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Alles Routine

Alles Routine
komödie , usa 1999
original
office space
regie
mike judge
drehbuch
mike judge
cast
jennifer aniston,
gary cole,
ron livingston,
john c. mcginley,
stephen root, u.a.
spielzeit
89 Minuten
kinostart
10. Juni 1999
homepage
bewertung

4 von 10 Augen

Manchmal ist man wirklich froh, wenn man (noch) Student ist. Zum Beispiel bei diesem Film. Denn als Student sieht man ihn sich an und lacht, als Büromensch sieht man ihn sich an, lacht, und ist nachher wahrscheinlich völlig deprimiert.

„Alles Routine“ hat einen echt starken Anfang. Während den Opening Credits beobachten wir den Protagonisten des Films, Peter, und seine Arbeitskollegen im allmorgendlichen Verkehrschaos. Mit wenigen Bildern wird hier die ganze Frustration, die in einem Stau schlummert, eingefangen, und die Hauptcharaktere sind bereits deutlich gezeichnet, bevor sie auch nur einmal den Mund aufgemacht haben. So geht es weiter. Peter trifft in seiner Firma ein, ein typisches Großraumbüro mit Arbeitsplätzen in Würfelform. Die monotone Stimme der Telefondame macht einen schon nach zwei Minuten wahnsinnig, das Radio im Würfel gegenüber nervt total, und da kommt auch schon der Chef um die Ecke, und hält einen kleinen Vortrag über das neue Deckblatt, das man bei seinem letzten Bericht vergessen hat (in kurzen Abständen kommen dann noch zwei andere Chefs vorbei und halten den selben Vortrag). Es dauert genau drei Minuten, bis Peter zu seinen beiden Freunden geht und erstmal eine Kaffeepause gegenüber vorschlägt.

Es ist ganz klar: Peter hat alles andere als Freude an seinem Job. Sein Leben ist leer, langweilig, er hat keine Ziele und keine Perspektive. Seine Freundin schleift ihn zu einem Hypnose-Therapeuten, weil sie glaubt, das könnte ihrer Beziehung helfen. Peter gesteht: „Seit ich diesen Job habe, ist jeder Tag schlimmer als der vorherige. Also ist es jedesmal der schlimmste Tag meines Lebens, wenn sie mich sehen.“ Der Psychiater versetzt Peter in Hypnose, so daß er absolut zufrieden und ausgeglichen ist und sich nicht mehr über seinen Job Sorgen macht. Peter grinst zufrieden, und dann bekommt der Psychiater einen Herzinfarkt und stirbt. Ohne Peter aus der Hypnose zu befreien. Der kümmert sich von nun an einen Scheiß um seinen Job, sagt den Rationalisierungsfachmännern, die gerade seine Abteilung „effizienter“ machen, daß er effektiv nur fünfzehn Minuten die Woche arbeitet, geht fischen statt arbeiten und weidet die Beute anschließend auf seinem Schreibtisch aus.

Bis hierher etwa ist „Alles Routine“ ein wirklich guter Film. Die Witze sitzen, die Charaktere passen, das Timing stimmt. Aber dann scheinen Mike Judge, bekannt geworden als Schöpfer von „Beavis & Butthead“, irgendwie die Ideen auszugehen. Die Handlung bewegt sich schnurstracks auf einer vorhersehbaren Abfolge von stereotypen Plotpunkten, der satirische Charakter geht völlig flöten und die guten Ansätze vom Anfang werden total aus den Augen verloren. Während die ersten fünf Minuten noch als wirklich geniale Satire auf den alltäglichen Horror des Bürolebens daherkommen, ist davon am Ende nichts mehr übrig, und der Gag mit der Hypnose geht auch irgendwo verloren. Nachdem genug Witze damit gemacht wurden, verfällt Peter in ein Verhalten, das jeder an den Tag legen würde, der sich über die Erbärmlichkeit seines Berufslebens klar geworden ist. Von daher ist es nicht weiter erstaunlich, daß er auch nie aus dieser Hypnose geweckt wird.

Sinnbildlich für den teilweise arg einfallslosen Plotverlauf ist ausgerechnet der einzige Star des Films, Jennifer Aniston. Sie spielt eine Kellnerin (Moment, das erinnert mich doch an irgendeine Fernsehserie ...) namens Joanna, die in Peter’s Lieblingsrestaurant arbeitet, und in die er sich natürlich verliebt. Die wird dann auch gleich nach der Hypnose eingeladen und ist sofort seine neue Freundin. Dann kommt die obligatorische Trennung aufgrund eines dummen Mißverständnisses und die Versöhnung. Der ganze Charakter ist völlig überflüssig. Einzig interessant wird Joanna durch ihren Arbeitsplatz. Die Angestellten in diesem Restaurant müssen an ihren Hosenträgern mindestens fünfzehn Buttons tragen, um das „Flair“ des Ladens auszumachen. Natürlich sieht es der Manager gerne, wenn die Kellner sich „einbringen“ und mehr als fünfzehn Buttons durch die Gegend tragen, so daß sich Joanna anhören muß, warum sie immer nur das Minimum an „Flair-Buttons“ verwendet. Das ist ein schöner, subtiler Gag über die bescheuerten Motivierungsstrategien der Neunziger, aber das rechtfertigt immer noch nicht diesen überflüssigen Charakter. Man kann nicht leugnen, daß Judge durchaus nette inszenatorische Ideen hat. In einer Szene z.B. zerlegen Peter und seine Freunde einen Kopierer mit einem Baseball-Schläger, während Musik und Optik direkt aus einem Ghetto-Nigger-Film á la „Menace II society“ stammen könnten. Das ist amüsant anzusehen, und es ist auch nicht so, daß man am Ende weniger lacht als am Anfang. Man tut es nur nicht mehr so herzhaft, und die Witze haben einen anderen, weniger bösen Charakter angenommen.

„Alles Routine“ ist kein wirklich schlechter Film. Es ist nur so, daß die ersten zwanzig Minuten ein Bild davon vermitteln, was er hätte sein können, und dann wirkt es schon irgendwie enttäuschend, zusehen zu müssen, wie der Film immer weniger originell und immer mehr Standard wird. Was bleibt, ist eine nette, aber gegen Ende doch etwas lahme Komödie über den wahren Horror des Berufslebens. Das Prädikat „bitterböse Satire“, das bei solchen Filmen immer gerne verliehen wird, hat er jedoch schon nach zwanzig Minuten verwirkt.

Die Idee zu „Alles Routine“ kommt übrigens aus einigen Cartoons, die Mike Judge einst für „Saturday Night Live“ gemacht hat. Die Hauptperson hieß Milton, ein wahres Wrack von einem Büromenschen, dessen einziger Lebensinhalt nur noch aus der Verteidigung seines Schreibtischs und seines Tackers besteht. Dieser Milton taucht als Nebenfigur (mit entscheidender Funktion am Ende) auch im Film auf, als völlig vertrottelt daherkommender Klops mit dicken Brillengläsern und Bluthochdruck, der ständig vor sich hin murmelt und kaum noch zu einem normalen Gespräch fähig ist. Vom Zuschauer wird erwartet, daß er über diese Figur lacht. Ich konnte nicht lachen, weil ich immer daran denken mußte, daß es tatsächlich so bemitleidenswerte Gestalten gibt, die durch ihre Arbeit völlig deformiert wurden. Das finde ich nicht mehr witzig. Und deshalb bin ich froh, noch Student zu sein, denn nach diesem Film würde ich nicht gerne arbeiten gehen müssen.

Frank-Michael Helmke

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