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"Bin Jip"
bedeutet leere Häuser - und genau die
sind der bevorzugte Aufenthaltsort des Hauptcharakters im
elften
Film von Koreas Hochgeschwindigkeits-Filmer Kim Ki-Duk.
Der brauchte
nur neun Jahre, um das schöpferische Dutzend voll zu
machen
(sein nächster Film "Hwal" ist bereits fertig), die
Arbeit an "Bin Jip" von der ersten Drehbuchzeile bis zum
letzten Schnitt hat sogar angeblich nur zwei Monate
gedauert. Bisher
eher für harten Horrorstoff bekannt ("The Isle",
"Bad Guy") zeigt sich Kim in diesem Film von seiner
meditativen,
romantischen, aber vor allem geheimnisvollen Seite.
Sein
Protagonist Tae-suk zieht durch die Wohnviertel einer
koreanischen
Großstadt und klebt Pizza-Prospekte an die Wohnungstüren.
Wenn die Prospekte am nächsten Tag noch da sind, kann er
sicher
sein, dass die Hausherren nicht da sind - und bricht ein.
Stehlen
allerdings tut er nichts. Stattdessen erledigt er die
Wäsche
und repariert kaputte Elektrogeräte - anscheinend als
"Gegenleistung"
für Essen, Badewasser und die Benutzung von Bett und
Fernseher.
Warum er das tut? Das ist eine von vielen Fragen, auf die
"Bin
Jip" keine definitive Antwort liefert - nicht zuletzt
deshalb,
weil Tae-suk den gesamten Film über nicht ein einziges
Wort
sagt. Die spärlichen vorhandenen "Dialoge" werden
im Anfangsdrittel größtenteils von Anrufbeantwortern
bestritten, deren Ansagen Tae-suk abhört um zu erfahren,
wohin
die rechtmäßigen Bewohner verreist sind.
Und
auch als Tae-suk eine ständige Begleiterin bekommt, bleibt
das Gebot der Stille erhalten: Er bricht in ein
vermeintlich leeres
Haus ein und trifft dort auf Sun-hwa, die von ihrem
eifersüchtigen
Ehemann misshandelt und eingesperrt wird. Anstatt den
Eindringling
zu verraten, hält sie zur Begrüßung nur ihren Finger
an die Lippen - ein einmaliges Einverständnis zur
gemeinsamen
Wortlosigkeit, die für den Rest des Films von den beiden
nicht
durchbrochen wird (erst in der allerletzten Szene wird
Sun-hwa zwei
Sätze sagen). Nachdem Tae-suk seine Schweige-Gefährtin
aus den Klammern ihres Ehemanns befreit hat, ziehen die
beiden gemeinsam
durch fremde Wohnungen. Doch Sun-hwas Gatte sinnt auf
Revanche für
die erlittenen Demütigungen - und wird sie auch bekommen.
Wie gesagt: Bei "Bin Jip" bleiben viele Fragen offen
- doch gerade das macht in diesem Falle den besonderen
Reiz, die
spezielle Schönheit und Einzigartigkeit des Films aus.
Tae-suks
offensichtliches Bestreben, sich quasi in einen Geist zu
verwandeln,
der zwar noch da ist, aber von niemandem (außer Sun-hwa)
noch
gesehen werden kann, manifestiert sich in immer
poetischeren, hypnotischen
Bildern - und wird doch nie mit einer klar erkennbaren
Motivation
versehen.
Kim
Ki-Duk erzählt eine Art modernes Märchen, in dem sich
zwei, die füreinander geschaffen sind, finden und alle
Widerstände
überwinden. Aber das heißt noch lange nicht, dass die
Figuren ganz Märchen-typisch moralisch rein bleiben. Dass
Tae-suk
faktisch immer noch ein Einbrecher ist, wiegt da gar nicht
so schwer
- seine überraschenden weil unerwarteten Gewaltausbrüche
(ausgetragen per Beschuss mit Golfbällen) hingegen lassen
unweigerlich
eine ambivalente Hauptfigur entstehen, von der man
letztlich nicht
wirklich weiß, wie man sie einsortieren soll. Erscheint
Tae-suk
in manchen Szenen geradezu engelsgleich, blitzt in anderen
eine
bodenlose Aggression in seinen Augen auf - verstörend,
aber
trotzdem faszinierend.
Auch
thematisch kann "Bin Jip" vieles sein: Eine rührende
Liebesgeschichte, eine Parabel über den Ausbruch aus der
Gesellschaft,
eine melancholische Betrachtung über die Kälte im
menschlichen
Miteinander (jede Wohnung, in die Tae-suk und Sun-hwa
eindringen,
erzählt eine eigene Geschichte - und meistens sind sie
traurig).
Und durch das konsequente Schweigen seiner beiden
Protagonisten
betont Kim nicht nur, dass wahre Liebe ohne Worte
auskommt, sondern
auch, dass wahre Liebe auf der Leinwand das auch kann. Mit
berückend
eleganter Leichtigkeit führt Kim den Zwang ad absurdum,
alles
in Worte fassen zu müssen. Schon allein für das
Meisterstück,
gänzlich ohne Dialoge eine derart ergreifende und
(jawohl!)
tiefgängige Liebesgeschichte zu erzählen, gebührt
Kim höchster Respekt und lohnt sich der Gang ins Kino.
Angesichts dieser Eigenarten von "Bin Jip" ist es fast
müßig zu erwähnen, dass man mit einer konventionellen
Kino-Erwartungshaltung bei diesem Film schnell an die
eigenen Grenzen
stößt. Mit seiner Offenheit für Interpretationen
von Figuren, Motiven und Themen und seiner fast schon
provokativen
Wort-Armut verschließt sich "Bin Jip" aus vollster
Überzeugung standardisierter Film-Erzählung und damit
auch standardisiertem Film-Genuss.
Geradezu wagemutig geht Kim Ki-Duk in jeder Minute das
Risiko ein,
dass der Zuschauer seinen Film als selbstverliebte
"Kunstkacke"
abtut. Doch mit seinen magischen Bildern, der ungemein
sensiblen
Erzählweise, der Liebe zum Detail und nicht zuletzt mit
seinem
lyrischen Ende hält "Bin Jip" den gespannten Zuschauer
90 Minuten in seinem außergewöhnlichen Bann. Wahrlich:
Ein Film, wie man ihn noch nicht gesehen hat.
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