kennen lernen durfte, in exakter Reihenfolge in das offenbar einzig vorhanden Lager dieser Großstadt einzuliefern."
-"Was die Freunde und Verwandten in einer zu diesem Zeitpunkt noch längst nicht zusammengebrochenen modernen Gesellschaft wohl dazu sagen würden? Man weiß und erfährt es nicht."

kann man nämlich 1:1 der literarischen Vorlage vorwerfen.
Also entweder konsequent sein, dass das Buch auch schon kein Meisterwerk ist (was man durchaus so sehen kann) oder zugeben, dass man das Buch nicht gelesen hat. Auf jeden Fall wirkt es etwas merkwürdig, wenn die Umsetzung aus diesen oder jenen Gründen als schlechter als das Buch angesehen wird, wenn das Buch den selben Stil aufweist (Perspektivwechsel, Universalität, Herr der Fliegen Thematik etc...)

Schaue mir den Film nächste Woche an und bin schon gespannt, wie er sich im Vergleich zu dem Roman schlägt. Halte die Vorlage auf jeden Fall für durchaus verfilmbar.

@ Plor; Ein berechtigter Einwand. Wir werden den Film morgen anschauen und dann mal sehen ob es noch etwas dazu zu sagen gibt.

4

Also: Wir waren zwar in einem der vom Rezensenten genannten Arthouse Kinos dennoch ist Romero keine unbekannte Größe für uns. Über die gesellschaftspolitische Relevanz ließe sich ja noch streiten, über die dramaturgischen Schwächen auf keinen Fall. Leider hat Herr Mereilles die Gelgenheit verpasst (evtl. aus Furcht vor dem wiederspenstigen Autor) einge ungereimtheiten im Drehbuch zu verbesseren, so dass aus dem interessanten Thema keine würdige Story entwickelt wurde. Zeitweise wollte ich das Kino verlassen, da ich eigentlich nicht einsehen konnte, warum ich mir diese Szenen reinziehen soll wenn der Plot so unglaubwürdigausfällt.
Schade daraus hätte wirklich mehr entstehen können, zumal die Darsteller im Vergleich zu "Night of the living dead", "noch" überzeugenderes leisteten ; )

3

Ach das wollte ich auch noch sagen: Ich finde die Rezension sehr passend, allerdings enthält sie schon zuviel Informationen, so dass ich das lesen vor dem Film abgeborchen habe. Ich korrigiere doch lieber auf 3 Augen, damit sich das ein paar mehr ersparen.

2

V. Robrahn hat sehr genau beobachtet, und in der vorliegenden Kritik werden die Schwächen dieses in der Tat sehr oberflächlichen, vor Peinlichkeiten nicht zurückschreckenden Films klar analysiert und benannt. Ein Lob für den (die?) differenziert argumentierende(n), kluge(n) Kritiker(in). Mehr kann man wirklich kaum noch sagen.

6

Ich habe das Buch nicht gelesen und fand den Film jetzt auch garnicht schlecht.
Herr Robrahn hat natürlich recht damit dass man sowas schon zur Genüge gesehen hat. Aber vergleichen möchte ich nicht und schaue deshalb nur darauf ob er mir gefallen hat.
Und das hat er. Also mindestens fünf Punkte. Zusätzlich noch einen für einige schockierende Szenen.

Der Rezensent hat absolut keine Ahnung was das Buch angeht. Ich stimme Plor voll und ganz zu und würde noch einen Punkt ergänzen. Die vermeintlichen Logik-Brüche sind nämlich keine:
1. Natürlich gehen die Soldaten nicht in die Anstalt, weil sie Angst haben, blind zu werden. Da überlassen sie die armen Schweine lieber sich selbst.
2. Natürlich werden die Charaktere inhaftiert, die bislang vorgestellt worden sind. WELCHE CHARAKTERE SOLLEN DENN AUCH SONST VORGESTELLT WERDEN?

6

Das Buch hatte ich vor einigen Jahren schon gelesen - und war damals ziemlich beeindruckt und deprimiert. Meines Erachtens eine vom Inhalt wie Stil sehr gelungene Parabel auf die menschliche Zivilisation und deren Brüchigkeit.
Die Verfilmung hat mich dagegen auch etwas enttäuscht. Es ist kein wirklich schlechter Film geworden, er hält sich in weiten Teilen an das Buch (und viele 'Unlogiken' im Film sind halt einfach der Erzählform der Parabel geschuldet - bei Kafkas 'Verwandlung' fragt man ja auch nicht: Hoppla, wieso und wie ist der denn jetzt ein Käfer geworden...?) und gerade die Aufnahmen außerhalb des Lagers habe eine morbide Stimmung. Allerdings fehlte auch mir der Mut des Regisseurs, dem Ganzen einen filmischen Stempel aufzudrücken, einen wirklich bedrückenden Film zu wagen, auch im Filmischen über ein paar optische Spielereien hinaus zu gehen.
Der Rezensent hat auch Recht, was die Figuren angeht: Die positiven Protagonisten sind reichlich uninteressant - wohingegen Bernal (wie immer) einen viel stärker in den Bann zieht. So bleibt vieles einfach auf dem Niveau von Filmen wie das deutsche "Das Experiment" (so hieß der, glaube ich).
Fazit: Kann man sich ansehen - das Buch lesen bringt aber deutlich mehr.

7

Ich kannte das Buch nicht; und hab´auch sonst nichts über den Film gewußt. Gefallen hat mir an dem Film, dass er nicht auf die Krankheit und die Infektion näher eingeht. Die Krankheit ist da und gut. Der Film zeigt auf einfache Weise, wie erschreckend labil die Regeln in einer Zivilisation fallen können, wie der Mob ohne Gewaltmonopol des Staates das Leben bestimmt. Ich halte das Szenario für realistisch. Anarchisten, seht Euch den Film an! Der Staat schützt auch Euch!

2

Chapeau! Treffende Kritik. Hab mir den Film bis zur Hälfte angeschaut, und dann dem Grauen ein Ende gemacht und ihn ausgeschaltet. Gute Schauspieler in einem zusammenhangslosen Plot. Es lohnt sich hier nicht darüber zu diskutieren, ob der Roman gut verfilmt worden ist. Was immer eventuell im Buch gut gemacht ist, der Film schafft es nicht, irgendetwas darzustellen. Die Zahl der Filme, die ich bewusst nicht zu Ende geschaut habe, ist gering. Sie hat sich heute definitiv um einen erhöht.

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