Selbstmord, Erbschaft, Liebschaft, Intrigen, und das alles in Dänemark.
Nein, es handelt sich nicht um eine Neuverfilmung des Hamlet, sondern
um den neuen Film von Per Fly.
"Das
Erbe" ist der zweite Film aus Flys geplanter Trilogie, in der
er jeweils ein anderes Milieu darstellen will. Der erste Film dieser
Reihe, "Die Bank", spielt im Arbeitermilieu, während
er sich nun der traditionellen Oberschicht widmet. Dabei ist der
Däne nie weit von Shakespeare entfernt: In seinem Portrait
des Industrieimperiums geht es zu wie am Hofe Hamlets oder Lears.
Mit ähnlicher Tragik wird sein Held in Konflikte verwickelt,
die ihn immer öfter zu ungewollten Entscheidungen zwingen und
ihn schließlich ins Verderben bringen.
Christoffer (Ulrich Thomsen, "Das Fest") lebt glücklich
mit der Schauspielerin Maria (Lisa Werlinder) in Stockholm. Als
sein Vater Selbstmord begeht, verlangt seine Mutter (Ghita Nørby,
"Geister"), dass er die Leitung des Familienunternehmens
in Dänemark übernimmt. Widerwillig stellt er sich der
Aufgabe, als er mit der versammelten Arbeiterschaft konfrontiert
wird. Damit macht er zwar seine Mutter, eine
wahre
Lady Macbeth, glücklich, aber ruiniert sein Glück mit
Maria, die schließlich in Schweden leben will um ihre Karriere
zu verfolgen. Außerdem verdirbt er es sich mit Schwager Ulrik
(Lars Brygmann, "Stealing Rembrandt", "Die Bank"),
der schon fest mit dem Chefsessel gerechnet hatte. Kurz gesagt,
er kann es keinem Recht machen. Aber das ist nur der Anfang: Um
das Stahlwerk zu retten muss er Hunderte von Arbeitern entlassen
und damit gegen seine moralischen Grundsätze verstoßen.
So sehr er versucht, seine Beziehung zur Familie und Maria von seiner
Arbeit zu trennen, es gelingt ihm nicht. Seine Aufgabe frisst ihn
förmlich auf und lässt ihn immer mehr zu dem kalten Unternehmensführer
werden, den seine fädenziehende Mutter sich so sehr wünscht.
Doch auch Maria lässt nicht nach und drängt Christoffer
zur Entscheidung....
Mal
wieder (siehe Rezension zu "Dänische
Delikatessen") was Deprimierendes aus Dänemark. Ein
Meisterwerk der Tragödie, das auch noch der ausgeglichensten
Frohnatur aufs Gemüt schlagen wird. Ähnlich wie "Das
Fest" beschreibt "Das Erbe", wie jemand an seiner
Familie zu Grunde geht. Die Hauptrolle ging wohl auch nicht zufällig
an den gleichen Schauspieler (Ulrich Thomsen). Abermals geht es
um einen Mann, der verzweifelt versucht, seiner Pflicht als treuer
Sohn zu entgehen und sich gegen seine manipulierenden Eltern zu
wehren. Wie ein Königssohn übernimmt er die Thronfolge,
ohne sich der Konsequenzen bewusst zu sein. Dabei spielt Thomsen
die Rolle des Christoffer so eindringlich und mitreißend das
man sich fast schuldig fühlt, seiner Misere als Konsument beizuwohnen.
Helfen möchte man ihm, damit er zu seiner wundervollen und
leidenschaftlichen Maria zurückfindet. Aber das Genre lässt
ihn nicht.
Machtgier
und wirtschaftliche Notwendigkeit zerstören noch jede Liebe
und Harmonie, scheint Fly dem Publikum sagen zu wollen. Sein Film
ist nicht nur Studie einer Gesellschaftsschicht, sondern Studie
menschlichen Verhaltens im Allgemeinen, die einem sehr nah geht,
eben weil sie die grausamen Seiten ungeschönt aufdeckt, und
das fast mit dokumentarischer Genauigkeit. Da ist zum Beispiel die
Mutterliebe, die dem Sohn nur schadet. Dann ist da der intrigante
Schwager, der um jeden Preis an die Spitze will. Treue Arbeiter,
die wegrationalisiert werden. Die Kälte die sich in der anfänglich
leidenschaftlich verspielten Beziehung zwischen Christoffer und
Maria breit macht, spiegelt sich im ultramodernen aber herzlosen
Ferienhaus, in dem der Pflichtbewusste schließlich vom Menschen
zur "Bestie Mensch" verkommt. Echos von Zolas Sozialstudien
sind zudem deutlich spürbar in der Szene, in der Christoffer
900 Arbeitern vom Tod seines Vaters berichten muss.
Obwohl "Das Erbe" kein Dogma Film ist, ist er zum Teil
eher spärlich belichtet. Dies schadet eher, als das es der
Atmosphäre dient, besonders wenn man so gute Schauspieler hat,
deren Mimik man gerne deutlicher sähe. Ob's nun am mangelndem
Budget oder am persönlichen Stil liegt, schade ist es jedenfalls.
Dafür sind besonders die Aufnahmen aus dem Stahlwerk eindrucksvoll,
die das glühende Metall zeigen, mit dem Christoffer später
die sprichwörtliche Hölle heiß gemacht wird.
Ein großartiger Film, gerade weil er einem den netten Abend
verdirbt.

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