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Ein neuer Anfang ... - Jetzt auch auf DVD: "Star Trek - Deep Space Nine" - Siebte Staffel

Auch ein neuer Anfang findet einmal ein Ende, und so fand auch "Deep Space Nine" nach sieben Jahren seinen Abschluss (eine Obergrenze, die für Star Trek-Serien seit "The Next Generation" als in Stein gemeißelt zu gelten scheint). Wie es sich für den innovativsten, einfallsreichsten und packendsten Ableger des Trek-Universums gehört, war natürlich auch dieser Abgang etwas ganz Besonderes, und war gleichzeitig der krönende Abschluss einer Staffel, die auch in ihren Anfangsepisoden mühelos das extrem hohe Niveau zu halten verstand, welches die Serie inzwischen erreicht hatte.

Soll man diese letzte Staffel dabei mit einem einzigen Wort charakterisieren, so ist das wohl "mutig". In dem sicheren Wissen, dass dies ihr letztes Jahr sein würde und in dem Bewusstsein, dass die im Vergleich zur betriebsinternen Konkurrenz geringer ausfallenden Zuschauerzahlen zumindest aus einem Publikum bestanden, das die gewagten Storybögen zu schätzen wusste, ließen die DS9-Macher sämtliche Zurückhaltung fallen und fuhren schon mit der Saison-Eröffnung ihre Storyline mit voller Geschwindigkeit Richtung Mythos. Die Doppelfolge zu Beginn konzentriert sich dabei auf einen der komplexesten Subplots der ganzen Serie: Die Wandlung Benjamin Siskos zu einer religiösen Ikone, tatsächlich einem Halbgott, und die gleichzeitige Akzeptanz dieses Schicksals durch den Captain selbst. Schwere Kost, wie die Klitschkos sagen würden, aber dennoch fabelhaft durchgeführt, wobei die für DS9 typische, bedachte Ausarbeitung dieses Subplots über lange Zeit (genau genommen ja schon seit der allerersten Folge) sicherlich von Nutzen war, damit das Publikum diesen Brocken etwas besser schlucken konnte.
Ziemlich gewagt auch die Episode "Verrat, Glaube und ein gewaltiger Fluss", eine Mischung aus leichter Komödie und einem für den gesamten Serienplot entscheidenden Kriegsdrama: Während Chief O'Brien auf der Station seine liebe Not mit den Ferengi-typisch eigenartigen Beschaffungsmethoden seines Adjutanten Nog hat, trifft sich Odo mit einem Desertierungs-willigen Weyoun. Dieser eigentliche Hauptplot der Episode macht sie schlussendlich dann auch zu einem der Höhepunkte dieser letzten Staffel, gelingt doch eine intelligente Beleuchtung über den Hintergrund der Vorta-Rasse, während zugleich der die Gründer schließlich zu Grunde richtende Virus erstmals Erwähnung findet.
Richtig düster wird es in "Die Belagerung von AR-558", wo Sisko und seine Besatzung einer stark dezimierten Sternenflotten-Einheit bei der Verteidigung einer wichtigen Kommunikationsbasis helfen. Das lobenswerte Bestreben der DS9-Macher, in ihrer epochalen Storyline auch die schrecklichen Seiten des Krieges nicht zu vergessen, findet hier seinen Höhepunkt in der Schilderung des dreckigen, dunklen und hoffnungslosen Daseins an der Frontlinie. Bei dieser vornehmlich im Dunklen spielenden Episode fallen allerdings erstmals bei einem der DS9-DVD-Sets bedenkliche qualitative Mängel bei der Digitalisierung auf: Das Bild wirkt oft pixelig und undeutlich und fällt signifikant ab von der für gewöhnlich sehr hohen Qualität dieser DVD-Umsetzungen. Der Wirkung der Geschichte tut dies indes keinen Abbruch: "Die Belagerung von AR-558" bietet einige der stärksten Einzelmomente der gesamten Kriegs-Storyline, eines der packendsten Dramen der ganzen Serie, und ganz sicher das größte Nahkampf-Gemetzel in der Trek-Geschichte, und liefert außerdem eine grandiose Abhandlung darüber, dass die klingonische Moralphilosophie - dass eine Schlacht ein ruhmreicher Erfolg ist, solange sie nur gewonnen wird - eindeutig zu simpel ist. Eine Erkenntnis, die auch das Finale der Serie nicht vergessen wird.
Soviel deprimierende Ernsthaftigkeit braucht auch mal etwas Auflockerung, und für die sind in der siebten Staffel vor allem zwei Episoden zuständig. Zum einen "Wettkampf in der Holosuite" (der sich auf das beliebte amerikanische Baseball-Lied "Take me out to the ballpark" beziehende Originaltitel "Take me out to the Holosuite" ließ sich nicht angemessen übersetzen), in der Solok, ein arroganter vulkanischer Sternenflotten-Captain und alter Erzfeind von Benjamin Sisko, die Stations-Besatzung zu einem Duell auf dem Baseball-Feld herausfordert. Das ist eine dieser Folgen, die man schon wegen ihrer Prämisse lieben muss, doch die gesamte Episode wird gleich noch viel lustiger, wenn man den Subtext richtig liest - denn hier geht es eigentlich nicht um impulsive Menschen und emotionlos-logische Vulkanier, sondern um das Duell zwischen lachsen Amerikanern und strengen Japanern in der beiderseits so geliebten Sportart Baseball. Wie so oft ist "Star Trek" am besten, wenn es - ernsthaft oder süffisant - real existierende Bedingungen unserer tatsächlichen Welt kommentiert.
Der zweite Comedy-Höhepunkt der Staffel ist "Badda Bing, Badda Bang", eine "Ocean's Eleven"-artige, wohlverdiente Ode an den hervorragend gelungenen Nebencharakter des Holo-Crooners Vic Fontaine, und gleichzeitig der letzte Spaß, den man in dieser Serie vor dem großen Finale haben wird. Der gut gemeinte Seitenkommentar von Sisko über die rassistischen Zustände im Las Vegas von 1962, das Vics Holo-Programm simuliert, wirkt allerdings etwas verkrampft und verfehlt seine Wirkung. Dafür darf der Captain dann aber am Ende der Folge die Showbühne stürmen und gemeinsam mit Vic "The best is yet to come" zum Besten geben - ein wahrhaft prophetisch gewählter Titel, denn hier nach ging es dann richtig rund.
Die nächste Episode "Unter den Waffen schweigen die Gesetze" brachte die mysteriöse Sektion 31 zurück ins Spiel und stellte die letzten Weichen für den gigantischen Showdown, der sich im Anschluss in all seiner dramatischen Wucht und epochalen Größe über sage und schreibe zehn Episoden ausdehnen sollte - das letzte große Wagnis von "Deep Space Nine", und auch dieses gelang phänomenal. Innerhalb dieses Abschlusses noch qualitative Unterschiede zu suchen wäre Haarspalterei, denn was sich hier über eine Gesamtlaufzeit von mehr als sieben Stunden entfaltet, ist in seiner hochspannenden und kongenialen Zusammenführung von so ziemlich allen Handlungsfäden, die "Deep Space Nine" ausgemacht haben, der schlichtweg atemberaubende Höhepunkt der bisherigen Trek-Geschichte. Ein ganz sicher mehr als würdiges Ende für eine der wohl besten Fernsehserien, die es je zu sehen gab.

Das erneut umfangreiche Bonus-Material des DVD-Sets passt sich dem feierlichen Anlass an: Man verzichtet diesmal komplett auf Makeup- oder Effects-Dokumentationen, und präsentiert statt dessen einen nostalgischen Abschied in mehreren Teilen, der sehr schön zeigt, wie sehr den Machern und Darstellern selbst diese Serie am Herzen gelegen hat - mit einigen wirklich rührenden Momenten.
Die verbleibenden Crew-Dossiers gehen an Jack und Benjamin Sisko, wobei Letzteres eine gelungene Würdigung des besten und komplexesten Charakters von "Star Trek", als auch seines brillanten Darstellers Avery Brooks schafft, ein wahrhaft großer Schauspieler. Eine kleine Extra-Akte gibt es dann auch noch für Ezri Dax alias Nicole de Boer, deren spätes Auftreten in der Serie natürlich untrennbar mit dem nach wie vor bedauerlichen Ausscheiden der beliebten Terry Farrell als Jadzia verflochten ist. Auch wenn das denkbar ungünstige Voraussetzungen sind: Ezri brachte für die letzte Staffel eine angenehme Frische in das routiniert laufende Charakter-Szenario und konnte der Serie zum Ende noch einmal ein wenig zusätzlichen Schwung geben.
Außerdem erwartet den geneigten Fan ein unverzichtbarer Beitrag namens "Morn speaks", eine besondere und verdiente Ehre für einen Charakter, der in sieben Jahren nicht ein einziges Wort gesprochen hat. Allerdings schwingt in dieser Kurzdoku ein unübersehbares Gefühl von Reue mit in den Worten von Morn-Darsteller Mark Allen Shepherd, der nicht verhehlen kann, dass er mit seiner ewigen Dialoglosigkeit nicht wirklich glücklich gewesen ist.
Die zahlreichen "Hidden Files" schließlich verstecken diesmal quasi kleine "Crew Dossiers" zu den wichtigsten Nebencharakteren der Serie, die bis hierher noch nicht gewürdigt wurden: Martok, Nog, Rom, Vic Fontaine, Gul Dukat, Brunt, Weyoun, Kai Winn, Gowron und Cassidy Yates. Hier kann man unter anderem lernen, warum erfahrene Shakespeare-Darsteller bevorzugt als Klingonen besetzt wurden, und weshalb man als klingonischer Stammcharakter in "Star Trek" hoffen sollte, niemals in einem der Kinofilme vorzukommen. Das netteste Resümee für seine Figur zieht Max Grodenchik, der den Ferengi Rom spielte: Es kann einem wirklich die Hoffnung zurück geben, wenn der hässlichste und dümmste Charakter auf der ganzen Station im Laufe der Serie zum Herrscher des eigenen Volkes aufsteigt und auch noch das hübscheste Mädchen heiraten darf. Na, wenn das kein nettes Schlusswort ist.

Frank-Michael Helmke