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Die Hausschlüssel

Die Hausschlüssel
drama , italien/frankreich/deutschland 2004
original
le chiavi di chasa
regie
gianni amelio
drehbuch
gianni amelio, sandro petraglia
cast
kim rossi stuart,
charlotte rampling,
andrea rossi, u.a.
spielzeit
105 Minuten
kinostart
7. September 2006
homepage
bewertung

7 von 10 Augen

Ein Vater-Sohn-Beziehungs-Road-Trip-Film. Da fangen viele an zu gähnen, gab es doch in der Vergangenheit wahrlich genug davon zu sehen. Doch seit einiger Zeit bläst ein frischer Wind durch dieses abgenudelte Sub-Genre. Nachdem "Die große Reise" die Annäherung zwischen einem gläubigen muslimischen Vater und seinem atheistischen Sohn zeigte und in "Transamerica" der Vater sogar (fast) eine Frau war, handelt es sich in "Die Hausschlüssel" um einen Vater, der mit seinem behinderten Sohn, den er bisher nicht kannte, auf eine Reise geht. Wie schon die vorher genannten Werke zeichnet sich dieser Film durch die minimalistisch-dokumentarische und nicht auf die Tränendrüse drückende Erzählweise aus, die den Zuschauer mitnimmt auf eine Reise zu seinen eigenen Unsicherheiten und Vorurteilen gegenüber Behinderung.

In einem Zug nach Berlin trifft Gianni (Kim Rossi Stuart, "Romanzo Criminale", "Pinocchio") das erste Mal seinen fünfzehnjährigen Sohn Paolo (Andrea Rossi). Als bei der Geburt die Ärzte sagten, dass seine Frau gestorben sei und sein Sohn "einige Probleme" habe, lief Gianni einfach davon. Der Sohn wuchs bei seinem Onkel Alberto auf, der Gianni vor dem Wiedersehen mit seinem Sohn sagt, er habe diesen nicht verdient, weil Andrea ein wunderbares Kind sei. Gianni, der mittlerweile wieder geheiratet und eine Familie gegründet hat, ist überfordert und weiß nicht, wie er mit diesem Kind nun klar kommen und wie er ihn behandeln soll. Anfänglich tut er so, als sei dies gar nicht sein Kind, doch im Laufe der Zeit entwickelt er Gefühle der Zuneigung, die ihn erkennen lassen, dass er diesen Sohn, der so gar nicht seinen Vorstellungen entspricht, vielleicht doch lieben kann.

Der Titel "Die Hausschlüssel" bezieht sich auf die Grenze zwischen der Zeit, in der man noch ein Kind ist (und somit abhängig von den Eltern) und der späteren Zeit, in der man erwachsen genug ist, um Hausschlüssel zu verlangen und seine Autonomie einzufordern. Obwohl Paolo stolz seine Hausschlüssel in die Höhe reckt, weiß der Zuschauer ebenso wie Vater Gianni, dass der Junge immer auf Hilfe angewiesen sein wird. Es kann kein Happyend geben, da die Behinderung von heute auch morgen und übermorgen und noch in Jahrzehnten mit ihm sein wird. Eine solche Geschichte entzieht sich dem klassischen Schema, am dem am Ende alle glücklich vereint und alle Probleme gelöst sind.
Doch genau das ist auch die Schönheit dieser Geschichte. Regisseur und Co-Autor Amelio zeigt, dass es trotz Behinderung auch glückliche Momente gibt und dass es so jeden Tag kleine Augenblicke geben kann, von denen man zehrt, wenn alles wieder aussichtslos erscheint. Verdeutlicht wird dies durch die Figur der Nicole (Charlotte Rampling, "Immortel (ad vitam)", "Spy Game"), die ihr Leben für ihre behinderte Tochter lebt und doch manchmal davor steht zu verzweifeln. Nicole ist die wohl liebevollste Figur im Film, daher sind ihre Aussagen über die Härte ihres Schicksals umso verstörender. Rampling, die dieses Jahr als Anerkennung ihrer großartigen Leistungen als Vorsitzende der Berlinale-Jury fungieren durfte, füllt Nicole mit einer solchen Präsenz, dass man der Frau ihre Liebe, aber auch ihre Verbitterung glaubt.

Durch den Handlungsort Deutschland, wo Gianni und Paolo sich mit niemandem außer Nicole auf Italienisch verständigen können, werden beide in ihrer hilflosen Ausgestoßenheit aus der Gesellschaft umso deutlicher gezeigt. Genau wie sein Sohn ist plötzlich auch Gianni anders als alle um ihn herum und muss damit umgehen, dass er seine Wünsche nicht klar deutlich machen oder einfach umsetzen kann.
Eine große Stärke dieses Films ist, dass der Zuschauer jederzeit ganz nah dran ist an Gianni und seiner Hilflosigkeit. Ebenfalls zentral ist, dass der in Europa vielfach preisgekrönte Regisseur Amelio (Cannes, Venedig, Berlin etc.) einen behinderten Jungen für die Rolle des Paolo auswählte und somit nicht á la "Rain Man" eine Schwerpunktverlagerung dahin stattfand, wie toll ein Schauspieler einen Autisten spielt. Dadurch erlangt "Die Hausschlüssel" eine Authentizität, die Werke wie "Gilbert Grape" wegen ihrer Darstellerwahl nicht erreichen können.
Gianni Amelio bezeichnet den jungen Andrea Rossi sogar als einen der Co-Autoren des Films, da er ihn über lange Zeit begleitete und Andreas Besonderheiten und Ausrufe dadurch in den Film einflossen. Gianni Amelio gab der Hauptrolle des Vaters sogar seinen eigenen Vornamen, weil er genau solche Stadien der Hilflosigkeit und des Unverständnisses bei seiner Arbeit an diesem Film an sich selbst bemerkte.

Die Schwäche des Films ist hingegen die extrem langsame Erzählweise, die den Zuschauer manchmal zum Gähnen bringt. Da Amelio dem "Narzissmus" der Kamera nicht nachgeben wollte, um nicht von der menschlichen Wahrheit dahinter abzulenken (wie er selbst sagt), wohnt dem Film mit seinem visuellen Minimalismus eine gewisse Sprödigkeit inne, so dass man sich doch etwas mehr formale Mittel gewünscht hätte, um die Szenen zu strukturieren.
Außerdem erscheint die Aussage, dass ein behindertes Kind Liebe braucht und keine Ärzte, fragwürdig. Amelio lässt seinen Paolo von einem Drachen von Krankengymnastin hin und her jagen; ein Martyrium, das schier endlos dauert, so dass ihn Gianni aus dieser Situation heraus aus dem Krankenhaus entführt. Als Gianni dann noch Paolos Gehhilfe einfach über Bord der Fähre wirft, ist der Zuschauer etwas irritiert, da die Behinderung des Sohnes doch nicht dadurch verschwindet, dass man seine Hilfsmittel entfernt.

Gianni Amelio sagt über "Die Hausschlüssel", dass dies kein Film über Behinderung ist, sondern vom Gefühl der Unzulänglichkeit und der Schwierigkeit erzählt, das Verschiedenartige zu akzeptieren; etwas, das ein Vater empfinden kann, wenn er merkt, dass sein Sohn nicht so ist, wie er ihn gewollt hat. Sind auch die dafür gewählten filmischen Mittel nicht immer optimal, so kann man doch sagen, dass "Die Hausschlüssel" ein sehenswerter Film ist, besonders auch für Angehörige behinderter Kinder, die solche Stadien genau kennen werden.

Margarete Prowe

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