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Das Lied in mir

Das Lied in mir
drama , deutschland/argentinien 2010
original
regie
florian micoud cossen
drehbuch
florian micoud cossen, elena von saucken
cast
jessica schwarz,
michael gwisdek,
rafael rerro,
beatriz spelzini, u.a.
spielzeit
93 Minuten
kinostart
10. Februar 2011
homepage
http://www.dasliedinmir.de
bewertung

5 von 10 Augen

Regiedebüts machen ja immer ein bisschen neugierig. Für welche Stoffe entscheiden sich unsere Newcomer und wie versiert setzen sie diese um? Letzteres ist im Fall von Florian Cossens Kino-Erstling "Das Lied in mir" leicht zu beantworten, denn dessen Inszenierung ist wirklich souverän und dank Kameramann Matthias Fleischer auch visuell ansprechend gelungen. Allerdings ist das bei den wenigsten Debütfilmen ein wirkliches Problem, stattdessen hapert es wenn dann meist an einer ganz anderen Stelle: dem Drehbuch. Und genau dieses Drehbuch, das Cossen zusammen mit Elena von Saucken verfasst hat, wird dem Film leider zum Verhängnis. Der holprige Beginn und die erst auf der Zielgeraden wirklich in Fahrt kommende Geschichte verhindern, dass den tollen Bildern auch die passenden Emotionen an die Seite gestellt werden.

Der optische Reiz von "Das Lied in mir" liegt dabei natürlich zu einem gewissen Teil auch an der, vor allem für einen deutschen Film, so ungewöhnlichen Location. Die komplette Handlung spielt nämlich in Buenos Aires, wo die 31-jährige Maria (Jessica Schwarz) am Flughafen ein einschneidendes Erlebnis hat. Eigentlich wollte sie weiter nach Chile fliegen, doch als in der Wartehalle eine Sitznachbarin ein unglaublich vertraut wirkendes spanisches Kinderlied singt, bricht die junge Deutsche spontan in Tränen aus. Emotional aufgewühlt entscheidet sich Maria ein paar Tage in Argentinien zu bleiben und der Sache auf den Grund zu gehen: Wieso hat sie dieses Lied so berührt, obwohl sie es eigentlich gar nicht kennen kann? Als dann aber ihr Vater Anton (Michael Gwisdek) ihr spontan aus Deutschland nachfliegt, um sie schnellst möglich wieder zurückzuholen, beginnt Maria zu ahnen, dass sie über ein bisher unentdecktes Kapitel ihrer Kindheit gestolpert ist.

Stolpern ist ein sehr gutes Stichwort. Denn dieser Film stolpert wirklich geradezu in seine Geschichte. Wozu Exposition, wenn man direkt mit der Story durch die Tür fallen kann. So dauert es dann auch nur wenige Sekunden, bis Maria Tränen überströmt ihren emotionalen Kollaps erleidet. Und nur wenige Minuten später erfährt sie dann auch schon, dass Anton gar nicht ihr leiblicher Vater ist. Nun ist es ja nicht so, dass man den klassischen Storyaufbau mit seinen drei Akten nicht auch mal ignorieren könnte, aber meist hat es eben doch einen Grund, warum der Zuschauer erst einmal die Figuren in ihrer normalen Umgebung präsentiert bekommt, bevor diese dann durch ein unvorhergesehenes Ereignis aus den Fugen gerät. Nur so kann man nämlich diesen heftigen Einschnitt für die Hauptfigur nachvollziehen und genau da macht es "Das Lied in mir" einem leider sehr schwer.
Maria ist zu Beginn ein blankes Papier für uns und so sorgt das sie so erschütternde Ereignis beim Zuschauer lediglich für ein Schulterzucken. Der Schock, vom leiblichen Vater belogen worden zu sein, mag bei Maria tief sitzen, wenn man als Zuschauer den Vater aber vorher noch nie gesehen hat, ist die emotionale Resonanz dann doch deutlich geringer. Dazu wirkt dann auch die erste Viertelstunde an sich schon einfach zu konstruiert. Das Kinderlied am Flughafen, die spontane Entscheidung mal eben in Buenos Aires zu bleiben, nur um im nächsten Laden dann im Fenster ein ebenfalls allzu vertrautes Kinderspielzeug zu entdecken - da verlangt man schon wirklich viel guten Willen vom Publikum in Sachen Glaubwürdigkeit.
Diese Hypothek muss der Film erst einmal wieder abarbeiten, und das gelingt ihm in der ersten Hälfte leider nur begrenzt. Zwar nimmt der Film nach überhastetem Beginn nun endlich das Tempo heraus, dafür hakt es aber nun an anderen Stellen. Vor allem bei der Hauptfigur, denn das sehr nüchterne Spiel der eigentlich sonst immer gern gesehenen Jessica Schwarz und vor allem das oft nicht wirklich nachvollziehbare Verhalten Marias gegenüber ihrem Vater machen eine Identifikation mit der Hauptfigur schon sehr schwierig.
Und die sehr oberflächlich abgehandelte Affäre mit einem argentinischen Polizisten hilft da auch nicht gerade weiter. Inhaltlich wird einem in Sachen Liebesgeschichte und Adoptionsdrama lange Zeit nicht wirklich viel mehr präsentiert als das, was man aus den zahlreichen Daily-Soaps gewöhnt ist.

So sind dann die optischen Ausrufezeichen über lange Zeit das einzig wirklich lobenswerte. Da wäre die wundervolle Kameraarbeit von Matthias Fleischer, der ein wirklich gutes Gespür für interessante Bilder hat und Buenos Aires eine genauso schöne wie geheimnisvolle Aura verleiht. Florian Cossen wiederum gelingt eine unaufgeregte und durchaus einfallsreiche Inszenierung, und so ist es dann schon richtig schade, dass hier lange Zeit einfach der emotionale Unterbau fehlt. Am offenkundigsten wird das bei der Liebesnacht zwischen Maria und dem Polizisten Alejandro. Das Spiel mit Licht und Schatten sorgt hier zwar für einen optischen Leckerbissen, aber da man mit beiden Figuren kaum vertraut ist und deren Beziehung an der Oberfläche bleibt, wird man davon nicht wirklich berührt.
Glücklicherweise kommt in der zweiten Hälfte des Films deutlich mehr Leben in die Bude. Das liegt an dem Auftritt einer argentinischen Familie, deren Lebensfreude und Humor dem Film mehr als gut tut. Insbesondere die dazugehörigen Schauspieler sind hier zu loben, sind sie doch ein wohltuender Gegensatz zum eher etwas hölzernen Spiel von Michael Gwisdek und der leider ungewöhnlich blassen Jessica Schwarz. Zur Verteidigung von Schwarz und Gwisdek sei dabei aber noch mal auf das Drehbuch verwiesen, das ihnen auch nicht gerade die besten Dialoge in den Mund legt. Dass die zweite Hälfte dann noch besser wird, liegt an einer weiteren interessanten Wendung, die dem Duell Vater-Tochter einen neuen Konflikt hinzufügt. Jetzt bekommt auch endlich die Rolle des bis dato überflüssig wirkenden Alejandro eine Bedeutung und überhaupt blüht der Film und seine Figuren nun richtig auf.
Leider schlägt "Das Lied in mir" aus dieser reizvollen neuen Konstellation aber nicht mehr viel Kapital, sondern geht ziemlich schnell zum Ende über. Das ist dann wirklich ein bisschen ärgerlich, dass ausgerechnet jetzt so schnell der Stecker gezogen wird. Denn insbesondere der thematische Ausflug in die Geschichte der argentinischen Militärdiktatur hätte viel besser genutzt werden können, wenn nicht sogar müssen. So macht sich dann fast ein schaler Beigeschmack breit, dass dieses Thema zwar angerissen aber dann doch scheinbar uninteressiert wieder zur Seite gelegt wird.

Trotzdem stimmt die letzte halbe Stunde dann doch etwas versöhnlicher, auch wenn dieses Debüt letztendlich nicht wirklich als gelungen betrachtet werden kann. Aber vielleicht gibt es ja schon bald eine zweite Chance und wenn dann ein bisschen tiefer gebohrt wird, und nicht nur an der Oberfläche verharrt, dann wird das mit Sicherheit ein deutlich faszinierenderer Ausflug.

Matthias Kastl

5

Im Gegensatz zum Rezensenten kann ich keine gelungene Kameraarbeit entdecken, der Regisseur wie der Kameramann bedienen sich allzu vieler visueller Plagiate, das hat man alles schon irgendwo mal gesehen und dann wird es noch wild durcheinander geschüttelt, eigenwillige Perspektivwechsel, retardierende Momente, zu viele unnötige Schnitte, mal Handkameraimitationen, mal leicht vibrierende Standkamera. Manchmal wird einem richtig schwindlig vor lauter visuellen Wechselbädern, dabei hätte mehr Ruhe und mehr Genauigkeit der Dramaturgie wirklich gut getan. Über die dick aufgetragene, konstruierte Story, die hinten und vorne den Eindruck erweckte, dass man mit dem Vorschlaghammer einen roten Strick durch die Handlung gekloppt hatte, sollte man schweigen. Das wird spätestens dann unglaubwürdig, wenn da plötzlich ein Polizist in einer südamerikanischen Millionenstadt auftaucht, dessen Vorfahren aus Südtirol stammen und der dann trotzdem als einfacher Bulle wirklich sehr gut Deutsch sprechen kann. Dass die Hauptdarstellerin dann noch mit diesem Mann ins Bett gehen musste, kann ich wirklich nicht verstehen und da helfen auch keine optischen Taschenspielertricks mit Hell-Dunkel-Verwebungen, um das plausibel zu machen. Aber man brauchte für die weitere Aufklärungsentwicklung ja irgendeinen Sprachkundigen, um den Plot irgendwie hinzukriegen. Überhaupt kommen mir solche Wörter wie irgendwie, irgendwoher, irgendwann oder irgendwer andauernd in den Sinn. Dann muss ich noch einmal auf den Schnitt oder die Montage zurückkommen, denn da scheint es ebenso zu hapern wie bei der eklektischen Kameraauffassung, manchmal ist der Sinn einer Continuity überhaupt nicht zu erkennen, was im Schwimmbad noch nachvollziehbar sein mag, wirkt im Hotel und auf den Straßen von Buenos Aires nicht schlüssig. An grob geschnitzten Metaphern fehlt es wahrlich nicht und auch das kann man übertreiben, wenn sie zusätzlich reichlich platt eingebaut werden. Die Schauspieler haben ihre Sache sehr gut gemacht, vor allem Gwisdek ist sehr überzeugend, Jessica Schwarz spielt auch sehr gut, aber da fehlt einem ganz viel Spannung zwischen Trauer und Zorn, zwischen Leichtigkeit und Verletztheit. Die argentinischen Protagonisten fand ich fast am Besten, weil in ihrer Darstellung Leid und Freude, Seele und Schmerz durch Sprache und Acting überzeugend in einen hinein fließt. Was den politischen Hintergrund angeht, so wäre ein wenig mehr Aufklärung besser gewesen, denn wer kennt denn noch die Zusammenhänge der Militärjunta um Videla und die Geschichte der Mütter auf dem großen Platz. Am Schluss war ich froh, dass der Regisseur keinen Tango oder einen Hinweis auf Tango eingewoben hat, denn dann hätte ich mich vielleicht richtig geärgert. So kann ich nur sagen, dass es für ein Erstlingswerk aus Deutschland sogar überdurchschnittlich gut ist, im internationalen, nein im europäischen Vergleich aber mittelmäßig ist. Der Regisseur hat zweifelsohne Talent und man wird sehen, was da noch kommt.

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