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Chill Factor

Chill Factor
action , usa 1999
original
chill factor
regie
hugh johnson
drehbuch
drew gitlin, mike cheda
cast
cuba gooding jr.,
skeet ulrich,
david paymer,
peter firth,
daniel hugh kelly, u.a.
spielzeit
101 Minuten
kinostart
9. März 2000
homepage
bewertung

2 von 10 Augen

Man stelle sich das mal vor: Die beiden Erstlings-Autoren Mike Cheda und Drew Gitlin (seines Zeichens ehemaliger Tennis-Profi), stürmen in das Büro eines Produzenten und verkünden: „Wir haben da eine mördergeile Idee zu einem Film! Wie wäre es, wenn wir zwei Durchschnittstypen durch die Gegend schicken, mit einem Behälter voll chemischem Kampfstoff, der nicht wärmer als 50 Grad Fahrenheit werden darf?“. Jeder halbwegs gesunde und vernünftige Mensch hätte die beiden samt ihres grauenhaften „Speed“-Plagiats wahrscheinlich mit einem Tritt in den Hintern hinaus befördert. Aber James G. Robinson hatte entweder einen plötzlichen Anfall von Barmherzigkeit, oder hat einen Hit so nötig, daß er jeden Stoff produzieren würde. Sein letzter Knaller war „Ace Ventura“. Und es wird wahrlich nicht besser.

Auf einer einsamen Südsee-Insel entwickelt der Wissenschaftler Dr. Richard Long ein neues Pflanzengift fürs US-Militär. Wozu braucht das US-Militär ein Pflanzengift, mag man sich da fragen, aber dazu hat man nicht viel Zeit, denn wesentlich elementarere Fragen rücken schnell in den Vordergrund. Long hat nämlich an dem Zeug etwas rumgepfuscht, indem er „das Soundso-Atom auf die andere Seite des Moleküls getan“ hat. Man stelle sich das bildlich vor: Wahrscheinlich saß er mit einer Pinzette am Mikroskop, hat das Atom dort abgepflückt und einfach da wieder angeklebt. Jedenfalls vernichtet das Zeug jetzt nicht mehr alles im Umkeis von 200 Metern, sondern von sechs Meilen, was natürlich zu spät gemerkt wird, und so sterben 18 Soldaten, und der verantwortliche Offizier, Colonel Brynner, wandert für zehn Jahre ins Militärgefängnis. Und wenn das Militär einen weg schließt, dann ist man weg geschlossen. Trotzdem hat es Brynner irgendwie geschafft, daß am Tag seiner Entlassung etwa zehn Schergen mit High-Tech-Ausrüstung auf ihn warten, um Long’s Wundergift (das den einfallsreichen Spitznamen „Elvis“ trägt) zu klauen und teuer an Terroristen zu versteigern. Long, der die Reichweite des Zeugs inzwischen auf 100 Meilen vergrößern konnte (wobei doch schon die erste Erweiterung unbeabsichtigt war), kann jedoch mit dem Kühlbehälter entkommen und übergibt ihm im Sterben seinem Angelkumpanen Tim Mason. Zufällig zugegen ist gerade der Eislieferant Arlo (Cuba Gooding jr.). Und da dieses Gift bei einer Temperatur von über 50 Grad Fahrenheit (ziemlich genau 15 Grad Celsius) seine Wirkung entfaltet, machen sich die beiden mit dem Eiswagen auf zum nächsten militärischen Stützpunkt, Colonel Brynner und Konsorten immer auf den Fersen.

An dieser Stelle ist „Der Chill Faktor“ schon am absoluten Nullpunkt angekommen. Die Darsteller werfen sich in der ersten halben Stunde Dialoge an den Kopf, die so flach, einfallslos und klischeebeladen sind, daß man sich manchmal eine Folge von „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ herbei sehnt, nur damit die Qualität steigt. Wenn dann nach einer Dreiviertelstunde endlich die Action loslegt, hat man kurz Hoffnung auf Besserung, aber auch die wird enttäuscht: Der Film hat flach angefangen, und er tut sein bestes, um genau so zu enden. Die Action-Sequenzen sind grandios unspannend, aus einem halben Dutzend Filmen zusammengeklaut und dann auch noch schlecht kopiert. Der Höhepunkt ist eine Rutschpartie in einem Boot einen Berghang hinunter. Erinnert sich jemand an „Indiana Jones und der Tempel des Todes“? Man denke sich den Schnee, einen Passagier, und etwas zwei Drittel der Geschwindigkeit weg. Und das ist wirklich die beste Action-Szene in diesem Film.

Eine wahre Freude hingegen ist der unnachahmlich stümperhafte Umgang mit den eigenen Settings. Arlo und Mason flüchten anfangs in ihrem Kühlwagen einen Berg hinauf, auf dem kein einziger Grashalm wächst. Sieht ein bißchen nach Süd-Utah aus (was daran liegen mag, daß es Süd-Utah ist). Als sie dann diesen Berg hinunter flüchten (in besagtem Boot), ist der auf einmal dicht bewaldet. Nachdem die beiden unsanft in einem Fluß gelandet sind, paddeln sie stromabwärts, während das Gift bedrohlich warm wird. Mason macht den tollen Vorschlag, das Zeug ins Wasser zu tun, denn „das kommt von einem Gletscher und ist sicher kalt genug“. Gletscher??? An dieser Stelle sollte man kurz anmerken, daß der Film eigentlich in Montana spielt (auch wenn keine Sekunde dort gedreht wurde, weshalb mir der Sinn dieser Plazierung etwas unklar blieb), und dort gibt es etwa so viele Gletscher wie in Sachsen-Anhalt.

Wäre „Der Chill Faktor“ eine Actionfilm-Parodie, er wäre grandios. Das Dumme ist nur, daß dieser Film von vorne bis hinten ernst gemeint ist. Und so gesehen ist er nur eins: Absolut erbärmlich.

Besonders tragisch ist das für die beiden Hauptdarsteller: Cuba Gooding jr. ist seit vier Jahren „der Typ aus Jerry Maguire“, sitzt mit seinem Oscar zuhause und kriegt keine vernünftigen Rollen. Skeet Ulrich kennt die breite Masse sowieso nur als Psycho aus „Scream“, aber grundsätzlich ist dieser Bursche nachweislich zu einigem im Stande. Wenn sie sich von diesem Film einen Karriereschub versprochen haben, dann haben sie das Drehbuch nicht richtig gelesen. So bleibt ihnen jetzt wohl nur noch das übrig, was sie wahrscheinlich auch in diesen Haufen Schwachsinn getrieben hat: Jedes Angebot annehmen, daß zur Tür rein flattert.

„Der Chill Faktor“ ist nicht nur zu schade für das Geld des Zuschauers, er ist auch zu schade für seine Produktionskosten. Wäre er nie gemacht worden, er hätte allen Beteiligten eine große Peinlichkeit erspart. Dem Produzent, den Autoren, den Darstellern, und auch dem Regie-Debütant Hugh Johnson (zuvor Kameramann solch cineastischer Meisterwerke wie „Die Akte Jane“). Der startet seinen neuen Lebenslauf gleich mit einem Film, dessen Skript in allen Belangen so miserabel ist, daß es sich als Lehrmittel an der Filmhochschule eignen würde: So dürft ihr es auf keinen Fall machen.

Diese schwachsinnige Idee mit der 50-Grad-Grenze ist nicht nur ganz schlecht bei „Speed“ geklaut, sie wird auch fast gar nicht beachtet. Alle paar Minuten wird das Zeug in frisches Eis eingelegt, fertig. Die beiden Helden wider Willen hätten es wesentlich einfacher haben können: Sie hätten dem Gift einfach ihren eigenen Film zeigen sollen. Denn der läßt jeden und alles absolut kalt.

Frank-Michael Helmke

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