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Before Sunset

Before Sunset
drama , usa 2004
original
regie
richard linklater
drehbuch
richard linklater, ethan hawke, julie delpy
cast
ethan hawke,
julie delpy, u.a.
spielzeit
75 Minuten
kinostart
17. Juni 2004
homepage
bewertung

8 von 10 Augen

1994 drehte der Regisseur Richard Linklater, der mit seinem Generation-X-Kultfilm "Slacker" (1991) und der 70er-Highschool-Komödie "Dazed and confused" (1993) erste Achtungserfolge gefeiert hatte, einen klitzekleinen Independent-Film, der die besten Eigenschaften seiner Art par excellence vorführte: Man nehme eine Story mit nur zwei Hauptcharakteren, drehe mit einer kleinen Crew und hauptsächlich natürlichem Licht nur an Originalschauplätzen und in einer preiswerten Umgebung (also nicht in Hollywood oder New York). Wenn man bei dieser sparsamen Produktion dann auch noch einen der abgegriffensten Standards für romantische Liebesgeschichten nimmt, und daraus einen absolut ergreifenden, wundervollen Film macht, hat man wieder mal gezeigt, dass ein wirklich guter Film keine Frage des Geldes, sondern nur des Talents ist.
"Before Sunrise" erzählte die Geschichte von Jesse und Celine, deren Aufeinandertreffen aus einem schlechten Schulzroman stammen könnte: Am letzten Tag vor seinem Rückflug trifft der amerikanische Tourist Jesse (der ewige Slacker Ethan Hawke, für den diese Rolle Image-definierend wurde) im Zug die französische Studentin Celine (Julie Delpy). Nach einer kurzen Unterhaltung sind sie sich sympathisch genug, als dass Celine Jesses Einladung annimmt, in Wien mit ihm auszusteigen und sich in der Stadt zusammen die Nacht um die Ohren zu schlagen, bevor am Morgen sein Rückflug nach Amerika geht. Und so wanderten die beiden die ganze Nacht und den ganzen Film lang durch Wien, trafen manch lustige Gestalten und unterhielten sich über Gott und die Welt. Und unter der schützenden Decke der endlosen, faszinierend-banalen Dialoge wuchs heimlich eine unaufdringliche Liebesgeschichte heran, getragen vom Zauber der plötzlichen Begegnung, von der Möglichkeit einer verwandten Seele, von der Liebe auf den ersten Blick. Lebensnah, präzise und zugleich subtil fingen Linklater und seine beiden herausragend spielenden Hauptdarsteller diese zart knospende Romanze mit all ihren Hoffnungen, Zweifeln und Versprechen ein, während sie gleichzeitig zwei Charaktere von enormer Tiefe entwarfen. Das ergab nicht umsonst einen der schönsten und echtesten Liebesfilme der 90er Jahre.
Das bewusst offene Ende - am Ende trennen sich ihre Wege, doch man verspricht sich ein Wiedersehen am Bahnhof sechs Monate später - ließ Raum für Spekulationen, und schließlich auch für eine Fortsetzung.
Neun Jahre später setzte sich das kreative Trio wieder zusammen und konzipierte das Wiedersehen von Jesse und Celine. Er ist inzwischen Roman-Autor, der mit der Fiktionalisierung seiner Erlebnisse aus der damaligen Nacht Erfolge feiert und auf Promo-Tour nach Paris kommt. Dort trifft er in einem Buchladen auf Celine, und die beiden nutzen die knappe Stunde Freiraum in Jesses Terminkalender für den nächsten Spaziergang durch eine europäische Hauptstadt. 
Wieder gesehen haben sie sich damals nicht in Wien, aus lebensecht banalen Gründen, doch das Warum ist eigentlich auch egal, wenn der große romantische Traum geplatzt ist. So lebten Jesse und Celine beide ihr normales Leben weiter, heirateten und bekamen Kinder, aber vergessen haben sie sich nicht. 
Und so wird die wahre Geschichte auch in "Before Sunset" vornehmlich unter den Dialogen erzählt, in den zarten Gesten der Schauspieler, die soweit mit ihren Charakteren verwachsen sind, dass sie mit einem einzigen kurzen Blick mehr zu sagen vermögen als mit tausend Worten, so kitschig das auch klingen mag. Für eine gute Stunde spielt sich der emotionale Aufruhr des Wiedersehens mit der vermeintlich größten Liebe des eigenen Lebens einzig in der dezenten Körpersprache von Hawke und Delpy ab - und das ist fast faszinierender anzusehen, als sich auf die Dialoge zu konzentrieren.
Diese Gespräche illustrieren derweil Celines und Jesses Lebenssituation, mit allem was dazugehört. Karriere, Familie, Lebenserfahrung und damit einhergehende Abgeklärtheit, aber auch ewig nagende Zweifel, zurückgelassen von den langsam verloren gegangenen Idealen der Jugend. Hier vervollständigen Linklater, Hawke und Delpy das Generationsportrait, das sie mit "Before Sunrise" begonnen hatten, und folgern erstaunlich nüchtern, dass auch für ihre Generation die Träume der Jugend häufig nicht mehr als Träume waren, und dass der Kampf um die Erhaltung dieser romantischen Ideale nicht nur sehr schwer, sondern vielleicht gar nicht zu gewinnen ist. Wie sagte John Lennon so schön: "Life is what happens while you're busy making other plans."
Was im Vergleich zum ersten Teil fehlt ist vor allem der besondere Charme des Drehorts. Die verwinkelten Gassen Wiens trugen mit ihrem ganz eigenen Charakter entscheidend zur Atmosphäre von "Before Sunrise" bei, zudem war der eher zufällig gewählte Drehort erfrischend unabgegriffen. Paris hingegen ist - bei aller Schönheit - ein romantischer Allgemeinplatz, der sich mit Seine-Bootsfahrt und Aussicht auf Notre-Dame (und trotz Linklaters Auge für die kleinen Details einer Stadt) die meiste Zeit auch so anfühlt. Die Dialoge wiederum sind mit den Charakteren reifer und auch etwas gesetzter geworden, häufig fehlt ein wenig die Spontaneität und Begeisterung von früher. Ein Vorwurf für die Authentizität der gealterten Figuren kann das natürlich nicht sein, es beeinträchtigt jedoch ein wenig den Genuss des pausenlosen Redeflusses. Auch wenn trotzdem angemerkt werden muss, dass das Autoren-Trio das verbale Hin und Her über die gesamte Länge abwechslungsreich und interessant gestaltet und die Dialoge nie von authentisch nach aufgesetzt abrutschen.

Ob Jesse und Celine heute wie damals in ihr altes Leben zurückkehren, oder ob die konstant in der Luft liegende Chance auf einen unverhofften Wendepunkt in ihrem Leben Gestalt annimmt, bleibt bis zum Ende die offene Schlüsselfrage. Es sei nur soviel gesagt: Der Schluss ermöglicht durchaus ein weiteres Kapitel, und auch wenn "Before Sunset" die einfache Brillanz und herzerwärmende Frische seines Vorgängers nicht ganz erreicht: Es war schön, Jesse und Celine wieder zusehen. Und wer weiß, vielleicht begegnen wir den beiden in zehn Jahren noch einmal auf der Leinwand. Europa hat noch so viele schöne Hauptstädte ….

Frank-Michael Helmke

9

@farant: man kann ihn sich aber auch zu zweit anschauen. Der Vorteil besteht nämlich darin, dass man dann die Möglichkeit hat, direkt im Anschluss über die Fortsetzung zu diskutieren.

Ich fand den Film sehr interessant. Die Meinungen zeigen deutlich wie oberflächlich manche Leute sind. Warum schaue ich mir einen Film, von dem ich weiß, das mir die Handlung nicht zusagt (man liest ja schließlich vorher die Rückseite des Covers, oder?). Allen, den dieser Film nicht gefällt, kann ich nur sagen: versucht mal ein anständigen Dialog zu führen (ohne das es zwei Monologe werden). Danach werdet ihr sehen, was ihr nicht könnt und was der Film euch zeigen könnte.

7

Habe mir jetzt endlich in einem kleinen Kino die Fortsetzung von "Before sunrise" angeschaut. Leider reicht er an den ersten Teil nicht ganz heran, obwohl die beiden mich auch in der Fortsetzung berührt haben und man für eine gute Stunde aus dem Alltag heraus gehoben wurde. Die alte Vertrautheit zwischen ihnen ist sofort wieder da, das wirkte echt. Allerdings hätte ich beim Wiedersehen etwas mehr spontane Freude erwartet. Andererseits kann es auch Verlegenheit gewesen sein, aber ich habe im letzten Drittel immer drauf gewartet, dass zwischen ihnen diese Intensität spürbar wird wie im ersten Teil, und dass vielleicht für einen Moment ganz ohne Worte. Das habe ich vermisst. Aber die beiden sympathischen Darsteller haben mir, wie schon in "Before sunrise" gezeigt, dass der Augenblick zählt, und nur eines im Leben uns wirklich lebendig machen und erhalten kan - die Liebe!

Fand den Film hervorragend. Gerade weil er sehr authentisch wirkt. Natürlich würde kaum jemand ein Gespräch 1 Std. lang in diesem Tempo u. Niveau in so einer Situation halten, dass muß in einem Film verdichtet werden, sonst wird es wirklich uninteressant. Aber die Dialoge u. noch mehr die Gesten waren 100% stimmig. Nach 9 Jahren Eheleben bzw. Parnerschaft, geht man unsicher u. evtl. auch etwas schüchtern aufeinander zu, gerade weil man sich mal viel Bedeutet hat. Diese Distanz wird mit kleinen Schritten, nach u. nach aufgehoben. Das ist sehr gut gespielt u., jedenfalls für mich, absolut stimmig. Und warum wird es für viele erst Interessant, wenn die Protagonisten eines solchen Filmes miteinander ins Bett gehen??Das sagt garnichts aus - 1000x gesehen u. immer wieder unwichtig! Hut ab vor dem Trio Linklater/Delpy/Hawke - eine große Leistung in einem kleinen Film

8

Ich habe mir den Film gestern noch einmal im Fernsehen angeschaut und fand, drei Szenen waren besonders stark: Die Szene auf dem Boot, wo sie ihm erzählt, dass es die Kleinigkeiten bei einem Menschen sind, die sie anziehen, und sie nie jemanden vergessen kann, mit dem sie mal zusammen war. Dazu der Blick von ihm, wie er sie ansieht, während sie das erzählt...die Szene im Auto, wo sich beide ihr Unglücklichsein offenbaren...und natürlich am Ende, als sie ihm vorsingt. Sehr schön.

9

Gestern habe ich mir Before Sunset das zweite Mal angesehen. Das erste Mal war ich mit meinem Mann schon vor einiger Zeitim Kino und wir waren völig fasziniert von diesem Film. Er hat mich sehr lange beschäftigt und immer habe ich mir vorgenommen, Before Sunrise ebenfalls zu sehen. Nachdem ich ihn nun neulich als DVD kaufen konnte habe ich beide Folgen an einem verregneten Nachmittag geschaut. Diese Filme schafften es, mich raus aus dem Alltag zu holen. Mit sowenig Mitteln soviel auszudrücken erfordert schon gansz besondere Schauspiel- und Regiekunst. Ganz wunderbar.

10

Absolut genialer Film. Sogar noch besser als sein Vorgänger. Ich musste richtig staunen das der Film so schnell zu Ende war, es kam mir eher vor wie 5 Minuten. Wohl ein Zeichen wie unglaublich leicht er ist. Die Kulisse wurde perfekt gewählt, die Atmospäre entspricht tatsächlich einem schönen Pariser Sommertag.

Mich wundert es nur, dass die Kritiken hier so weit auseinander gehen, hätte ich doch durchgehend positive Rezensionen erwartet. Bloß ist der Film wohl nicht für alle etwas, da er keine Banalitäten oder dumme Sprüche enthält, die für amerikanische Filme kennzeichnend sind. Also nur für Leute mit Niveau gedacht.

7

Meine Anmerkungen zum Film "Before Sunset" kommen ziemlich zeitversetzt, da ich erst jetzt dazu gekommen bin, mir die Fortsetzung zu "Before Sunrise" anzuschauen. Da wir aber alle 9 Jahre warten mussten, bis Ethan und Julie (oder besser: Jesse und Céline) sich wiedersehen und wir endlich erfahren (oder doch nicht), wie es mit ihnen weiter gegangen ist und weiter geht.... macht dieser späte Kommentar sicher auch nichts mehr aus.
Alle wissen, die beiden Figuren leben in der gegenwärtigen Zwischenzeit noch weiter, auch wenn der zweite Film es geschafft hat, viele Illusionen und jugendliche Erwartungen (offene, beide Figuren so lebendig machende Fragen zu ihrer Zukunft) aus ihrem ersten Treffen einzuengen oder gar zu zerstören.
Mir gefällt zunächst nicht, dass die Kritik (Frank Michael Helmke) zum Film von 1994 schreibt: "Geschichte von Jesse und Celine, deren Aufeinandertreffen aus einem schlechten Schnulzroman stammen könnte" - hat der Autor dieser Zeilen nicht gel(i)ebt, oder ist er nie gereist?
Auch ich habe einmal einen Menschen, dem ich in anderthalb Tagen schnell sehr nahe war, aufgrund von äußeren Umständen (Standby-Flugticket in der Tasche, kaum noch Geld im Portemonnaie, Handies und Emails gab es damals auch noch nicht, eine feste Adresse des Anderen auch nicht) an einem Busbahnhof in einer beiden fremden, aber schönen Stadt (Granada) stehen lassen müssen. Allein durch diese Erfahrung hat mich an den letzten Szenen des ersten Films nur gestört, dass sie (Céline) nicht mehr aus dem fahrenden Zug zu ihm hinüber geblickt hat, und er (Jesse) genauso wenig zu ihr.
Dem zweiten Film fehlt neben einer großzügigeren Drehzeit einiges: 15 Tage sind nach 9 Jahren einfach zu wenig, oder anders gesagt: zu wenig zielführend angepackt worden - man hat den Eindruck, entweder der Kameramann oder die Cutterin seien andere, was aber nicht der Fall ist. Man vermisst, vor allem die anderen, in "Before Sunrise" wie zufällig auftretenden Figuren (wie der Poet und die Wahrsagerin, ja sogar die Amateurschauspieler mit der Kuh), die die Atmosphäre noch mehr beleben und verzaubern. Auch die Kulisse (obwohl Paris als vielgepriesene "Stadt der Liebe" ja unzählige Szenerien und Möglichkeiten bieten würde) tritt hier nicht als einer der Charaktere auf, wie dies im ersten Film noch mit Wien gelang.....
Liegt es daran, dass uns die Nacht mehr Raum zum Träumen gibt? Der Tag eher dem Pragmatischen, Sinnorientierten, Analysierenden zugeordnet ist? (Oh, jetzt rede ich ja schon wie Céline!....oder eher wie Jesse?;-) )
Oder liegt es daran, dass, je älter wir werden, tatsächlich die äußeren "Zwänge" (wie Geldverdienen-Müssen, auch - unfreiwillige - Familiengründung, Konzentration auf einen bestimmten Alltags-Partner und dessen uns evtl. fremdes Weltbild - oder anderweitige Verpflichtungen wie sich anhäufender Besitz oder Gewöhnung an einen bestimmten 'Lifestyle') unsere Fantasie "den Bach 'runtergehen" lassen? Wieso kommt es bei den wenigsten Menschen dazu, tatsächlich mit seinem "SoulMate" (Seelenverwandten) eine lange Beziehung eingehen zu können - oder wieso zerstört der Alltag, die Gewohnheit, dieses Gefühl, und lässt uns daran zweifeln, mit dem / der Richtigen zusammen zu sein?
Haben Céline und Jesse bei ihrem Spaziergang an der Seine entlang erkannt, dass sie sich besser ab und an nur für kurze Zeit treffen, sich über ihr Leben und ihre zu dem Zeitpunkt stattgefundene Entwicklung austauschen, um dann wieder in ihre eigene Welt einzutauchen? Ist Céline allein aus diesem Grund zu Beginn ihres Wiedertreffens so nüchtern und zurückhaltend - dass der Zuschauer das Spiel der zauberhaften Julie Delpy aus Teil Eins zunächst kaum wieder zu erkennen vermag?
Oder sind beide durch ihre Berufe, ihre individuell (ohne den anderen) eingeschlagenen Lebenswege reifer, aber auch steifer geworden?
Der Film benötigt einiges an Zeit (mindestens bis zum Verlassen des Pariser Eckcafés), bis der Ideenaustausch der beiden wieder emotionaler, lebendiger und damit ansteckender und interessanter = ebenso faszinierend/begeisternd (idealistisch und jugendlich hoffnungsvoll auf eine Zukunft, in der alles möglich ist) wie in Teil Eins wird.
Ganz kurz blitzt Célines anbetungswürdiges Seelenleben auf, als sie beschreibt, wie jedes kurze Liebesabenteuer in ihrem Leben einen Eindruck hinterlassen hat, dass niemand austauschbar in ihren Erinnerungen ist, selbst wenn sie für die andere Person evtl. gar nicht so wichtig gewesen ist.
Die Tatsache, dass sie während ihrer Dialoge eher von ein paar Joggern überholt werden, als dass sie auf interessante, bunte Vögel (wie damals in Wien) treffen, hat sicher damit zu tun, dass es sich um Geschehen am Tag handelt. Außerdem spielt es eine Rolle, dass sie sich nun im neuen Millenium, in der 2000er Dekade befinden, und nicht mehr in den Nachwehen der schrillen 80er Jahre (die ersten Jahre der 90er waren ja auch noch 'ausgeflippt' und frei).
Bitte zeigt mir z.B. einen Barmann, der tatsächlich einem jungen Paar eine Flasche Wein schenken würde, nur damit sie die Nacht ihres Lebens verbringen können. Auf eine derartige Idee wäre der Regisseur heute sicher auch nicht mehr gekommen. Lag es nur an der mangelnden Drehzeit? Zeit für die Entwicklung von Ideen hatten Richard Linklater und seine Hauptdarsteller ja genug, während sie über einige Jahre das Drehbuch in Emails von Koninent zu Kontinent gemeinsam schrieben.
Statt kauziger Figuren werden ein paar historische Überlegungen über die ehrfurchteinflößende Schönheit von Nôtre Dame eingestreut, die trotz Befehl nicht einmal deutsche Wehrmachtssoldaten zu zerstören wagten. Eine nette Geschichte, wie sie aus dem Paris-Reiseführer gegriffen zu sein scheint.....
Julie Delpy sagt es selbst: "You know, the world might be less free than we think."
Kurz darauf erwähnt sie auch noch Jesse's Ehe und wahrt damit weiter Distanz zu ihm.
Jesse lässt sich sehr lang über sein selbstauferlegtes Pflichtgefühl aus. Dies scheint parallel zu seinem unerfüllten Sexleben zu stehen - spiegelt das viele gelangweilte Ehen wieder? Fühlen wir uns in den weiteren traurigen Beschreibungen seines Ehelebens unter Umständen an das streitende, in sicher jahrelang gleich ablaufende Patterns verstrickte österreichische Ehepaar im Zug erinnert, welches Teil Eins "Before Sunrise" einleitete ?
Natürlich sind Céline und Jesse nicht so, sie wollten nie so werden, doch wie soll man es bewerten, dass sie am Ende von "Before Sunset" in ihrem Appartment wieder dort weitermachen, was einmal vor neun Jahren in einem Wiener Park begonnen hat? Ein kleiner Seitensprung zu Jesses enttäuschender Ehe, oder der erste Schritt in ein anderes, reizvolleres Leben .... das Essen der Nachbarn in Célines Hinterhof lässt ein wenig von dem Paris erahnen, das wir im Hintergrund der vorhergegangenen, endlosen Dialoge kaum erlebt haben.
Der Regisseur greift den selben Trick aus dem ersten Teil noch einmal auf: wieder lässt er das Ende offen. Wir wissen nicht, ob Jesse das nächste Flugzeug nimmt, in den USA seinen Sohn in die Arme schließt und dann eine Entscheidung trifft, sobald er die nächsten Worte zu seiner Frau spricht.
Wir wissen allerdings, dass die Céline und Jesse in einer nächsten Fortsetzung ihre Midlife Crisis überwunden haben sollten - denn allzusehr fühlten wir uns bereits diesmal an unser eigenes, unerfülltes Liebesleben erinnert, als das wir uns dies noch ein weiteres Mal anschauen wollten.

Ein film über zwei menschen die sich 1h und 20 min anlügen.
Wunderschön.
ich glaube es kommt darauf an wie man sich anlügt.

So richtig verstehen kann man die beiden "Before" Filme nur, wenn man
selber geliebt hat und geliebt wurde. Noch besser - wenn man auch was
Ähnliches erlebt hat. Ich selber gehöre zu den Glücklichen. Bei mir war die Zeitspanne sogar 44 Jahre lang. Grandiöse Filme. Grandiös wie
das wahre Leben!

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