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Chiko

Chiko
action-thriller , deutschland 2008
original
chiko
regie
Özgür yildirim
drehbuch
Özgür yildirim
cast
moritz bleibtreu,
dennis moschitto,
volkan Öczcan,
reyhan 'lady bitch ray' sahin, u.a.
spielzeit
92 Minuten
kinostart
17. April 2008
homepage
bewertung

7 von 10 Augen

 

Chiko (Dennis Moschitto) und sein bester Kumpel Tibet (Volkan Öczkan) haben einen einfachen Plan für den Weg raus aus ihrem Ghetto im Hamburger Osten, hin zu Luxus und Reichtum: Als Drogendealer wollen sie sich gar nicht erst mit Kleinkram abgeben sondern suchen auf unkonventionelle und ziemlich provokante Weise gleich den direkten Weg zum Big Boss Brownie (Moritz Bleibtreu). Der zeigt sich auch recht beeindruckt, vor allem von Chiko und erteilt ihnen erste Aufträge. Es ist schließlich der labile Tibet, der Mist baut und dafür branchenüblich abgestraft wird. Für Chiko entpuppt er sich als größtes Hindernis auf dem Weg nach oben und es stellt sich die Frage, wie weit die Loyalität zwischen den Freunden gehen kann.

"Chiko" ist zwar nicht der neue Film von Fatih Akin, aber trotzdem steckt der erfolgreiche deutsch-türkische Regisseur hier zumindest ein bisschen mit drin, denn als Produzent ermöglicht er seinem langjährigen Schützling Özgür Yildirim dessen ersten Kinofilm. Und was Yildirim hier präsentiert, das hat schon was. Eine harte und schnörkellose Gangsterballade, eine Variante der bekannten "Ein Mann kämpft sich nach oben"-Story nach Scarface-Schema, verlegt ins Hamburger Kiez- und Kleinkriminellenmilieu.
Während der Handlungsverlauf dabei bekannten Pfaden folgt und einmal mehr die Mär von der tödlichen Spirale erzählt, die unweigerlich zuerst nach oben und dann in den Abgrund führt, weiß Debütant Yildirim vor allem handwerklich zu überzeugen. Sein Film erweist sich als reinrassiges, rasantes und kompaktes Unterhaltungskino und ist dabei deutlich weniger tiefgründig als die Werke des Kollegen Akin. So spielt der Immigrationshintergrund der Protagonisten keine größere Rolle, um türkische Kultur und deren Widersprüche zur westlichen Lebensweise geht es hier nicht. Die Möchtegerngangaster sind Türken, der Drogenkönig ein Deutscher, aber das wird nicht weiter thematisiert.
Um eine einigermaßen realistische, oder sagen wir besser authentische Darstellung der Lebensverhältnisse ist Yildirim aber sehr wohl bemüht. Die meisten Szenen spielen an Originalschauplätzen und dies sind dann eben diejenigen Hamburger Stadtteile, die man ansonsten nicht unbedingt als Postkartenmotiv findet. Die Verwendung aktueller Jugendsprache der Marke "Alda" und "Digger" wirkt dabei nur zu Beginn etwas aufgesetzt und manchmal leicht ungewollt komisch. Sich dessen bewusst sorgt sie aber sogar für ein paar gelungene Gags, wenn sich z.B. Tibet verdammt zusammenreißen muss um in Gegenwart seiner Mutter nicht in jedem zweiten Satz "verfickt" zu sagen - das hat dann schon fast etwas von Selbstreflexion.

Wer sich "Chiko" zu Gemüte führen möchte, sollte sich aber auch auf ein ordentliches Maß an Brutalität gefasst machen, denn in dieser Hinsicht ist der Film nicht gerade zimperlich. Die eine oder andere Szene erweist sich sogar als kleiner Schlag in die Magengrube (vor allem die Behandlung von Tibets Mutter durch die Schergen des Auftraggebers), andererseits sind diese Momente aber auch angebracht und sinnvoll, um das daraus resultierende, oft sehr extreme Verhalten der Figuren zu erklären. Dass diese trotzdem nicht immer (oder genau genommen sogar nur äußerst selten) "vernünftig" agieren, liegt dann wohl in der Natur der Sache, sprich der Geschichte die hier erzählt werden soll.
Moritz Bleibtreu in der Rolle des Big Boss Brownie merkt man zwar die Freude an, auch mal so eine Figur spielen zu dürfen, allerdings kann er oft nicht den Eindruck verwischen, dass er eben genau das tut, nämlich "spielen". Etwas überraschend dagegen die Wahl von Denis Moschitto als Titelfigur. Der ist zwar seit "Süperseks" und "Kebab Connection" fast schon so eine Art Standardbesetzung für Filme im Hamburg-türkischen Milieu, bietet aber eigentlich nicht die physischen Voraussetzungen für den extrem körperbetont und gewalttätig agierenden Chiko. Oder besser gesagt "bot" nicht die Voraussetzungen, denn da Moschitto diese Rolle unbedingt wollte, hat er sich nicht gescheut entsprechend Muskelmasse anzutrainieren und das sieht man dann auch.

Es fällt leicht, "Chiko" einen grundsätzlichen Vorwurf zu machen, mit dem er sich bei vielen schon fast automatisch disqualifizieren könnte. Gemeint ist die fehlende Möglichkeit der Identifikation mit auch nur irgendeiner der hier präsentierten Hauptfiguren. Warum macht Chiko das, warum verhält er sich so, was treibt ihn an? Wer sich diese Fragen stellt wird kaum zu einem befriedigenden Ergebnis kommen und eventuell für sich beschließen, dass ihm diese Charaktere nichts sagen und er deshalb nichts mit ihnen anfangen kann. Aber muss es wirklich immer so sein, dass man als Zuschauer eine Art Nähe aufbauen und sich "identifizieren" muss? Und wie soll das denn realistisch überhaupt möglich sein, bei einem Blick in eine Halb- und Unterwelt, die den allermeisten wohl Zeit ihres Lebens verschlossen bleiben wird? Die Aussage, dass dieser Typ einfach nur so schnell und einfach wie möglich ein Leben mit Macht und Luxus führen möchte und dabei keine Rücksicht nimmt, mag einem ja selbst eher fremd vorkommen, aber es ist wohl unbestreitbar, dass es solche Menschen gibt und man darf durchaus vermuten, dass man bei denen dann selbst nach intensivem Studium vielleicht keine tiefer gehenden Motive und Beweggründe finden wird.
Mögen braucht man sie nicht, aber als Grundgerüst eines spannenden und unterhaltsamen Spielfilms taugen sie trotzdem. Und wenn man ihre Geschichten zeigen will, dann gibt es dafür sicher schwächere Beispiele als den gelungenen Film von Özgür Yildirim.

Volker Robrahn

3

Als Hamburger, der mitten in einem sogenannten "sozialen Brennpunkt" aufgewachsen ist, habe ich diesen Film schon länger mit Spannung erwartet. Ich bin aber enttäuscht. Mir war der Film einfach zu brutal, oberflächlich und vor allem fehlte mir der Bezug zu den Figuren. Die Motive von Chiko z.B. hätte man da durchaus beleuchten können. Diese bleiben im Film völlig fremd. Ja, der Film ist handwerklich gut gemacht. Ich hätte mir aber eher ein kritischeres Boyz'N The Hood gewünscht, als eine Scarface-Kopie. Ich denke, dass der Film bei vielen Zuschauern zu einem fragwürdigen Kultfilm mit falschen Helden avancieren wird. Da hilft auch das Ende nicht. Ein kleiner Tritt in den Hintern für alle, die es trotz gleicher Voraussetzungen auch ohne Gewalt geschafft haben, etwas aus sich machen.

Ich bin ja etwas schockiert ob des letzten Abschnitts der Rezension: "Gemeint ist die fehlende Möglichkeit der Identifikation mit auch nur irgendeiner der hier präsentierten Hauptfiguren. [...] Aber muss es wirklich immer so sein, dass man als Zuschauer eine Art Nähe aufbauen und sich 'identifizieren' muss?"

Waren eure Rezensionen tatsächlich bisher immer auf die alberne Grundannahme gestützt, dass man sich in einem guten Film mit den Hauptfiguren identifizieren kann? Das ist doch wirklich etwas arg oberflächlich und es wurde somit auch höchste Zeit zu erkennen, dass dies eine sehr eingeschränkte Sicht ist. Wenn sich alle Menschen verstehen würden, warum gäbe es dann überhaupt noch Probleme auf diesem Planeten? Und warum sollte man dann noch ins Kino gehen? Meiner Meinung nach ist Kino genau dann interessant, wenn es verwirrt statt bestätigt, sofern es sich um realistisches Kino handelt.

7

@kritiker :
Ich denke, die Frage kannst Du Dir eigentlich selbst beantworten.
Hattest Du beim Lesen unserer Rezensionen bisher das Gefühl diese seinen IMMER nur auf den Punkt "Möglichkeit zur Identifikation" gestützt? Doch sicher nicht.

Aber "Chiko" ist ein Film, der diesen möglichen Kritikpunkt (der dem Zuschauer fremdbleibeden Charaktere) geradezu anbietet und wenn Du Dich mal etwas umschaust wirst Du auch zahlreiche Bewertungen finden, die sich dankbar auf diese leichte Zielscheibe stürzen. Warum das aber nicht unbedingt so sein muss, das zu verdeutlichen war der Zweck des letzten Absatzes.

7

die erste hälfte der kritik spiegelt exakt wider, wie auch ich den film gesehen habe. sehr gut auf den punkt gebracht.

moritz bleibtreu muß ich allerdings in schutz nehmen. ich hatte die befürchtung, daß er bei so einem erstlingsfilm als arrivierter schauspieler eher als störendes element erscheint, aber er macht seine sache großartig. habe ihn selten besser gesehen. fügt sich perfekt ein und spielt überzeugend.

tatsächlich wirken die allerersten szenen des films schon fast ein bißchen sketchartig. als mitbürger, der „alda“ und „digga“ nicht in der wortwahlfrequenz von 50% seines satzbaus einsetzt muß man da schon ein bißchen kichern und ist kurz davor, die pappkameraden, die das von sich geben nicht ernst zu nehmen. das legt sich nach den ersten zwei, drei szenen dann aber doch recht schnell und man ist hinein geworfen in ein wirklich authentisch erscheinendes umfeld. von da an packt die story und es kommt keine sekunde langeweile auf – auch wenn das schema vom kleinen gangster, der ganz groß ein- bzw. aufsteigen will natürlich schon tausendfach verfilmt wurde.

zum diskutierten punkt der identifikation und motivation: bei einigen filmen empfinde ich das tatsächlich als störend, wenn ersteres fehlt oder zweiteres nicht ausreichend erklärt wird – hier funktioniert es einfach. da braucht es keine rückblendorgie, wo man sieht, wie der kleine chicko von seinem daddy verprügelt wird, wie er seinen ersten döner klaut oder weinend vom jugendamt der mutter entrissen wird. ein paar erklärende dialogfetzen im „digga-alda“ sperrfeuer tauchen ja tatsächlich auf und das reicht schon völlig. vielleicht ja einfach deswegen, weil der hauptdarsteller dennis moschitto wirklich absolut überzeugend spielt. besser kann man das nicht machen.

nach einem erstling im negativen sinne sieht das ganze überhaupt nicht aus: handwerklich ist das ding wirklich perfekt. im positiven sinne merkt man dann vielleicht doch den erstling: da ist noch feuer, energie und leidenschaft.

4

Wow. Ich muss zugeben dass ich sehr überrascht über das doch gute Feedback von "Chiko" bin. Ich kann mich allerdings nicht ganz der Kritik anschließen.
Dafür gibt es für mich einfach zu viele Störgrößen in dem Film. Vermutlich bin ich allerdings auch etwas voreingenommen was mancher dieser Schwachpunkte anbelangt, jedoch ändert es nichts an der Tatsache, dass sie schlichtweg stören.
Das vorallem anfangs extrem aufgesetzte und schon fast peinlich berührende "alder" und "digga", die für mich teilweise extrem nervende "genre-übliche" (wie es so schön in einer anderen Filmplatform genannt wurde) musikalische Untermalung, die in meinen Augen teilweise nicht optimale Darstellung der genauen zwischenmenschlichen Beziehung der Charaktere (einfach zu viele aus dem Nichts kommende, unerklärliche, drehbuchmäßig hilflos wirkende Aktionen von manchen Charakteren um die Handlung weiterzubringen), was wohl irgendwie auch mit der fehlenden Identifikation zusammenhängt.
Irgendwie wird man halt den Eindruck nicht los, dass der Film eine Art Gangster-Film für Arme darstellt, wenn man ihn mit ähnlichen, sehr erfolgreichen Gangster-Filmen vergleicht. Er versucht nicht eigenständig, ein eigener Film zu werden, sondern versucht zwanghaft an die typischen Motive der "Großen" anzuknüpfen und lediglich ein paar eigene Züge, dadurch dass es in Deutschland spielt, einzubauen. Trotz aller Bemühungen wirkt es bei mir nicht wirklich, und hinterlässt einen fast schon hilflosen Eindruck (wie die Charaktere in dem Film selbst).
Trotzdem darf man dem Film viele Stärken nicht absprechen, wie zum Beispiel die gelungene heftige Gewaltdarstellung (die Szene mit Tibets Mutter schmerzt schon ein wenig) und den für mich größten Brüller seit langem (ich sag nur: "ey weißt du wo die Fernbedienung dazu is, alder?").

Ich fand den Film unterhaltsam, schockierend, witzig, spannend und total realistisch! Kein Zweifel, einer der besten Deutschen Filme neben Gegen die Wand!!!!

10

An alle Skeptiker: War ja klar, dass ihr besserwisserischen, klugscheisserischen Amateurkritiker alle euch daran aufhängt, dass der Film mit Begriffen wie "Digger" und "Alter" um sich schmeisst. Ich komme aus HH und kann nur bestätigen, dass genau dieser Aspekt realistisch ist, und das sollte ja wohl der Film sein: realistisch. Und zum andern: Die berühmtberüchtigte Identifikation. Was hättet ihr euch denn gewünscht? Dass Chiko am Anfang als 10jähriger zusieht, wie sein Vater seine Mutter verprügelt? Dass Chiko als 12jähriger klaut? Dass er als 18jähriger in den Bau gehen muss, damit ihr dann widerum sagen könnt: Also, ich als Filmklugscheisser kann nur sagen, dass das Klischee ist?? Nee, das, was da nur angerissen wird, reicht zu 100% dafür aus, was wir als Zuschauer brauchen, denn der Rest wurde gerade in Boyz'n' the hood und in all den anderen Filmen erzählt. Danke, Özgür Yildirim!!!

7

Der Film ist ganz gut gemacht finde ich!Gute Schauspieler,auch das Ende überzeugt!

8

In meinen Augen ist der Film ausgesprochen gut gelungen. Ich hatte allerdings noch nie etwas von ihm gehört, bis ich ihn sah und hatte keine Ahnung was mich erwartet. Nach dem Film war ich schockiert, beeindruckt und konnte definitiv auf "gute" Unterhaltung zurückblicken, die jedoch natürlich nicht seicht oder beschwingt, sondern eher bedrückend ist.
Ich würde mir wünschen, es gäbe mehr solcher Filme. Nicht zuletzt weil ich meine, dass ein Stück deutscher Lebensrealität ganz gut abgebildet wurde und die Geschichte, sicherlich in abgespeckter Form, real sein könnte.

3

scarface für arme...

3

Kann man sehen, oder auch verpassen. Who cares?

Kann mich immer wieder darüber amüsieren, wie die Punktrelation bei filmszene. Chiko - ja, ich habe ihn gesehen (leider) - bekommt 7, Filme wie The Dark Knight, There will be blood und No Country for old men aber dann "nur" 8. Ah ja...

7

Gut in Szene gesetzt und ein gelungenes Ende!
Eine fehlende Identifikation mit Chiko kann ich jetzt nicht wirklich nachvollziehen (und wenn, dann wohl gewollt, um die angebliche "Unnahbarkeit" darszustellen!).
Der Film ist gut umgesetzt, hat aber wohl den nachteiligen Effekt, dass er einer gewissen Gruppe von jungen Vorstadt-Pseudogangstern nun wieder als "Vorbild" dienen wird... in dem fehlgeleiteten Glauben, dass derartige Handlungen "cool", "tight" oder "real" wären und ihre "Street Credibility" erhöhen würden!!! Ich bin schon gespannt, wann ich die ersten Fußgängerzonen-Pseudogangster mit einem in altenglischer Schrift aufgemalten "Chiko" auf der Elle sehen werden!

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