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Der ganz große Traum

Der ganz große Traum
sportfilm , deutschland 2010
original
regie
sebastian grobler
drehbuch
philipp roth, johanna stuttmann
cast
daniel brühl,
burghart klaußner,
justus von dohnànyi,
thomas thieme, u.a.
spielzeit
105 Minuten
kinostart
24. Februar 2011
homepage
http://www.derganzgrossetraum.de
bewertung

3 von 10 Augen

Manchmal kann ein Zuviel an Toleranz und Unvoreingenommenheit auch ziemlich verkehrt sein. Wenn das Duo Friedberg/Seltzer eine neue "Parodie" auf sein Publikum loslässt, darf man auf Besserung hoffen, weiß aber nach spätestens fünf Minuten, dass es die gleiche Sülze geworden ist wie in den Versuchen zuvor. Wenn es einen Regisseur, der vorher beim "Marienhof" und "Sturm der Liebe" gearbeitet hat, auf die große Leinwand zieht, darf man sich einreden, dass ja so manche große Nummer im qualitativen Niemandsland seine Wurzeln hat (nicht wahr, Herr Cameron?). Man darf (und in diesem Fall: sollte) aber auch einfach mal seinen Vorurteilen freien Lauf lassen und die kitschüberladene Bruchlandung prophezeien, die es letzten Endes geworden ist. Umso bedauerlicher, dass es dann auch noch des Deutschen liebstes Hobby trifft.

Im Jahre 1874 ist Fußball im Deutschen Kaiserreich noch vollkommen unbekannt. Wenn Sport, dann Turnen und Gymnastik. In jenem Jahr wagt Gustav Merfeld (Burghart Klaußner), Schulleiter des Martino-Katharineums in Braunschweig, ein folgenschweres Experiment: Er engagiert einen Englischlehrer namens Konrad Koch (Daniel Brühl). Dieser soll seinen Schülern eigentlich bloß die Sprache der "Imperialisten" beibringen. Doch weil der Deutschland-Heimkehrer und Kriegsdienstverweigerer weder mit seiner verhältnismäßig lockeren Art noch mit der Schönheit der englischen Sprache punkten kann, wählt er einen anderen Ansatz. Koch verlegt die Unterrichtsstunden kurzerhand von der Holzbank in die Turnhalle und präsentiert seinen Schülern etwas, was er außer Sitten und Sprache zusätzlich von der Insel mitgenommen hat: eine zerfledderte Kugel aus Leder.
Der damit betriebene Sport nennt sich "Fußball" und sorgt unter den verdutzten Schülern zunächst für Skepsis, wenn nicht gar Häme. Doch der Fußball wäre heute nicht Volkssport Nummer Eins, wenn ihm nicht die Kraft inne wohnen würde, sämtliche Kritiker von sich überzeugen zu können, wenn man es denn nur einmal auf einen Versuch ankommen lässt. Im Gegensatz zu den bald restlos begeisterten Kindern, die selbst in ihrer Freizeit weiterkicken, sind Eltern und Lehrer nicht überzeugt. Sie befürchten einen Verfall von Werten durch die "englische Krankheit" und streichen die "Fußtümmelei" vom Stundenplan. Für Koch und die Schüler hat der Kampf um die Anerkennung ihrer neuen Sportart damit aber gerade erst begonnen.

Der Kampf des Zuschauers mit diesem Film dauert zu diesem Zeitpunkt schon eine ganze Weile an. Was nützt die Begeisterung für diesen Sport, die den Beteiligten zweifelsohne anzumerken ist, wenn am Ende Klischees und überbordende Melodramatik einen Kantersieg über gelungene Dramaturgie und differenzierte Figurenzeichnung erzielen? Das beginnt mit dem albernen ersten Auftritt des auch außerhalb des Unterrichts ständig Englisch quatschenden Konrad Koch und endet mit einem fernab größerer Sinnhaftigkeit ausgewählten "Auld Lang Syne" im Abspann. Ach ja, es geht ja um die Engländer? Dann muss dieses Lied ja genau so gut passen wie die zu Kochs Amtsantritt von Schulleiter Merfeld vorgetragene Lektion über Pünktlichkeit und Disziplin. Denn das machen Deutsche ja schließlich den ganzen Tag: über ihre Tugenden reden.
Historie, Hintergrundwissen und Nationenklischees gibt's mit dem Holzhammer: "Ich bin Direktor Merfeld und Sie sind Konrad Koch, ein Englischlehrer, einer der ersten in Deutschland." Man sollte meinen, dass Konrad Koch seinen eigenen Namen kennt und es elegantere filmische Mittel gibt, um den Zuschauer mit Wissen zu versorgen. Aber das sind noch die verhältnismäßig kleinen Ärgernisse an "Der ganz große Traum".
Schwerer wiegt das hohe Maß an Spannungsfreiheit und Vorhersehbarkeit. Die Charaktere sind in ihren Eigenschaften aufs Nötigste reduziert: guter idealistischer Lehrer, guter fortschrittlicher Schulleiter, guter schüchterner Schüler, böser hinterlistiger Schüler, gute fleißige Mutter, böser konservativer Vater, gutes gutaussehendes Hausmädchen. Im Verlauf des Films erfahren die meisten von ihnen selbstverständlich eine wichtige Wandlung. Die Guten werden noch besser und die Bösen... na klar.
So sind es am Ende eben wirklich nur Charaktere und keine Menschen, was das Mitfiebern schwer bis unmöglich macht. Und da man weiß, wer gut und wer böse ist und wem die entscheidende Bekehrung noch bevorsteht, kann man sich auch ziemlich sicher sein, wer wie handeln wird. Und sollte es an einigen Stellen wider Erwarten doch zu Unklarheiten kommen, so ist die Musik von Tilo M. Heinrich und Helmut Zerlett, die in Sachen Melodramatik wirklich alle Geschütze auffährt, sicher behilflich bei der genauen Einordnung, vor allem in Sachen Gut und Böse und "Soll ich jetzt lachen oder weinen?".

Kino-Debütant Sebastian Grobler und die beiden Drehbuchautoren beglücken das geneigte Publikum natürlich auch mit zwei kleinen romantischen Storyfäden, die in etwa so authentisch wirken als hätte irgendjemand nach Fertigstellung des Scripts gemerkt: "Moment, hier fehlt noch ein bisschen Liebe!". Was natürlich Quatsch ist, denn die Liebe zum Fußball ist wie bereits festgestellt natürlich vorhanden. So auch bei Barca-Fan Daniel Brühl, der an den aktuellen Darbietungen seines Vereins jedoch deutlich mehr Freude haben dürfte als an seinem eigenen Auftritt in diesem Film. Im Grunde ist Brühl die ärmste Sau von allen, denn diesen Konrad Koch hätten auch die ganz Großen des Fachs nicht überzeugend spielen können.
Gegen Ende des etwas zu lang geratenen Films sind mit Regisseur Sebastian Grobler die Pferde dann vollends durchgegangen. War über weite Strecken zumindest die grobe Handlung noch einigermaßen stimmig (wenn auch vorhersehbar), so verpulvert sich auch dieser eine Quasi-Pluspunkt am Ende noch. Nun ist keine Emotion groß genug. Einer groß inszenierten Tragödie folgt ein größer inszeniertes Happy End, welchem eine noch größer inszenierte Tragödie folgt, welcher... Was großes Kino sein soll, führt spätestens jetzt leider nur noch zu einem: völligem Desinteresse. Irgendwann scheint die gesamte Stadtbevölkerung mitzuspielen, nur man selbst hat sich gedanklich schon längst verabschiedet.

Zu einem frühen Zeitpunkt im Film darf sich Konrad Koch von seinem Förderer (Justus von Dohnányi) etwas über "Hörigkeit und Disziplin" anhören und dass dies für die Jugend immer noch das Beste sei. Etwas wehmütig gehen die Gedanken in diesem Moment zu Michael Haneke und seinem um drei bis fünf Ligen besseren "Weißen Band". Was natürlich nicht ganz fair ist, da Grobler in erster Linie unterhalten möchte. Doch selbst das gelingt ihm nur in wenigen Ausnahmemomenten. Manch einer mag das, was hier vor sich geht, übertrieben witzig, vielleicht sogar ironisch finden. Der Rezensent hingegen findet es einfach nur schlecht. Der ganz große Traum ist geplatzt - darauf ein dreifaches Hip Hip Hooray.

René Loch

5

Es wundert micht ja fast, daß in der Kritik das offensichtliche Vorbild "Club der toten Dichter" nicht genannt wird.
Denn irgendwann hat es Pathos und Dramatik wirklich so weit getrieben, daß man jeden Moment damit rechnet die Schüler jetzt auch noch "Captain, mein Captain" rufen zu lassen.

Und für mich das größte Rätsel des Films:
Wieso sieht man selbst beim größten Aufruhr an diesem merkwürdigen Gymnasium eigentlich nie auch nur einen einzigen Schüler einer anderen Klasse? Das ganze Gebäude scheint ausschließlich von Konrad Kochs Schützlingen bevölkert zu sein.

Unterhaltsam wars aber trotzdem irgednwie :-)

9

Sehr geehrter Herr Loch,
Ich kann ihre Kritik an DER GANZ GROSSE TRAUM nicht teilen.

Einen Regisseur dafür zu verurteilen, dass er vor seinem ersten Kinofilm
Fernseh-Soaps inszeniert hat, ist lächerlich. Das muss nicht heißen, dass der Regisseur dadurch schlecht ist.

Außerdem sollte man sich vielleicht genau informieren. Der Soundtrack zum Film wurde von Ingo Ludwig Frenzel komponiert. Helmut Zerlett PRODUZIERTE lediglich das von ihnen zu Recht kritisierte AULD LAND SYNE im Abspann.

Der Film ist auch nicht schlecht, wie hier dargestellt. Der Film ist kein Meisterwerk der deutschen Filmgeschichte, aber das versucht er auch nicht zu sein. Es handelt sich um einen Unterhaltungsfilm. Und diesen Zweck erfüllt der Film voll und ganz.

Die deutsche Fachbranche scheint ihre Meinung ebenfalls nicht zu teilen, sonst wäre DER GANZ GROSSE TRAUM nicht in 3 Kategorien ( unter anderem auch als BESTER FILM) für den Deutschen Filmpreis 2011 nominiert.

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