kleine Werbepause
Anzeige

David wants to fly

David wants to fly
dokumentation , deutschland 2010
original
regie
david sieveking
drehbuch
david sieveking
cast
david sieveking,
david lynch,
judith bourque, u.a.
spielzeit
96 Minuten
kinostart
6. Mai 2010
homepage
http://www.davidwantstofly.com
bewertung

7 von 10 Augen

 

Ja; renn nur nach dem Glück
doch renne nicht zu sehr!
Denn alle rennen nach dem Glück
Das Glück rennt hinterher.
Denn für dieses Leben
ist der Mensch nicht anspruchslos genug
drum ist all sein Streben
nur ein Selbstbetrug.

Mit dem "Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens" beginnt der dritte Akt von Bertolt Brechts "Dreigroschenoper". "David wants to fly", der Debütfilm des deutschen Regisseurs David Sieveking, endet mit diesem Lied, in dem auch der Kern dieses interessanten Dokumentarfilms steckt. "David wants to fly" handelt nämlich von viel zu hohen Erwartungen, die wir in Vorbilder und Führungspersönlichkeiten stecken und am Ende - blind vor Verehrung - an der Nase herumgeführt werden. Aber der Reihe nach:

Im Zentrum von Sievekings Film steht der junge Regisseur selber. Er ist gerade frisch raus aus der Filmhochschule und schafft es noch nicht, seine Filmkarriere wirklich anzukurbeln. Die Eltern zahlen noch die Miete, seine schrecklich erfolgreiche Freundin schreibt bereits an ihrem zweiten Roman und pendelt zwischen Berlin und ihrer Heimatstadt New York. Und David? Der würde gerne Filme machen, die die verstörende Tiefe der Werke seines absoluten Vorbildes David Lynch besitzen. Aber wie? Am besten man fragt den Meister selber, denkt sich Sieveking und fliegt in die USA, wo David Lynch an einer Universität einen Vortrag über Transzendentale Meditation hält, die die Quelle seiner Inspiration darstellt.

David gelingt es sogar den Schöpfer von Kultfilmen wie "Mulholland Drive", "Eraserhead" oder "Blue Velvet" persönlich zu befragen. Man könnte also titulieren: David trifft David. Doch schon bald merkt der junge Bewunderer, dass die Gruppe, der David Lynch so treu ergeben ist, kein wirklich freundlicher Verein ist. Vielmehr handelt es sich bei der Transzendentalen Meditation (TM) um eine Sekte. Die Gruppe formierte sich in den 60er Jahren um den Guru Maharishi Mahesh Yogi herum, der auch schon die Beatles fasziniert hat. Laut seiner Lehre soll man durch tiefe Meditation nicht nur die Welt befreien (vor was genau wird nie so wirklich erklärt), sondern auch fliegen lernen können (daher auch der doppeldeutige Titel). David Sieveking, der zunächst tatsächlich zu glauben scheint, dass die Methoden der TM einem Künstler wie David Lynch seine Kraft und Vision verleihen, ist schon bald enttäuscht.

Jetzt ändert sich der Ton des Films. Sieveking wird kritischer, fängt an zu hinterfragen und zu zweifeln. Der eigentliche Wendepunkt erfolgt in Berlin, wo der deutsche TM-Abgesandte und Lynch selber den Berliner Teufelsberg aufkaufen, um auf dem Gelände eine TM-Universität zur Errettung der Welt zu bauen. Um diese Idee publik zu machen, gibt es ein Treffen von interessierten Berlinern und Lynch. Dabei kommt es zu schockierten und empörten Buh-Rufen. Lynch und die TM-Leute werden als Faschisten beschimpft. Dieser ehrliche Moment tut dem Film ungemein gut, weil er einmal die Empörung der anderen Seite zeigt und nicht nur über die Bedenken und die Ablehnung der Welt gegenüber der TM-Bewegung diskutiert.

Es bleibt daher weiterhin fragwürdig, warum David Sieveking sich in "David wants to fly" über einen viel zu langen Zeitraum so naiv gibt. Das mag zunächst Methode sein, aber so ganz kann man das trotzdem nicht glauben. Es scheint fast schon, dass der Regisseur tatsächlich geglaubt hat, dass die Sekte, der David Lynch sein prominentes Gesicht leiht, ihn in seinem Künstlerdasein fördern wird - damit aber immerhin genau jenen Mechanismus illustriert, durch den Menschen in die Fänge solcher Gruppen geraten. Es ist ein Konstruktionsfehler dieses ansonsten wirklich gelungenen Dokumentarfilms, dass er viele Aussteiger und TM-Gegner etwas zu kurz kommen lässt.
Am Ende bleibt von "David wants to fly" die nüchterne Erkenntnis, dass Heldenverehrung jeglicher Art eigentlich töricht ist. Das wusste schon Brecht. Und auch Sieveking wird merken, dass das Beste an Lynch immer noch seine Filme sind. Der Regisseur selbst ist spätestens seit dieser Dokumentation äußerst kritisch und distanziert zu betrachten.

Patrick Wellinski

Kommentar hinzufügen

Freiwillige Angabe; die E-Mailadresse wird nicht angezeigt.
 
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.
2 + 7 =
Diese einfache Rechenaufgabe ist zu lösen und das Ergebnis einzugeben, z.B. muss für 1+3 der Wert 4 eingegeben werden.