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Cosmopolis

Cosmopolis
drama , kanada/frankreich/italien/portugal 2012
original
cosmopolis
regie
david cronenberg
drehbuch
david cronenberg, don delillo
cast
robert pattinson,
juliette binoche,
paul giamatti,
kevin durand, u.a.
spielzeit
108 Minuten
kinostart
5. Juli 2012
homepage
bewertung

7 von 10 Augen

„Cosmopolis“ ist ein Monstrum. Bei David Cronenbergs („A History of Violence“, „Eine dunkle Begierde“) neuestem Werk handelt es sich um die Reinform ästhetischen Ausdrucks ohne Rücksicht auf Zuschauer oder Kritiker. Das Werk wurde bei auf den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes von den Kritikern gelobt oder verdammt und entweder als eiskalter Kristall der Kapitalismuskritik oder als sinnfreies Monologisieren ohne Sinn und Verstand beschrieben. Cronenberg verfilmt hier ein quasi unverfilmbares und sperriges Buch von Don DeLillo, welches auf mittlerweile prophetisch anmutende Weise die absolute Entfremdung der Finanzwelt vom Rest der Menschheit schon 2003, also Jahre vor der Finanzkrise, zeigte.

DeLillos Roman über einen Anlageberater, der in seiner Luxuslimousine einen Tag lang ein im Chaos versinkendes Manhattan durchquert, weil er einen Haarschnitt will, kam bei den Kritikern damals nicht gut an - zu oberflächlich und leer schien der Protagonist, zu stilisiert und sprachverliebt die Dialoge. Gerade diese Eigenheiten des Buches werden in Cronenbergs Film noch verstärkt und ästhetisch überhöht, was als Ergebnis ein noch sperrigeres, dabei aber ästhetisch interessantes Werk ergibt, welches sich jedoch nur schwer mögen lässt und seinem Zuschauer einiges abverlangt. Cronenberg hingegen scheint Spaß an als unverfilmbar geltenden Werken zu haben, galt dies doch schon für seine Verfilmung von William S. Burroughs' „Naked Lunch“ (1991).
 

Der 28-jährige Multi-Milliardär Packer (Robert Pattinson) will in seiner Luxus-Stretchlimousine Manhattan durchqueren – nur für einen Haarschnitt. Sein Sicherheitschef Torval (Kevin Durand, „Lost“) warnt vor der Fahrt, denn ein Anschlag erscheint möglich. Der Präsident ist in der Stadt, eine Trauerprozession für einen Sufi-Rapper zieht durch die Häuserschluchten, doch für Eric Packer ist an diesem Morgen ein Haarschnitt in diesem einen Salon das Wichtigste auf der Welt. Um ihn herum werfen Menschen bald mit Ratten, protestieren Hunderte in einer Proto-Occupy-Bewegung und kann auch eine mit allem Luxus ausgestattete Stretch-Limousine ihn nicht vor sich selbst beschützen.

Kommerziell wird „Cosmopolis“ trotz der „Twilight“-Fans von Hauptdarsteller Robert Pattinson kein Erfolg werden: zu sperrig die Dialoge, zu sprunghaft die Episoden, zu distanziert und oberflächlich die Figuren. Trotzdem ist „Cosmopolis“ eine ambitionierte Form filmischen Ausdrucks, die jedoch zuweilen eher Videokunst darstellt als sich filmischen Konventionen zu beugen. Statt des eigentlich in Film und Literatur üblichen Grundsatzes „Show, don’t tell!“ erweist sich Cronenberg hier als Freund des „Tell, and then tell some more“: Selten wurde im Kino so durchgehend und gleichzeitig nur assoziativ zusammenhängend geredet wie hier. Die stilisierte Sprache des Dialogs mit unvollständigen Sätzen, willkürlichen Themenwechseln und einer gleichzeitig absichtlich monotonen Darbietung ist reizvoll und unerträglich zugleich. Cronenberg schrieb das Drehbuch zum ersten Mal nach langen Jahren wieder selbst, investierte dafür gerade einmal sechs Tage, von denen er an den ersten drei die Dialoge wortwörtlich aus dem Buch übernahm und aus diesen dann ein Drehbuch machte.

Als auf diese Weise verschmolzenes Resultat zweier Meister unterkühlter Welten, Don DeLillos und David Cronenbergs, ist „Cosmopolis“ geradezu schmerzhaft frostig und erlaubt dem Zuschauer keinerlei Empathie-auslösende Figuren. Dadurch wird das Publikum gezwungen, genauso wenig zu fühlen und mitzufühlen wie der Hauptdarsteller selbst. Gleichzeitig ist die Sicht auf den Stoff auch noch durchweg pessimistisch: Aus dieser Umgebung kommt niemand heraus und der Sinn des Lebens und Strebens scheint abhanden gekommen zu sein. Packer lässt immerzu alles prüfen, Geldströme, Sicherheit und sogar seinen eigenen Körper. Absolute Kontrolle wird zum Zwang in einer Welt, die so undurchschaubar ist, dass sie nur noch über Kontrollwahn in Nanosekundeneinheiten erfassbar erscheint. „Wir spekulieren in die Leere hinein“ heißt es einmal.

In seiner Artifizialität erinnert „Cosmopolis“ eher an Cronenbergs „eXistenZ“ von 1999 als an seine jüngeren Werke wie „Eine dunkle Begierde“ oder „The History of Violence“. Die Kamera von Cronenbergs langjährigem Kameramann Peter Suschitzky (seit mehr als 20 Jahren) ist hier wieder einmal stilistisch sicher eingesetzt. Es werden nur wenige Perspektiven verwendet wie zum Beispiel die Sicht auf Pattinson von vorn oder seitlich unten nach oben. Unnatürlich und heimlich beobachtet sieht „RPattz“ aus diesem Winkel aus und sein markanter Kiefer wird noch stärker betont als sonst. Fantastisch ist auch das Sounddesign von „Cosmopolis“, bei dem der Lärm der Großstadt bei jedem Öffnen der Limousinentüren förmlich auch in die Köpfe der Zuschauer hineinrauscht und Stille im Wageninneren, Lärm und der Elektro-Soundtrack herausragend zu einem Ganzen kombiniert werden.

Merkwürdig unpassend sind hingegen die aus der Limousine gesehenen Hintergründe, da „Cosmopolis“ nicht in New York, sondern in Toronto gefilmt wurde, was das Bild gleichzeitig billig, aber auch noch affektiert artifizieller erscheinen lassen. Das Produktionsdesign ist hervorragend, die Ausstattung der Sarg-artigen Limousine mit ihrem Lederthron kann man sich nicht besser vorstellen. Packer gleicht einem Androiden, einem menschlich anmutenden Roboter, und fragt oftmals sinnlose Dinge, die ihm gerade durch den Kopf schießen, wie: „Wo verbringen Limousinen die Nacht?“ oder „Warum heißt es eigentlich Flughafen?“ Impulsgetrieben steuert er durch seinen Tag, alles kann, nichts muss und gleichzeitig wird alles immer bedeutungsloser.

Für Pattinsons emotional komplett distanzierte Rolle in „Cosmopolis“ war eigentlich Colin Farrell vorgesehen, der die Rolle mit mehr als schmollenden Lippen und unterkühltem Schlafzimmerblick hätte füllen können, doch war Farrell nicht verfügbar, weil er zur gleichen Zeit die Ex-Schwarzenegger-Rolle in der Neuverfilmung von „Total Recall“ spielen sollte. Die Kälte und Distanziertheit der Hauptfigur von allen anderen kann jedoch auch Pattinson sinnlich verkörpern. Hölzern und schauspielerisch überfordert wirkt er jedoch, als er schließlich in einer Szene auf Paul Giamatti („Sideways“) trifft, der ihn hier mit Wucht an die Wand spielt – Pattinson ist zwar hübsch anzuschauen, doch ein talentierter Schauspieler wie Giamatti ist er zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Auch Packers ältere Gespielin und Kunsthändlerin, Juliette Binoche, der kurz auftretende Mathieu Amalric („Ein Quantum Trost“) sowie Samantha Morton als sein „Chief of Theory“ sind natürlich weit bessere Schauspieler. Trotzdem bietet „Cosmopolis“ für Pattinson eine interessante Möglichkeit, sich zu entwickeln und sich auszuprobieren.

Die Frage: „Ist das Kunst oder kann das weg?“ kann man nach "Cosmopolis" beantworten mit: „Nein, das ist Kunst“. Doch auf die Frage: „Macht das Spaß?“ lautet die Antwort leider auch „Nein, das ist Kunst“. Im Sommer bietet das Kino viel seichte, zuschauerfreundliche Kost, „Cosmopolis“ jedoch gehört eindeutig nicht dazu.

Margarete Semenowicz

Das Meisterwerk hat

10

Das Meisterwerk hat Cronenberg gefunden. Eines der wichtigsten Werke in der Filmgeschichte. Geniale Sicht auf die Gefühlsindifferenz seit dem Ende des kalten Krieges. Jeder und alles ist zur Ware geworden. Dinge werden nach ihrer Kursrelevanz beurteilt. Der Multimilliardär spielt weiter und bleibt auch beim Verlieren nüchtern. Die 99% wissen keine andere Lösung als den Ratten auf die Strasse zu folgen. Ihre Angriffe bleiben oberflächlich und können der gepanzerten Sicherung der Elite nichts anhaben, die sich im Luxus vorbeischiebt ohne aber dabei glücklicher als die zwar wütende aber harm- und machtlose Masse zu wirken.

P.S. Haircut hat nicht unbedingt was mit Frisur zu tun.
P.P.S. Viele werden den Film vorzeitig verlassen. Gut so.

Hallo, ehrlich gesagt, fand

1

Hallo,

ehrlich gesagt, fand ich den Film mehr als grausam. Eine Qual ihn sich anschauen zu müssen. Das Geschwafele der Charaktere war absolut unsinnig und vor allen Dingen unnötig! Es ist eine Schande dafür Geld ausgegeben zu haben. Ich hätte es genauso gut aus dem Fenster werfen können, wobei hierbei der Vorteil gewesen wäre, dass ich meine wertvolle Zeit nicht über 100 Minuten verschwendet hätte. An alle Leute die nichts von schwachsinnigem Gelabere halten: Guckt euch den Film gar nicht erst an! Er soll zwar eine tiefgründige Mitteilung verbreiten, jedoch ist das eher nach hinten los gegangen. Die Dialoge, die man eher als fachsimpelnde Monologe erfassen sollte sind schlicht und ergreifend absolut nichtssagend. Die Kameraeinstellungen sind teilweise mehr als fragwürdig. Zudem frage ich mich bis jetzt (drei Stunden nach dem Schauen des Filmes ) wo genau der Sinn des Filmes liegt. Alles in allem würde ich behaupten, dies war der unnötigste Film, der je produziert wurde!

Lg Stella

Gar nicht mal so übel, auf

6

Gar nicht mal so übel, auf jeden Fall nicht annähernd so krank wie z.B. 'eXistenz', aber auch nicht so zugänglich und eher Cronenberg-untypisch wie 'A History Of Violence'. Die Dialoge sind nicht so unsinnig wie sie im ersten Moment rüberkommen, ergeben doch irgendwie einen tieferen Sinn. Die Gesellschaftskritik ist spürbar. Dazu noch ein Robert Pattinson, der im Rahmen seiner doch sehr begrenzten Möglichkeiten, eine ganz passable Vorstellung als völlig indifferenter Multimilliardär, an dem alles und jeder abprallt, abgibt. Habe schon schlechteres gesehen ...

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