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Crazy

Crazy
teenager-drama , deutschland 2000
original
crazy
regie
hans-christian schmid
drehbuch
hans-christian schmid, michael gutmann
cast
robert stadlober,
tom schilling,
julia hummer,
dagmar manzel,
mira bartuschek,
oona devi liebich,
can taylanlar, u.a.
spielzeit
90 Minuten
kinostart
8. Juni 2000
homepage
bewertung

6 von 10 Augen

 

Wunderkind trifft Wunderkind: Benjamin Lebert war noch nicht mal alt genug für den Führerschein, als sein autobiographischer Roman „Crazy“ die deutsche Literaturszene überrascht aufhorchen ließ. Nur fünf Monate später machte sich Hans-Christian Schmid, dessen beide ersten Filme „Nach fünf im Urwald“ und „23“ bei Publikum und Kritik respektable bis beeindruckende Erfolge gefeiert hatten, an die Verfilmung des Buchs. Herausgekommen ist ein Film, der den Zuschauer vor allem vor eine Frage stellt: Reicht es für einen guten Streifen, eine schöne Szene an die andere zu hängen, und hat das tatsächlich etwas mit dem Erlebnis Jugend zu tun?

Lebert erzählt in seinem Roman von seinen Erlebnissen auf dem bergischen Internat Neubeuern bei Rosenheim. Inzwischen 16-jährig, soll Benjamin hier endlich die achte Klasse hinter sich bringen (Mathe, was sonst), und vielleicht sogar bis zum Abitur durchkommen. Doch schon bald ist der Unterricht von sekundärer Bedeutung: Der Halbseiten-Spastiker Benjamin freundet sich relativ schnell mit seinen Mitschülern an, und für alle wird der grausam-wundersame Alltag des Teenagerseins wesentlich wichtiger als Lateinvokabeln oder Formelsammlungen. Bier unterm Bett verstecken, die Sexualkundelehrerin verarschen, im See schwimmen gehen, Kekswichsen, Striplokale besuchen, und sich hoffnungslos verknallen: Das ist der Stoff, aus dem die Jugend in Neubeuern gemacht ist. Probleme gibt es zwischen Benjamin und seinem besten Freund Janosch, als sie sich beide in die bildhübsche Malen verlieben, sowie durch die unschöne Trennung von Benjamins Eltern. Und das sich Benjamin nach wie vor als „Krüppel“ fühlt, macht das Leben auch nicht leichter.

„Crazy“ möchte ein Film über das Erwachsenwerden sein, über die Suche nach dem Platz im Leben, nach einem Sinn und einem Zweck für den ganzen Mist, den man durchmachen muß. Das ist soweit auch gelungen, aber an sich auch nicht sehr schwierig zu verwirklichen. Es geht aber auch nicht darüber hinaus: „Crazy“ bietet keine lohnenswerten Denkanstöße, kann seinen Figuren auch nicht mehr als Verständnis entgegen bringen, bleibt bei einer Aneinanderreihung der Ereignisse stecken und lässt so vor allem schmerzlich den größeren Zusammenhang vermissen.

„Episodenhaft“ ist das Wort, welches diesen Film wohl am besten charakterisiert. Im Pressetext wird „Crazy“ als „die ernsthafte Version von American Pie“ bezeichnet, und dies trifft leider im negativen Sinne zu: „American Pie“ hangelte sich von einer Lachnummer zur nächsten, und hatte auch keinen anderen Anspruch, als eine lose Ansammlung von Situationskomik zu sein. „Crazy“ hangelt sich ähnlich zusammenhanglos von Szene zu Szene, hätte aber eine Konstanz in der Erzählung mehr als nötig, die einfach nicht gegeben ist. Den Jungs beim Kekswichsen oder im Stripclub zuzusehen, hat zwar durchaus einen unterhaltsamen Touch, aber es gibt einfach zu viele Szenen in „Crazy“, die nur für sich selbst existieren und funktionieren. Was dabei zwangsläufig auf der Strecke bleibt, sind die Charaktere: Benjamin als Hauptfigur und Ich-Erzähler ist da natürlich kein Problem, aber schon bei den zweitwichtigsten Figuren, Janosch und Malen, setzt eine latente Undeutlichkeit ein, die sich im weiteren nur noch steigert. So bleiben die meisten Beteiligten eindimensional und unausgeleuchtet, was für einen vernünftigen „Coming of age“-Film natürlich eine Todsünde ist: die Teenager in „Crazy“ sind genauso plastisch wie der Freund des Freundes einer Freundin: Man kennt den Typ, man weiß was er tut, aber wieso und warum ist weder bekannt noch von Interesse.

Besonders tragisch ist diese mangelnde Konzentration auf die Figuren in zwei Fällen: Die Groupie-in-spe Rock-Schlampe Marie sowie der seltsam schweigsame Einzelgänger Troy erweisen sich im Laufe des Films als zwei enorm substantielle Charaktere. Gemacht wird daraus indes gar nichts, so daß man sich als Zuschauer doch schon ernsthaft fragen muß, wie man so wichtige Figuren nur so mir nichts, dir nichts fallen lassen kann. Ein kaum entschuldbarer Faux pas des Drehbuchs.

Ein weiterer Schwachpunkt sind die teilweise unakzeptablen Darstellerleistungen: Robert Stadlober in der Hauptrolle ist grandios, aber Tom Schilling und Julia Hummer hat man in „Schlaraffenland“ und „Absolute Giganten“ schon besser gesehen. Weitere Nebendarsteller rezitieren ihre Texte manchmal in einer so dermaßen unnatürlichen Überbetontheit, daß man schmerzhaft daran erinnert wird, wie schwierig es zu sein scheint, in dieser Altersklasse vernünftige Akteure zu finden. Da sagt die Authentizität leise Servus.

Natürlich ist „Crazy“ nicht so schlecht, wie das bisher vielleicht geklungen hat: Hans-Christian Schmid erweist sich ein weiteres Mal als ein sicherer und einfallsreicher Regisseur, der mit netten Kniffen, wie einer gedanklichen Foto-Love-Story, die Inszenierung schwungvoll und kurzweilig hält. Und die Schlußszene geht auf sehr anrührende Weise zu Herzen und entschuldet für so manche Oberflächlichkeit in den letzten 90 Minuten.

Apropos 90 Minuten: Hätte Schmid nicht so sehr darauf geachtet, seinen Film in die übliche Länge zu pressen, und sich die angebrachte Zeit mit seinen Figuren gelassen, dann hätte er wohl auch nicht so rastlos von Episode zu Episode hetzen müssen. Es gibt sicher massenhaft Filme, die entschieden zu lang sind. „Crazy“ ist ein Film, der entschieden zu kurz ist.

Um zur Eingangsfrage zurückzukommen: „Crazy“ bietet genug Momente tiefer Einsichten in den Alltagsfrust eines Teenagers („Und ich mußte immer zuschauen, wie andere Typen die Mädchen aufgabelten, in die ich mich verliebt habe“) und vermittelt dadurch ein anekdotenhaftes Gefühl der Geborgenheit, wie das eigene Fotoalbum. Aber die eigene Jugend bestand aus mehr als aus Fotos. Und das sollte dieser Film auch. „Crazy“ ist schön anzusehen, unterhaltsam, kurzweilig und streckenweise sehr amüsant, sieht in seiner inhaltlichen Plattheit aber zu sehr wie ein Trittbrettfahrer der gerade aktuellen Teenie-Welle aus. Als Anfang eines deutschen Ausläufers dieses Sturms ist „Crazy“ sicher akzeptabel (passenderweise kommt der Titelsong von „Echt“), aber qualitativ kann man da noch so einiges mehr rausholen.

Frank-Michael Helmke

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