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Bad Boy Kummer

Bad Boy Kummer
dokumentation , schweiz 2010
original
regie
miklós gimes
drehbuch
miklós gimes
cast
tom kummer,
andreas lebert,
alexander osang,
markus peichl, u.a.
spielzeit
92 Minuten
kinostart
5. Mai 2011
homepage
http://www.w-film.de
bewertung

7 von 10 Augen

Sharon Stone. Pamela Anderson. Charles Bronson. Tom Kummer hatte sie alle.
Oder auch nicht.

Der Journalist Tom Kummer war Mitte der 90er im deutschsprachigen Raum der König der Star-Interviews, bis er im Jahr 2000 von einem Reporter des "Focus" öffentlich als Fälscher entlarvt wurde. Dabei hatte alles so toll geklungen: mit Tom Kummer sprach Sean Penn über Kierkegaard, und Mike Tyson über Hemingway. Und der harte Knochen Charles Bronson über seine Liebe zu Orchideen und seinen grünen Daumen. Sensationell, aber leider alles erfunden. Jahrelang hatte Kummer es geschafft, die Crème de la Crème des deutschen Journalismus zu foppen. Er schrieb für das Magazin des Schweizer "Tagesanzeiger", für "Stern", "Spiegel", "Tempo" und das Magazin der Süddeutschen Zeitung. Und nie hat sich jemand darüber gewundert, was für außergewöhnliche Interviewantworten Kummer seinen Gesprächspartnern entlocken konnte. Nicht mal, als Sharon Stone angeblich im Interview mit ihm flirtete.

Wie dies passieren konnte und warum Kummer überhaupt Interviews über Jahr hinweg erdichtete, diesen Fragen versucht Miklós Gimes in seiner Dokumentation über das Enfant Terrible des deutschen Journalismus nachzugehen. In reizvoller Videoclipästhetik und unter Einblendung von Stars in ihren berühmten Rollen sowie immer wieder Aufnahmen des Tom Kummer, der anscheinend seit den 80er Jahren jeden Auswurf seines Gehirns und jede seiner Launen auf Film bannte, kommt der Regisseur seinem Objekt zwar sehr nahe, kann dieses aber nicht durchschauen. Kummer inszeniert sich immer und überall und redet in Sätzen, die alle mit einem Ausrufezeichen enden könnten, doch schließlich banal sind, da er sie sofort wieder verwirft.
Gimes versucht gar nicht erst objektiv zu sein. Er gehört selbst zu denen, die Kummer nicht durchschaut hatten. Gimes war Kummers Chef beim Magazin des Schweizer "Tages-Anzeiger". Der Journalist und Regisseur selbst glaubte damals, Tom Kummer sei einfach ein toller Hecht, der könne das, der hätte den Zugang, sagt er selbst vor der Kamera. Dass Kummer schon Anfang der 90er Jahre Reportagen erfand, als Gimes sein Vorgesetzter war, erfuhr er erst beim Drehen. Im Gegensatz zu ihm, der sich und die Situation mehr als zehn Jahre später verstehen will, bekommen viele der anderen Journalistenkollegen und Chefredakteure bei Erwähnung dieses schwarzen Schafes immer noch Schaum vorm Mund.
Die Nummer mit Kummer führte dazu, dass die beiden Chefredakteure des Magazins der "Süddeutschen Zeitung", Ulf Poschardt und Christian Kämmerling, gefeuert wurden. Leider wollten sie nicht im Film auftreten. Kummer hingegen bekam nie juristische Konsequenzen zu spüren. Er schrieb ein Buch über den Skandal ("Blow up") und zeigt bis heute keinerlei Reue. Bis heute tun auch Poschardt und Kämmerling ihm nicht leid. "So blöd kann doch niemand sein, zu glauben, dass ich das jetzt wirklich echt so 1:1 geliefert bekommen habe von einem Star." Das ist seine Meinung.

Für "Bad Boy Kummer" fuhr Gimes mit Kummer von L.A. bis Bern, von München bis Berlin und befragte dessen Wegbegleiter danach, wie das alles passieren konnte. Bis heute findet sich keine Antwort, wie denn alle wegschauen konnten, wenn es um diese so untypischen Starinterviews ging, wie es sein konnte, dass niemand von etwas gewusst haben wollte. Der Gründer des SZ-Magazins, Andreas Lebert, sagt dazu: "Die Kummer-Interviews fanden alle gut, ja, nicht nur gut, sondern sensationell." Sowas hat man gern in seinem Medium. Und so wurde wohl wenig gefragt.
Wie in "Bad Boy Kummer" gesagt wird, gab Kummer dem deutschsprachigen Bildungsbürgertum, was es lesen wollte und worin es sich wiederfinden konnte. Er ließ die Stars so reden, wie jeder sie hören wollte. Und so lustig sich die Passagen aus den Interviews heute anhören, so glaubhaft schienen sie vielen damals. So sprachen Tom Kummer und Mike Tyson angeblich so:

"Für viele sind sie ein Monster."
"Das mag sein. Ein Monster, für das Kämpfen soviel bedeutet wie für Einstein das Denken oder für Hemingway die Wörter. Erst über das Kämpfen kann ich den Wert meiner Existenz erkennen. In dieser Beziehung bin ich etwas romantisch."

Um es mit den Worten von Markus Peichl (Ex-Chefredakteur Tempo) zu sagen: "Entweder Mike Tyson muss im Schnellverfahren zu einem Nobelpreisträger mutiert sein, oder das Ding ist von hinten bis vorne gefaket."
Nachgefragt hat damals trotzdem keiner.

Kummer selbst sagt zu seinen Anfängen als Interview-Erdichter: "Ich hab's einfach mal probiert. Es war ein klarer Auftrag: "Schreiben Sie ein Interview" und das hab ich dann einfach gemacht."

Heute ist Tom Kummer Tennistrainer für Paddle-Tennis in L.A. und lebt dort mit seiner Frau und seinen Kindern. Auf die Eingangsfrage von Gimes, was er seinen Kindern in zehn Jahren sagen würde, wenn sie fragen, was er da eigentlich gemacht hatte, gibt Kummer als Antwort: Er sei ein "Bad Boy" gewesen. Doch verzückte dieser "Bad Boy" die Journalistenelite vier Jahre lang. Die Auflagen stiegen, das Renommee ebenfalls und die anderen Reporter bekamen Ärger, warum ihre Interviews so langweilig waren im Vergleich zu denen des strahlenden Sterns Kummer.

Nach "Bad Boy Kummer" kommt man als Zuschauer nicht umhin, die damalige, blind machende Faszination für seine Texte zu verstehen. Wie soll unter den heutigen Bedingungen von Star-Interviews auch noch ein wirklich interessantes Gespräch entstehen? Wie soll ein Journalist spannende Interviews mit neuartigen Inhalten, also" echte", aufregende Nachrichten bringen, wenn er in einer Gruppe von acht Leuten nur einige Minuten mit einem Star verbringt und jede riskante Frage verboten ist?
Oder, um Kummer zu zitieren, der ein Interview mit Pamela Anderson erfand, weil er das echte Gruppeninterview zu "Baywatch"-Zeiten so langweilig fand: "Und natürlich wäre dann die Frage ‚Sind deine Titten echt oder nicht?'. Aber wenn wir das gefragt hätten, dann wäre man sofort rausgeflogen."

Margarete Prowe

Die Faszination für die Interviews, ähneln in gewisser Weise die für Magie. Natürlich kann man einen Journalisten der gefälschte Interviews geschrieben hat nicht mit einem Magier vergleichen, aber diese unverständliche Sehnsucht nach Etwas das praktisch nicht existent ist bewegt die Menschen. Die Interviews sind genauso eine Traumvorstellung wie das Trugbild das durch einen gelungen Trick entsteht. Trotzdem werden Menschen davon anzezogen, wie Moten vom Licht. Wenn der Traum schöner ist als die Realität, wird alles andere wohlwollend ausgeblendet. Ein Magier verzaubert sein Publikum nicht anders. Der Film dokumentiert das ganze relativ gut.

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