Dem britischen Regisseur Marc Mylod haben wir das Comedy-Desaster
"Ali G in da House" zu verdanken. Vielleicht steht man
deshalb zunächst mit einiger Skepsis seinem neuen Werk
gegenüber.
Doch, welch Überraschung, sein zweiter Film distanziert
sich
sehr von der vulgären Gagkanonade die er noch mit Ali G
voller
Vergügen quer über die Leinwand schoss. Allein die
erste
Szene ist schon richtungweisend: Eine Frau, Margaret
(Holly Hunter),
rennt nur mit einem Bademantel bekleidet durch die
schneeweiße
Landschaft Alaskas. Irgendwann stolpert sie in ihren roten
Hausschuhen,
fällt hin und bleibt liegen, bis sie eine Polizeistreife
aufliest.
Wir befinden uns in einer Kleinstadt im Norden Alaskas.
Pauls (Robin
Williams) Leben könnte besser laufen: Er betreibt das
einzige
Reisebüro in der Stadt. Natürlich hat er sich auf
Südseereisen
spezialisiert und doch ist er hoch verschuldet. Zu Hause
hat er
seine kranke Frau Margaret zu versorgen. Sie leidet am
Tourette-Syndrom.
Außerdem hat Paul noch einen Bruder, Raymond (Woody
Harrelson),
der allerdings schon seit fünf Jahren verschwunden ist.
Nun
erhofft sich Paul, mit der Lebensversicherungssumme
(immerhin eine
Million Dollar) seines Bruders all seine Probleme los zu
werden.
Doch ohne Leiche, kein Geld. Da kommt ihm der Zufall zur
Hilfe:
Paul findet eine von dilettantischen Verbrechern in einer
Mülltonne
zwischendeponierte Leiche und gibt sie als die seines
Bruders aus.
Doch schon bald häufen sich die Zwischenfälle: Da sind
der pedantische Versicherungsagent Ted (Giovanni Ribisi)
und die
unsicheren Gangster noch Pauls kleinstes Problem, denn
Raymond,
der noch sehr lebendig ist, taucht plötzlich wie aus dem
nichts
auf....
Rabenschwarzer
Humor auf eiskaltem und tiefgekühltem Hintergrund. Das gab
es schon einmal im Kino, nämlich in dem 1996
veröffentlichten
"Fargo" der Regiebrüder Ethan und Joel Coen. Sie
nutzten damals die schneebedeckten Landschaften von
Minnesota, um
auf dieser Basis einen bitterbösen, schwarzhumorigen Krimi
aufführen zu können. Jetzt, in "The Big White",
gibt es ebenfalls einen Krimi-Plot. Aber das Drehbuch will
nicht,
dass diese Rahmenhandlung die Atmosphäre dominiert. Es
lässt
dann doch lieber mehr Platz für teilweise wirklich
erfrischenden,
boulevardesken und hoch ironischen, manchmal dann aber
doch äußerst
abgeschmackten Slapstick-Humor.
Dabei fügt sich die wirklich sehr ausgewogene Besetzung in
dieses Zerrbild einer Gesellschaft wunderbar ein. Robin
Williams
darf seinem komödiantischen Wesen den Freiraum lassen, den
er immer so dringen braucht (Nichts ist schlimmer als ein
Robin
Williams, der einen einseitigen Charakter verkörpert).
Giovanni
Ribisi darf einige schöne Ausraster hinlegen und zeigt
sich
in einer bestechenden Form. Aber das absolute Highlight
ist die
weibliche Hauptrolle:
Holly
Hunter darf wieder einmal zeigen, was für ein absurd
komisches
Talent sie besitzt. Wenn sie sich nur mit winzigen
Trippelschritten
vorwärts bewegt, ihre Stimme leicht krächzen lässt
und mit der Entschuldigung des Tourette-Syndroms das
F-Wort verdächtig
oft ausschreit, ist das reinste Comedy vom Feinsten und
einfach
nur zum Schreien komisch. Hunter ist ein Segen für diesen
Film
und auch der vielleicht beste Grund, ihn sich anzusehen.
Ansonsten pendelt "The Big White" mit seiner Stimmung zwischen verheißungsvollem melancholischem Indie-Movie und zwanghaftem Mainstream-Humor. Und das kann man hier getrost als Kritikpunkt anbringen. Es scheint, als sei es Marc Mylod wichtiger, am Timing seiner Gags zu feilen, als sich der Geschichte und den dann doch zu oberflächlich skizzierten Charakteren zu widmen. Er opfert damit auch den Grundton des Films, weil dadurch eine kurzweilige, episodenartige Erzählweise entsteht. Und so zerstückelt lässt sich kein rundes Bild mehr erzeugen. Mylod konzentriert sich nur auf einige wenige Szenen und lässt den restlichen Inhalt seicht nebenher plätschern. Damit ist vieles vorhersehbar und somit auch uninteressant.
So kann man "The Big White" eine gewisse Harmlosigkeit vorwerfen und muss wie erwartet feststellen, dass er an das große Vorbild "Fargo" bei weitem nicht heranreicht. Mylods Groteske hat einige tief greifende inhaltliche und somit auch dramaturgische Schwächen, die selbst die tollen Darsteller nicht wieder wettmachen können. Ein netter Versuch aber, immerhin.


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