|
|
Anmerkung: Auch die Filmszene-Redakteure sind manchmal
verschiedener
Meinung - und manchmal sind sie sogar so überzeugt von
ihren
jeweiligen Standpunkten, dass wir die Gelegenheit für eine
Doppel-Rezension nutzen. Darum zwei Bewertungen, und zwei
Rezensionen.
Rezension Patrick Wellinski:
Es war sein Lebenstraum. Bernd Eichinger, seines
Zeichens Deutschlands erfolgreichster Film- und
Fernsehproduzent,
hatte schon vor 20 Jahren versucht, die Rechte an Patrick
Süskinds
Erfolgsroman "Das Parfum" zu erwerben. Das Erstlingswerk
des medienscheuen Autors ist nach Erich Maria Remarques
"Im
Westen Nichts Neues" der erfolgreichste in deutscher
Sprache
verfasste Roman der Nachkriegszeit. Mehr als 15 Millionen
verkaufte
Exemplare, des in 45 Sprachen übersetzten Werkes, das
schrie
schon kurz nach dem Erscheinen 1985 nach einer
Leinwandfassung.
Im Jahr 2000 bekam Eichinger dann endlich die Zusage von
Süskind,
der sich bis dahin nicht überzeugen lassen wollte.
Schnell
wurde dem Produzenten bewusst, dass man diesem besonderen
Stoff
nur mit einer speziellen Akribie und voller Sorgfalt
begegnen konnte.
Somit wurde mit Tom Tykwer ein seit seinem weltweiten
Erfolg mit
"Lola rennt" international sehr geachteter Regisseur mit
ins Boot geholt, der ein ebenfalls international bekanntes
Schauspielensemble
dirigieren sollte. Kurzum, das ganze Projekt stinkt nach
Erfolg.
Mit Gestank beziehungsweise Geruch sind wir dann auch schon bei der Geschichte dieser für hiesige Verhältnisse fast beispiellosen Big-Budget-Produktion. Im vorrevolutionären Frankreich wird Jean Baptiste Grenoullie (Ben Whishaw) auf einem Fischmarkt unter äußerst kuriosen Umständen zu Welt gebracht. Früh wird ihm bewusst, dass sein stark ausgeprägter Geruchssinn ihm eine Welt öffnet, die für den Rest der Menschen scheinbar nicht existiert. Aus seinem sich immer mehr steigernden Verlangen, alle Gerüche der Welt zu kennen und zu konservieren, erwächst eine mörderische Obsession, die ihn zu einem der gefürchteten Mörder macht. Denn Grenouille stellt fest, dass er den schönsten Geruch der Welt nur von jungen, unschuldigen Mädchen gewinnen kann.
Vor dem Mut der Macher muss man den Hut ziehen. Denn
schon mit
dem Inhalt der Vorlage wird ein gewaltiges
Realisierungsproblem
deutlich, dem man sich erstmal stellen muss: Wie schafft
man es,
eine Geschichte ins Kino zu bringen, die vorrangig in der
Welt der
Gerüche und Düfte spielt? Umso mehr mussten das Team um
Eichinger und Co. ihre Kreativität spielen lassen, und die
erfreuliche Nachricht ist: Es ist ihnen im Großen und
Ganzen
gelungen.
Es fängt mit der äußeren Aufmachung des Films an.
Tykwer hat kein lächerliches und überkandideltes
Kostümfilmchen
gedreht. Das ist ihm sehr hoch anzurechnen. Er ergötzt
sich
nicht an den Prachtbauten und der Kleiderordnung dieser
Epoche,
was nur unnötig Zeit stehlen würde und die
Geschichte
um keinen Deut vorantreibt. Viel mehr begeben wir uns in
die stinkenden,
dreckigen und versifften Straßen von Paris oder Grasse.
Die
Menschen haben (wenn überhaupt) verfaulte Zähne, sie
laufen
in zerrissenen schmutzigen Kleidern durch die Stadt und
müssen
oft verdorbenes oder verfaultes Fleisch essen. Mit diesen
Aufnahmen
gelingt es dem "Parfum erstaunlicherweise, die Eindrücke
so lebendig zu machen, dass man sich auch ohne das
Geruchsempfinden
genug ekelt, um sich effektvoll in diese Welt einfühlen zu
können.
So wird dank den sehr dichten Kamerabildern eine dunkle,
bedrohliche
Atmosphäre erschaffen, die nicht zugunsten billiger und
aufgesetzter
Schockmomente verkauft wird, sondern durch ihre subtile
tiefgründige
Spannung ein Gefühl des Unwohlseins im Betrachter auslöst;
eine Angst oder besser eine Ahnung, die sich zu Beginn des
Films
im Kopf einnistest und sich während der gesamten Laufzeit
nicht
wieder legen mag. Eine solch dauerhafte emotionale Wirkung
gelingt
Blockbustern so gut wie nie.
Bravourös ist auch die dezente und nie aufdringliche
Hintergrundmusik,
für die Regisseur und Co-Autor Tykwer mit ein paar
Freunden
selbst sorgte. Ohne die aufdringliche Dominanz zum
Beispiel eines
Hans Zimmer-Soundtracks ("Fluch der Karibik" u.a.) dient
die Musik als gelungene artistische Untermalung für die
schattige
Ästhetik des Films, für den viele Szenen nur bei
Kerzenschein
gedreht wurden. Dadurch schafft Tykwer in seinen
Bildkompositionen
immer wieder dunkle und unscheinbare Räume, in denen die
Protagonisten
oft nur schemenhaft zu sehen sind.
Tykwer versteht es meisterhaft, den Duft oder den Geruch,
der im
Plot immer allgegenwärtig ist (ob nun in einer Parfumerie
oder
in den schier endlos erscheinenden Lavendelfeldern
Südfrankreichs),
nicht nur visuell erlebbar zu machen. Manchmal sind es
auch perfekt
inszenierte Kleinigkeiten, wie ein mit Parfum beträufeltes
Tuch, das kraftvoll in die Luft geschlagen wird und wie
durch eine
unsichtbare Hand die ganze Leinwand durchquert. Tykwer
nutzt hier
geschickt die Methode der Assoziation, vergleichbar etwa
mit
der
Darstellung des Ringes in der "Herr der Ringe"-Trilogie.
Wie der Ring bei Peter Jackson quasi ein Eigenleben
verspüren
ließ, so wird unter Tykwer der Geruch der Düfte
allgegenwärtig
und dadurch auch "spürbar". Die ihm oft attestierte
visionäre Kraft stellt der Regisseur hier ein weiteres Mal
eindrucksvoll unter Beweis.
Die Großproduktion ist auch in die kleinste Nebenrolle
hervorragend
besetzt. Neben einigen vornehmlich von deutschen
Schauspielerinnen
besetzten weiblichen Rollen (z.B. Jessica Schwarz und
Corinna Harfouch)
brillieren vor allem zwei große Männer des
Darstellerkinos.
Zum einen der den meisten Kinogängern als Severus Snape
aus
der "Harry
Potter"-Reihe
bekannte Alan Rickman, der hier den reichen Kaufmann
Antoine Richis
verkörpert, dessen Tochter Laura zum begehrtesten Objekt
von
Grenouilles mörderischer Jagd wird; als einziger
ebenbürtiger
Gegner nimmt er den Kampf gegen Jean Baptiste auf. Zum
anderen Hollywoodveteran
Dustin Hoffman als italienischer Parfumeur Giuseppe
Baldini, bei
dem Grenouille sein Handwerk lernt. Dabei entwickelt sich
ein ähnlich
intensives Machtspiel zwischen den beiden wie einst
zwischen Salieri
und Mozart in "Amadeus". Außerdem besitzen beide
(Rickman als auch Hoffman) eine hervorstechende und
auffällige
Nase, was perfekt die Essenz des Films unterstreicht.
Einzig und allein der Hauptdarsteller Ben Whishaw bleibt
ein Fragezeichen.
Der bis dato eher auf Theaterbühnen agierende 26-jährige
Engländer kann leider nicht völlig überzeugen. Seine
schmächtige Statur und sein nettes Gesicht können nicht
immer die akute Gefahr ausdrücken, die von einem Mörder
ausgehen soll. Zu oft versteckt er sich hinter einem
nichtssagenden
Blick.
Whishaw scheitert hier aber nicht an mangelndem Talent, er
muss
sich einem grundsätzlichen Problem geschlagen geben,
welches
schon in der Romanadaption lauert: Die Geschichte über den
Mörder Grenouille wird im Buch ausdrücklich passiv
erzählt.
Der Hauptcharakter kommt selten bis gar nicht zu Wort. Was
in Buchform
wunderbar funktioniert, kann in verfilmter Version kaum
klappen.
Im Kino wird dem Zuschauer eine Figur erst dann wirklich
nahe gebracht,
wenn sie redet. Wir erschließen sie durch das was sie sagt
im gleichen Verhältnis zu dem was
sie
macht. Ein Ungleichgewicht schwächt die Tiefe einer Figur
erheblich.
Um diese Schwierigkeit zu bewältigen, benutzt Tykwer vor
allem
am Anfang einen Off-Erzähler, der oft ganze Passagen
romangetreu
vorliest und dadurch schon fast den Eindruck eines
Hörbuchs
mit Bilduntermalung erweckt. Zum Glück lässt diese Technik
mit steigender Laufzeit nach.
Auch wenn es Momente gibt, in denen die Dramaturgie aus dem Rahmen springt, ist der Gesamteindruck mehr als nur positiv. Er übertrifft in mancher Hinsicht sogar die meisten Hoffnungen, die man in eine solche überbordende Big-Budget Produktion setzen kann. "Das Parfum" gelingt das Kunststück, den Grundgedanken des Romans in kinogerechte Bilder zu übersetzen, ohne sich der Komplexität der Vorlage zu beugen und sklavisch jede Einzelheit realisieren zu wollen. Tom Tykwer beweist einmal mehr, dass er mit seinem Talent Produktionen jeder Art und Größe sicher bewältigen kann. Und Bernd Eichinger darf sich glücklich schätzen, seinen Lebenstraum doch noch verwirklicht zu haben. Es ist ein Genuss, diesem Traum beiwohnen zu dürfen.
Gegenposition Margarete Semenowicz:
Sehnsüchtig
erwarteten viele Leser des gleichnamigen Süskind-Romans
von
1985 die Verfilmung, die so lange als undenkbar galt
(sogar der
Autor weigerte sich ewig, die Filmrechte überhaupt zu
verkaufen).
Nun ist das Werk endlich fertig und schon die Namen machen
neugierig:
Da gibt es die feine Riege der angelsächsischen Meister
Hoffman
und Rickman, die Klasse der deutschen
Nachwuchsschauspielerinnen
mit Jessica Schwarz und Karoline Herfurth, und auch
erfahrene deutsche
Semester wie Corinna Harfouch und Otto Sander (als
Erzähler)
sind vertreten. Tom Tykwer und Bernd Eichinger arbeiteten
vereint
an der teuersten Produktion der deutschen Filmgeschichte
(das Budget
lag bei immensen 50 Millionen Euro). Doch was passiert,
wenn man
Klotzen statt Kleckern kann? Es sieht auch danach aus.
Statt ein
einheitliches Meisterwerk zu präsentieren, wollten
Eichinger
und Tykwer zu viel und bekamen es leider auch.
Das fängt schon bei den Bildern an, die Tykwer und seinem
Kameramann Frank Griebe fraglos grandios gelungen sind. Es
wäre
nur besser, wenn sie sich bei ihren großartigen
Einstellungen
etwas gemäßigt hätten. Zu viele selbstverliebte,
endlose Kamerafahrten tragen in ihrer Ausgedehntheit zu
dem allgemein
schon vorherrschenden Gefühl der Langeweile bei.
Und diese herrscht zuhauf: Die Handlung dümpelt
zwischenzeitlich
dermaßen langatmig vor sich hin, dass man sich in einer
bebilderten
Erzählung wähnt und die Stimme des Erzählers bald
nicht mehr hören mag, der den undankbaren Part zugeteilt
bekommen
hat, wortreich das Innenleben des undurchschaubaren
Protagonisten
zu erläutern. Nach der ersten halben Stunde "Grenouille
fühlte..." und "Er merkte..." oder auch "Er
spürte…" möchte man gerne weiterspulen. Da hilft
es nicht einmal, dass dieser Erzähler Otto Sander ist, der
mit seiner wundervollen Stimme schon den Engelsmonologen
in Wim
Wenders' "Der Himmel über Berlin" Flügel verlieh.
Dann ist da der Hauptdarsteller Wishaw, der zwar immerhin
seiner
Figur angemessen hässlich daher kommt, aber dafür sein
Spiel nicht ganz unter Kontrolle zu haben scheint. Während
er die meiste Zeit
mit
einem gefühllosen Gesichtsausdruck herumläuft, so spielt
er in Szenen, die nach Gefühlsregung riechen, so
überkandidelt,
dass der Zuschauer eher befremdet ist, besonders in der
Szene, als
der Bursche dem Scharfrichter vorgeführt werden soll und
als
aristokratischer Hampelmann auf der Holzbühne kraftvoll
mit
den Armen wedelt.
Auch die sonstige Riege der ausgewählten Schauspieler
reißt
den Film nicht aus dem Mittelmaß, von denen manche ohnehin
nur überaus kurz auftreten (Jessica Schwarz darf als
Prostituierte
genau eine Szene lang nackt rumzicken, steht dafür aber
groß
angekündigt auf dem Filmplakat). Dustin Hoffman wiederum
scheint
im falschen Film zu sein und spielt den alternden
Parfumeur Baldini
wie eine Auferstehung seiner Figur aus "Tootsie". Das
ist zwar witzig, passt jedoch nicht wirklich zu der bis
dahin als
düster etablierten Grundstimmung des Films.
Solche Gegensätzlichkeiten finden sich auch in anderen
Aspekten
und tragen dazu bei, dass der Film insgesamt uneinheitlich
wirkt.
Während sich die Crew sehr viel Mühe mit der Darstellung
der stinkenden Schmutzigkeit des damaligen Paris und
seiner Bewohner
gab, so sind die Menschen in der Orgienszene, in der sich
alle ästhetisch
befummeln, plötzlich wunderschön, sauber und keinesfalls
von Karies, Pickeln oder Narben entstellt. Auch die Sets
sind mal
großartig, mal befremdlich - besonders die Brücke, auf
der Parfumeur Baldinis Haus steht, sieht nach billiger CGI
aus.
Auch die Musik ist eher bombastisch angelegt. Die Berliner
Philharmoniker
geben alles, doch leider wird der Film davon teilweise
erdrückt.
Auch hier wäre Mäßigung besser gewesen.
Der
Aspekt, der für viele diesen Film als unverfilmbar
erscheinen
ließ, nämlich die filmische Umsetzung von Gerüchen,
ist dafür mit extremen Close-Ups von Nasen,
Caravaggio-nachempfundener
Beleuchtung und den rasanten, an "Lola
rennt" erinnernden Kamerafahrten von Geruchsobjekt zu
Geruchsobjekt
(die tatsächlich die Wahrnehmung entferntester Düfte
erfahrbar
machen) vorzüglich gelungen. Schließlich liefert der
Film auch ein gutes Beispiel dafür, wie sich die
Atmosphäre
beim Dreh auf die Leinwand überträgt: Auf dem Fischmarkt
(eine der interessantesten Locations des Films) wurden zum
Beispiel
vor Drehbeginn 2,5 Tonnen Fisch und eine Tonne Fleisch
verteilt.
Den Schauspielern und Tom Tykwer hat es wohl ziemlich
gestunken,
doch dadurch entwickelte sich eine Dynamik, die auch den
Zuschauer
den Duftkosmos einer vergangenen Epoche einmal hautnah
erleben lässt.
Tom Tykwer ist es also immerhin gelungen zu leisten, woran
vorher
am meisten gezweifelt wurde, nämlich filmisch
darzustellen,
worum es in "Das Parfum" eigentlich geht: Gerüche.
Und zumindest davor sollte man den Hut ziehen.


Kommentar hinzufügen