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Der Stern des Soldaten

Der Stern des Soldaten
kriegs-drama , frankreich 2006
original
l'etoile du soldat
regie
christophe de ponfilly
drehbuch
christophe de ponfilly, rim turkhi
cast
sacha bourdo,
patrick chauvel,
mohammad amin,
ahmad shah alefsourat, u.a.
spielzeit
105 Minuten
kinostart
19. Juni 2008
homepage
http://www.der-stern-des-soldaten.de/
bewertung

5 von 10 Augen

 

Vor zwei Jahren hat Regisseur Christophe de Ponfilly sich das Leben genommen. Die Premiere seines ersten und einzigen Spielfilms hat er nicht mehr erlebt. Bei so einer Vorgeschichte ist es natürlich eine äußerst undankbare Aufgabe, der Überbringer schlechter Nachrichten zu sein. Aber bei allem guten Willen, eine Empfehlung für de Ponfillys Film kann man leider nicht geben. Die Liebe und Faszination für das afghanische Volk merkt man seinem Werk zwar an. Ebenso das dadurch entstandene Bedürfnis auf das Leid dieser Menschen und der ihnen widerfahrenen Ungerechtigkeiten hinzuweisen. Doch die filmische Umsetzung ist leider enttäuschend banal und teils richtiggehend naiv ausgefallen. Gute Intentionen allein ergeben eben leider noch keinen guten Film.

Mit guten Intentionen kommt Anfang der 80er Jahre auch der Journalist Vergos (Patrick Chauvel) nach Afghanistan. Mit seiner Videokamera schließt er sich der afghanischen Widerstandsbewegung an, die einen scheinbar aussichtslosen Kampf gegen die einmarschierte sowjetische Armee führt. Zu der gehört der junge Musiker Nikolai (Sacha Bourdo), der von Mütterchen Russland zum Militäreinsatz gezwungen wird. Doch Nikolai verfolgt mit Abscheu die Gräueltaten seiner Landsmänner an der Zivilbevölkerung. Als er eines Tages von den gegnerischen Mudschaheddin gefangen genommen wird, erhält er nicht nur einen faszinierenden Einblick in das Leben seiner "Gegner", sondern trifft auch auf Vergos.

Es steckt sehr viel Autobiographisches in diesem Film. Mehrmals war Regisseur de Ponfilly als Journalist in Afghanistan unterwegs und hatte bereits schon vor diesem Film unzählige Reportagen und Dokumentationen über dieses so schwer geplagte Land gedreht. Auch die Geschichte des russischen Soldaten, der nach seiner Gefangennahme mit den Mudschaheddin sympathisiert, beruht auf einer wahren Begebenheit. Kein Zweifel, de Ponfilly wusste, von was er da erzählt. So klingt es dann natürlich schon sehr reizvoll, aus erster Hand mehr über einen Krieg zu erfahren, dessen weitreichende Folgen unser Leben im neuen Jahrtausend so stark prägen. Fernab jeglicher Mainstream-Zwänge kann eine kleine Produktion natürlich auch ein solches Unternehmen sehr viel risikofreudiger angehen.
Wobei das kleine Budget auf der Leinwand eigentlich ziemlich erfolgreich kaschiert wird. Helikopter, Panzer und Unmengen an Statisten - durchaus beeindruckend, was de Ponfilly hier aus seinen geringen Mitteln machte. Die relativ unbekannten Darsteller erweisen sich auch nicht als Bremsklotz. Sacha Bourdo ("Science of Sleep") verleiht Nikolai durchaus einen gewissen Charme und Patrick Chauvel seinem Vergos die für seine Rolle nötige Abgeklärtheit. Wobei es sicher nicht geschadet hat, dass Chauvel tatsächlich hauptberuflich als Kriegsfotograf in Krisengebieten unterwegs ist. Dazu gesellt sich dann auch noch eine durchaus ordentliche Inszenierung. Nun fehlt also eigentlich nur noch ein intelligentes Skript. Das war aber anscheinend nirgendwo aufzutreiben.

Eines der offensichtlichsten Probleme des Drehbuchs ist die Einführung eines übergeordneten Off-Sprecher, der immer wieder das Geschehen kommentiert. Hier hat man sich anscheinend von "Y tu Mama tambien" inspirieren lassen. Auch dort sprach der Erzähler auf eine ähnlich emotionslose Art und Weise,. Das war ziemlich clever in Alfonso Cuaróns Teenie-Drama, der so zusätzliche Informationen bereitstellte und das Gesehene oft in einem anderen, analytischen Licht erscheinen ließ. Davon kann hier aber leider nicht die Rede sein. "Nikolai nahm das Buch und begann zu schreiben", lässt uns der Erzähler wissen. Dazu sehen wir eine Einstellung, in der Nikolai ein Buch nimmt. Und, welche Überraschung, dann beginnt er zu schreiben. Von zusätzlichen Informationen keine Spur.
Und so geht das die meiste Zeit. Den Sinn dahinter kann man nur schwer begreifen. Ab und zu driftet der Erzähler dann aber auch auf einmal ins Poetische ab und schwadroniert über die Sterne am Himmel und den Sinn des Lebens. Mit einer Stimme, die direkt von einer Beerdigung zugeschaltet zu sein scheint. Dass dabei der Effekt dieses Stilmittels vollkommen verpufft ist nicht wirklich überraschend.
Vom dramaturgischen Standpunkt bereits das erste Eigentor des Drehbuchs, doch es legt noch nach. Auch dem Rhythmus der Geschichte fehlt mehr als nur ein bisschen Feintuning. Während die Story zu Beginn sehr langsam ins Rollen kommt, wird ausgerechnet in einem der wichtigsten Momente auf den Vorspulknopf gedrückt. Nämlich genau dann, wenn sich Nikolai mit den Mudschaheddin anfreundet. Auf einmal sind das nämlich die dicksten Freunde und unser Erzähler berichtet von den vielen Stunden, in denen Nikolai ihnen mit seinem Lachen Freude bereitet hat. Kann ja sein, haben wir aber nicht gesehen. Sondern nur, wie Nikolai gefesselt in einer Höhle liegt. Spätestens hier erleidet die emotionale Bindung zur Geschichte einen deutlichen Riss. Dazu entpuppt sich auch noch das lang erwartete Zusammentreffen zwischen Vergos und Nikolai als ziemliche Enttäuschung.

Den größten Vorwurf müssen sich die kreativen Köpfe hinter dem Film aber an einer anderen Stelle machen lassen. Es ist das unglaublich naiv wirkende Porträt dieses Krieges, das für den wirklichen Frust sorgt. Gute Hirten auf der einen Seite, böse Russen auf der anderen. Mehr Komplexität bekommen wir nicht. Und das aus der Hand von einem, der doch so gut informiert war und uns wirklich faszinierende Einblicke hätte liefern können. Das ist ein ziemliches Armutszeugnis.
Umso unbeholfener wirkt es dann, wenn auf einmal der Erzähler vorwurfsvoll in die Runde fragt, wieso denn bitte die ganze Welt am 11. September 2001 nach New York geschaut hat, aber das Gemetzel in einem kleinen afghanischen Dorf ignoriert hat. Diese naive Frage darf man natürlich stellen, sollte man dann aber doch bitte mit einer etwas komplexeren Antwort versehen. Stattdessen geht es zurück zu den netten Leuten in der Höhle, die auf die bösen Männer mit den Gewehren warten.

Man mag ja einen kleinen Einblick in die afghanische Kultur, gute Darsteller und schöne Aufnahmen einer exotisch-kargen Landschaft serviert bekommen, doch kann die Enttäuschung über die selten fesselnde Geschichte das nicht wirklich übertünchen. Stattdessen macht sich eine gewisse Gleichgültigkeit breit, und genau das war mit Sicherheit nicht das Ziel dieses Films.

Matthias Kastl

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